Prozess Schamanin soll sich 630.000 Euro erschlichen haben

"Madame Sophia" versprach verzweifelten Menschen, mittels Magie ihre Probleme zu lösen. Mehr als 630.000 Euro soll die Frau sich so erschlichen haben. Nun muss sie sich wegen Betrugs vor Gericht verantworten. Alles eine Frage des Glaubens, sagt ihr Verteidiger.

Von Simone Utler


Baden-Baden - Eine Frau, deren Mann schwer erkrankt war, hielt ihre Familie für verflucht - und suchte Hilfe bei "Madame Sophia". Immer wieder rief sie die vermeintliche Magierin an, soll für die Beratungen insgesamt rund 35.000 Euro gezahlt haben.

Ein Mann, der in einer tiefen Ehekrise steckte, nahm ebenfalls die Hilfe der selbsternannten Schamanin in Anspruch. Diese soll ihm erzählt haben, sie müsse magische Rituale durchführen, historische Pergamente nutzen. Mit 80.500 Euro soll "Madame Sophia" von dem Mann entlohnt worden sein. Er verbrauchte all seine Ersparnisse, nahm einen Kredit auf.

Insgesamt hat sich "Madame Sophia" laut Staatsanwaltschaft Baden-Baden zwischen 2003 und Mitte 2007 mehr als 630.000 Euro ergaunert. In 228 Fällen soll die 49 Jahre alte Frau aus Rastatt ihren Kunden Hoffnung auf schnelle Hilfe gemacht haben. Einer Frau soll sie gedroht haben, sie mit einem Fluch zu belegen, als diese nicht bezahlen wollte.

Seit Mittwoch muss sich die vermeintliche Schamanin wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Erpressung vor dem Landgericht Baden-Baden verantworten. Sie sei eine Magierin der alten Schule und habe ihre Fähigkeiten "von Oma gelernt", sagte die gepflegt wirkende Angeklagte zum Prozessauftakt.

Ihre Kunden akquirierte "Madame Sophia" über Anzeigen, unter anderem in Spezialmagazinen wie der "Astrowoche". In ihrem Inserat pries sie ein ganzes Spektrum an magischen Fähigkeiten an: brasilianische Magie, kubanische Magie, alte hebräische, keltische und schwarze Magie, Voodoo. Sie arbeite mit Gott, Erzengeln und Dämonen, nutze Kräuter, Pergamente, Spiegel, Voodoo-Puppen. Angeblich kann sie Lottozahlen vorhersagen und Misserfolg im Büro abwenden. "Alles, was man sich in diesem Bereich vorstellen kann", sagt Michael Klose von der Staatsanwaltschaft Baden-Baden.

Einstiegspreis für eine Sitzung: 1000 bis 1500 Euro

Die Beratungen erfolgten fast ausnahmslos per Telefon - um einen Kontakt herzustellen, ließ sich "Madame Sophia" von ihren Kunden Bilder, Haare und andere persönliche Gegenstände schicken.

Einstiegspreis für eine Sitzung: 1000 bis 1500 Euro. "Wenn sie erkannte, dass ein Kunde vermögend ist, hat sie auch mehr verlangt", so Klose. Auch seien die Beratungen zunehmend teurer geworden: Während die erste Sitzung bei einem Geschädigten noch 500 Euro gekostet habe, zahlte dieser später Beträge von 2000, 4000, 8000, 9000 und einmal sogar 22.000 Euro. "Als Ursache für die hohen Kosten nannte sie den Einsatz von sehr teuren Utensilien wie historischen Pergamenten", so Klose.

Die Opfer befanden sich zumeist in schwierigen Lebensphasen. Ehekrisen, Krankheiten, Verlustängste, Todesfälle in der Familie wurden genannt. Hilfesuchende aus ganz Deutschland, aus allen Schichten, Männer wie Frauen wählten "Madame Sophias" Nummer.

Eine Frau hatte Probleme mit einem untreuen Ehemann, eine andere wollte mit Voodoo ihren Lebensgefährten am Weggehen hindern, ein Landwirt hatte als Ursache für die wirtschaftlichen Probleme seines Bauernhofes einen Fluch ausgemacht.

"Die Tragik dieses Falls liegt in den persönlichen Schicksalen dieser Menschen", sagt Klose. "Sie waren leichte Opfer, weil sie sich in Lebenskrisen befanden." Nun sei nicht nur das Geld weg, sondern sie seien in einer besonders schweren Zeit noch einmal enttäuscht worden.

Einem wurde es dann offenbar zu viel: "Madame Sophia" wurde angezeigt und kam in Untersuchungshaft. Gegen Kaution kam sie frei, im Mai 2008 wurde sie angeklagt.

"Mitglied eines Naturvolkes"

Für die Verteidigung ist klar: Ihre Mandantin hat nicht betrogen. "Sie hat magische Fähigkeiten, ist in ihrer Sippe als Schamanin anerkannt und schon in mehreren TV-Sendungen aufgetreten", sagt Rechtsanwalt Steffen Ufer, einer von mehreren renommierten Strafverteidigern, die die 49-Jährige vertreten. "Sie kann Partnerschaften verbessern, bei zwischenmenschlichen Problemen oder Lebenskrisen helfen - sie hat nie behauptet, heilen zu können", so Ufer. Bei den ersten Befragungen durch die Polizei habe sie den Betrug lediglich eingeräumt, um ihre Situation zu verbessern.

Tatsächlich bestätigte ein für den Prozess bestellter Gutachter, dass sich die Angeklagte selbst für jemanden mit übersinnlichen Kräften hält. Dem Experten zufolge ist sie schuldfähig.

"Madame Sophia", die kaum lesen und nicht schreiben kann, leitet ihre besonderen Fähigkeiten ihrem Anwalt zufolge daher ab, dass sie "Mitglied eines Naturvolkes" ist. Die deutsche Sinti, die bei Karlsruhe geboren ist und deren Familie seit vielen Jahren hierzulande lebt, kam schon als kleines Mädchen mit Magie in Kontakt: Ihre Großmutter, bei der sie aufwuchs, gab innerhalb der Familie seit Generationen überliefertes "Wissen" weiter. So will "Madame Sophia" im Kindesalter beispielsweise gelernt haben, welche Wurzeln oder Kräuter wann und wie eingesetzt werden können.

In dem Prozess geht es nach Angaben der Verteidigung nun vor allem um zwei Fragen: Glaubt man an so etwas? Und wie viel ist einem der eigene Glaube wert?

"Wer an so etwas glaubt, wurde auch nicht getäuscht", sagt Anwalt Ufer. "Da befinden wir uns in den Grauzonen des Strafrechts." Es sei ähnlich wie mit einem Placebo oder Homöopathie. Manchen Menschen habe "Madame Sophia" geholfen - aber sie habe nie eine Garantie gegeben. Es lasse sich auch kaum nachweisen, wie es den Kunden ohne die Gespräche ergangen wäre.

Vielleicht habe sie manchmal "ein bisschen zu viel Geld" verlangt. Von Reichen habe sie höhere Beträge genommen, in einigen Fällen, in denen Menschen in Not geraten waren, habe sie das Geld aber sogar zurückgegeben.

Ein weiterer Anklagepunkt ist eindeutiger - und wird von "Madame Sophia" zugegeben: Sie hat zwischen 2005 und 2007 unberechtigt Arbeitslosengeld in Höhe von mehr als 30.000 Euro erhalten. Das Geld wird sie laut Ufer zurückzahlen. Wovon die 49-Jährige, die von ihrem Mann getrennt lebt und einen behinderten Sohn hat, derzeit lebt, wollte der Anwalt nicht sagen.

Von den rund 630.000 Euro, die sie mit ihrer vermeintlichen Magie eingenommen hat, fehlt jede Spur. Die Staatsanwaltschaft hat nichts gefunden, als sie versuchte, das Geld für die Geschädigten zu sichern.

Mit Material von dpa



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