Prozess um Babys in Tiefkühltruhe "Ich wollte das Kind, ich hätte es nie wegmachen können"

Die Eltern waren im Urlaub, die Kinder suchten in der Tiefkühltruhe nach Pizza - und fanden drei Babyleichen: Vor dem Landgericht Siegen muss sich eine mehrfache Mutter wegen Totschlags verantworten. Jetzt hat Monika H. ausgesagt - und ihre eigene Version der Todesfälle geschildert.

Aus Siegen berichtet


Siegen - Warum hat keiner etwas bemerkt? Drei Schwangerschaften - und niemandem fiel etwas auf. Monika H. habe ihre besonderen Umstände auch deshalb verheimlichen können, weil sie so füllig sei, sagten Ermittler und Nachbarn, als die drei toten Babyleichen im Mai dieses Jahres entdeckt wurden.

Den Schwurgerichtssaal 165 betrat dagegen nun eine eher unscheinbare Person, weder korpulent noch kräftig, schwarz gekleidet, die dunkelbraunen Haare an einigen Stellen ergraut. Vor den Fotografen und Kameras versuchte sie sich zu verhüllen, mit einer Sonnenbrille und einem schwarzen Pullover.

Monika H. muss sich wegen zweifachen Totschlags vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Siegen verantworten. Die 44-Jährige soll laut Anklageschrift am 30. Dezember 1988 oder wenige Tage danach ein Mädchen geboren und unmittelbar nach der Geburt erstickt haben - von ihrer Familie und ihrem Umfeld unbemerkt. Sie wickelte nach Angaben der Staatsanwaltschaft den Babyleichnam in eine Ausgabe der "Westfälischen Rundschau" vom 30. Dezember 1988, dann in ein Handtuch und schließlich in eine Plastiktüte und verstaute ihn in der Tiefkühltruhe.

Im Jahr 2004 soll Monika H. erneut ungewollt schwanger geworden sein. Auch dieses Mädchen erstickte sie laut Staatsanwaltschaft oder ließ es zumindest unversorgt. Anschließend wickelte sie das tote Kind demzufolge in zwei Handtücher, danach in eine Einkaufstüte und legte es zu seinem toten Schwesterchen in die Tiefkühltruhe.

Gewünscht, dass alle überleben

Der Tod eines dritten Neugeborenen, das die Mutter 1986 zur Welt gebracht und ertränkt haben soll, kann nicht angeklagt werden, weil der Fall bereits mehr als 20 Jahre zurückliegt und somit als potentielles Totschlagsdelikt verjährt ist.

Monika H. äußerte sich am Dienstag erstmals zu den Vorwürfen. Aufgrund ihres psychischen Zustandes war die 44-Jährige seit der Entdeckung der Babyleichen im Mai nicht vernehmungsfähig gewesen. Die Kammer hatte sie daher vor vier Wochen von der U-Haft in der JVA Gelsenkirchen entlassen, damit sie sich in eine therapeutische Behandlung gibt.

Gemeinsam mit ihren beiden Verteidigern Andreas Bartholomé und Katrin Braun aus Köln konnte sie nun schildern, warum die drei Mädchen nicht mehr lebten. Bevor sie sich den Fragen der Kammer stellte, ließ Monika H. ihre Erklärung von ihren Anwälten verlesen. Sie selbst wischte sich dabei fortwährend Tränen aus den Augen. Laut ihrer Darstellung starben die Babys kurz nach der Geburt beziehungsweise kamen tot zur Welt. Sie habe sich jedoch gewünscht, dass alle überleben.

Sie habe die Schwangerschaften verdrängt und gleichzeitig darauf gewartet, dass sie von ihrem Mann oder anderen angesprochen wurde - oder zumindest auf den richtigen Augenblick, es selbst zu sagen. Aber der richtige Augenblick sei nicht gekommen.

Nach welchem Prinzip ließ die sechsfache Mutter ihre Kinder leben oder nicht? Monika H. gebar im Jahr 1984 ihre Tochter Stefanie und 1985 ihren Sohn Sebastian. Dann verheimlichte sie zwei Schwangerschaften, in den Jahren 1986 und 1988. Im Jahr 1990 brachte sie ihren Sohn Johannes zur Welt. 2004 verstaute sie ein drittes Neugeborenes in der Tiefkühltruhe.

"Man war dann halt schwanger"

Eine große Familie - die habe sie sich immer gewünscht, betonte Monika H. vor Gericht. Doch die entsprechende Planung habe sie mit ihrem Ehemann nicht thematisiert. Eine Schwangerschaft sei nichts Besonderes gewesen. "Man war dann halt schwanger." Keiner verlor darüber ein Wort, am wenigsten scheinbar die Angeklagte selbst.

Umso widersprüchlicher ihre Aussagen, dass ein Abbruch der Schwangerschaft für sie dennoch nie in Betracht kam, wie die Hausfrau vor Gericht beteuerte. "Nein, ich wollte das Kind. Ich hätte es nie wegmachen können."

Warum mussten die drei Mädchen dann sterben? Sie habe "panische Angst vor Ärzten", speziell vor der "vaginalen Untersuchung". Nur bei der Geburt ihrer Tochter Stefanie hatte sich die gebürtige Sauerländerin von ihrer Mutter dazu überreden lassen, zu einem Gynäkologen zu gehen.

Ansonsten vermied es die mehrfache Mutter grundsätzlich, einen Arzt zu konsultieren. Auch deshalb habe sie die Schwangerschaften nicht wahrhaben wollen, sagte sie.

Von den Geburten, die sie für sich behielt, war sie sich nach ihrer Aussage jedes Mal überrascht, da sie aufgrund fehlender Voruntersuchungen keinen konkreten Geburtstermin hatte. Während sie sich bei den Schwangerschaften mit ihren beiden Söhnen im fortgeschrittenen Stadium dem Mann anvertraute und jeweils zur Entbindung ins Krankenhaus ging, brachte sie drei Babys alleine zur Welt.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.