Prozess ohne Leiche Nadine - vom Vater verscharrt und spurlos verschwunden

Susanne und Daniel M. sollen ihre Tochter Nadine misshandelt und verhungern lassen haben. Danach zeugten sie ein weiteres Kind und gaben es für Nadine aus. Die Leiche ist bis heute verschwunden - jetzt wird den Eltern der Prozess gemacht.

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Gifhorn - Der Fund des Leichnams könnte vielleicht etwas Licht in das dunkle Geheimnis der Familie M. bringen. "Für beide Seiten - für uns und die Staatsanwaltschaft - wäre das von Vorteil", sagt Arne Böthling, Daniel M.s Verteidiger. "Es ist zwar fraglich, aber die Hoffnung besteht, dass man an der Leiche die Todesursache feststellen könnte." Denn Daniel M. behauptet, Nadine sei im Januar 2003 aus ihrem Hochbettchen gestürzt, auf den Betonboden geprallt und Tage später an den Verletzungen gestorben.

Die Terrasse der Wohnung in Gifhorn, in der die Familie M. lebte: "Als die Familie hierher zog, lebte Nadine nicht mehr"
DPA

Die Terrasse der Wohnung in Gifhorn, in der die Familie M. lebte: "Als die Familie hierher zog, lebte Nadine nicht mehr"

Die Staatsanwaltschaft wirft Nadines Eltern dagegen in einer 41-seitigen Anklageschrift Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlung von Schutzbefohlenen vor. Daniel M. soll seine Tochter zwischen Dezember 2001 und August 2002 immer wieder verprügelt, ihre kleinen, nackten Füße auf glühend heiße Herdplatten gestellt und sie misshandelt haben, bis die Zweijährige elendig verhungerte. Doch niemand weiß, wann genau das Mädchen mit den blonden Haaren und den blauen Augen starb - außer ihrer Eltern, Susanne und Daniel M.

Das Ehepaar steht ab heute vor dem Landgericht Hildesheim. Auftakt eines Prozesses ohne Leiche. Denn diese verscharrte der 32-jährige Familienvater im Harz, auf einem Parkplatz in einem Waldstück zwischen Bad Gandersheim und Seesen. Zweimal grub die Polizei dort intensiv nach dem Leichnam, suchte fieberhaft mit Spürhunden - vergeblich.

"Ich denke, wo die Leiche ist, wird im Prozess nicht geklärt werden", so Böthling. Der Verteidiger hält es für wahrscheinlich, dass sie bereits von Tieren zerfressen wurde. Daniel M. habe sie nicht tief genug vergraben, und außerdem sei das auch schon einige Jahre her.

Daniel M. hat im Verhör immer wieder beteuert, er habe seine Tochter nicht getötet oder misshandelt. Aber er hat gestanden, sie vergraben zu haben - aus Angst vor dem Jugendamt.

Denn ausgerechnet Daniel M.s Vater, Udo R., zeigte im August 2001 seinen eigenen Sohn wegen Körperverletzung an und gab zu Protokoll, Daniel M. misshandle Nadine. Das Kind war damals zehn Monate alt. Nadine und ihre Geschwister werden daraufhin untersucht. Sie seien gesund, gut ernährt, alles bestens, attestiert ein Arzt am 14. August 2001. Der Bluterguss an Nadines Kopf stamme von einem Sturz, sagen ihre Eltern, der Arzt hält die Erklärung anhand der Verletzung für glaubwürdig. Trotzdem wird die Familie ab jetzt vom Jugendamt betreut.

Die Eltern entwickeln einen grausamen Plan

Doch Anhaltspunkte dafür, dass die Kinder vernachlässigt oder misshandelt werden, bleiben aus. Die Betreuung wird Mitte 2002 eingestellt. Wie lange Nadine danach noch lebt, ist unklar und wird ebenfalls nicht im Prozess geklärt werden können. Ihre Eltern behaupten, sie sei im Januar 2003 nach dem Sturz aus ihrem Hochbett gestorben. Doch auf einem Familienvideo von Weihnachten 2002 fehlt das zierliche Mädchen bereits. Die Ermittler sollen Anhaltspunkte dafür haben, dass Nadine schon im Spätsommer 2002 ums Leben kommt.

Um nicht aufzufallen, ziehen der Hartz-IV-Empfänger und seine Frau mit den anderen vier Kindern im Februar 2003 aus dem niedersächsischen Neudorf-Platendorf ins vier Kilometer entfernte Gifhorn.

Dann das Unfassbare: Um den Tod ihrer Tochter zu vertuschen, zeugen Susanne und Daniel M. ein weiteres Kind, bringen es im Oktober 2003 in einer heimlichen Hausgeburt zur Welt. Es wird ein Mädchen, sie nennen es Nadine - und geben es als die dreijährige Nadine aus, die sie vergraben haben. Der arbeitslose Kfz-Mechaniker und die Hausfrau klammern sich an die Hoffnung, dass ihr Vertuschungs-Plan aufgeht.

Immer wieder fragen Familienmitglieder und Freunde nach Nadine. Sie werden mit Ausreden wie erfundenen Kinderkrankheiten oder Ferienaufenthalten abgekanzelt. Den lästigen Fragen weichen die Eltern schließlich aus, indem sie alle sozialen Kontakte abbrechen. Doch das tödliche Geheimnis belastet die Ehe. Im Oktober 2006 hält die sechsfache Mutter den Druck nicht mehr aus, die 30-Jährige vertraut sich ihrer Freundin Melanie J. an.

Nadine - verbrüht, verhungert, verscharrt

Diese gilt nun als Hauptbelastungszeugin, die heute im Prozess aussagen wird. Ihr soll Susanne M. gebeichtet haben, dass Daniel M. Nadine nichts zu essen gab, als sie selbst im Krankenhaus lag. Nach dem Klinikaufenthalt habe sie ihre Tochter völlig abgemagert vorgefunden, ihre Füßchen völlig verbrannt. Die Dreijährige habe furchtbar geschrieen, dann irgendwann damit aufgehört - und als sie tot war, habe sie sie tagelang im Haus aufgebahrt. Als der Leichengeruch nicht mehr zu ertragen war, habe Daniel M. sein eigenes Kind verscharrt.

Melanie J. alarmiert sofort die Polizei. Beamte klingeln bei der Familie - und werden gleich misstrauisch, als ihnen ein "augenscheinlich viel jüngeres Kind präsentiert wurde", so ein Polizeisprecher. Nadines Geschwister - fünf Kinder im Alter von einem bis elf Jahren - seien weder verwahrlost noch in einem schlechten Zustand gewesen. "Alle wurden amtsärztlich untersucht. Es wurden keinerlei Anzeichen für Misshandlung oder Vernachlässigung entdeckt", so der Polizeisprecher.

Die Schulbehörden waren der Familie M. auf der Spur

Der Druck lastete auch deshalb so schwer auf der sechsfachen Mutter, weil das Ehepaar bereits unter Beobachtung der Schulbehörden stand: Denn Nadine, geboren am 2. Oktober 2000, sollte am 1. August 2007 eingeschult werden. Weil in Niedersachsen Schulkinder 16 Monate vor dem ersten Schultag zu einem Vorstellungstermin müssen, benachrichtigte die Alfred-Teves-Schule im Frühjahr die Eltern. Sie vereinbarte mit ihnen einen Gesprächstermin für den 20. März 2006. An diesem Tag sollten die Eltern mit Nadine zur Schule kommen. In letzter Sekunde sagten die Eltern ab: Nadine habe Windpocken.

Die Schule schickte einen Brief mit einem neuen Termin, am 21. April 2006. Doch wieder kamen die Eltern nicht. Diesmal ohne Absage. Zu einem kurzfristig vereinbarten Termin drei Tage später erscheinen Susanne und Daniel M. mit der dreijährigen Nadine und geben sie als die drei Jahre ältere Schwester aus. Obwohl die Eltern beteuern, ihr Kind leide unter Kleinwüchsigkeit fällt einer Lehrerin sofort auf: Das Mädchen ist zu klein für eine Sechsjährige. Sie spricht schlecht. Die Pädagogin schaltet das Gesundheitsamt ein.

54 Zeugen in einem außergewöhnlichen Prozess

43.000 Menschen leben in Gifhorn. Die Großfamilie M. wohnte in einem Sechziger-Jahre-Bau eines völlig unauffälligen Viertels. Warum niemand Nadines Verschwinden bemerkte, erklärte Walter Lippe, Erster Stadtrat von Gifhorn und Stellvertreter des Bürgermeisters, so: "Als die Familie M. hierher zog, lebte Nadine nicht mehr. Außerdem sind die M.s in den vergangenen drei Jahren innerhalb von Gifhorn mehrfach umgezogen."

Die kinderreiche Familie habe sehr zurückgezogen gelebt, bestätigt auch ein Polizeisprecher. "Dem äußeren Anschein nach lebte sie in geordneten Verhältnissen." Die Kinder seien regelmäßig zur Schule gegangen. Es habe keine Anzeichen von Misshandlungen oder Vernachlässigungen gegeben.

Die Staatsanwaltschaft hat in dem außergewöhnlichen Prozess 54 Zeugen geladen. Heute werden neben der Hauptbelastungszeugin auch die Eltern von Daniel M. aussagen. Sein Vater Udo R. betreibt eine kleine Autowerkstatt bei Gifhorn. Er hat seinem Sohn, den er selbst anzeigte und der zuvor noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geriet, zum Pflichtverteidiger einen weiteren Anwalt zur Seite gestellt. Das einzige, was er jetzt noch für seinen Sohn tun kann.



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