Prozess um Klatten-Erpressung Justiz verschont Sgarbis Hintermänner

Im Münchner Gigolo-Prozess macht es sich die Justiz einfach: Nach einem schnellen Geständnis verurteilt sie den Erpresser Helg Sgarbi im Eiltempo zu sechs Jahren Haft, ohne sich um seine Hintermänner zu kümmern. Das Erpressungsopfer Susanne Klatten kommt so um einen Auftritt vor Gericht herum.

Von , München


München - Der Anfang zieht sich. Helg Sgarbi betritt um 9.25 Uhr an diesem Montagmorgen den großen Saal A101 des Landgerichts München, den Raum, der immer geöffnet wird, wenn die Prominenz auf der Anklagebank sitzt und das Medieninteresse dementsprechend ist. Bei Boris Becker etwa, der seine Steuern nicht korrekt entrichtet hatte, bei Siemens-Managern, die bestochen hatten, oder beim Medienpleitier Leo Kirch.

Sgarbi, ein 44-jähriges Schweizer Multitalent, ist natürlich nicht prominent, aber dass er sich als Opfer die reichste Frau Deutschlands erwählt hatte, macht ihn immerhin interessant.

Richter Gilbert Wolf, ein braungebrannter Zwei-Meter-Hüne, lässt den Gigolo erst einmal leiden. Ganze sechs Minuten darf sich der Kamerapulk am Anblick des Angeklagten weiden. Sgarbi nimmt die Herausforderung an. Elegant in schwarzes Tuch gekleidet, die Haare gescheitelt und einen Ehering an der linken Hand, blickt er triumphierend ins Blitzlicht. So, als habe er hier nur eine Rolle zu spielen.

Leise wird es, als der Beschuldigte das Wort ergreift. Als er dem Gericht sagt, er sei in Zürich geboren, flüstert er fast.

Erst mal "empört aufgesprungen"

Helg Sgarbi, Übersetzer für sechs Sprachen, erfolgreicher Banker, Berater im Technologiebereich, ehemaliger Oberstleutnant der Schweizer Armee, Jurist und Vater einer sechsjährigen Tochter, interessiert sich für Kunst, Architektur und Tennis. Seine Arbeitgeber loben ihn als extrem belastbar und sorgfältig, vor allem aber staunen sie über seine analytischen Fähigkeiten.

Die dürften Sgarbi geholfen haben, in zwei Wellness-Tempeln in Tirol und Bayern die Gemütslage einsamer Millionärinnen zu scannen.

Dann lief immer dasselbe Drehbuch ab: Sgarbi mimte den Frauenflüsterer, es kam zu heimlichen Treffen an heimlichen Orten, es kam zu Liebesstunden in trostlosen Hotelzimmern. Und es kam die Geschichte vom Verkehrsunfall: Jeder seiner Auserwählten tischte der smarte Schweizer die Story von seinem Crash auf, wahlweise in Italien oder in Miami, bei dem er nicht nur einen Motorradfahrer, sondern auch noch ein unschuldiges Kind umgefahren habe, daraufhin entweder von Zigeunern oder von der Mafia erpresst werde und mindestens drei Millionen Euro auftreiben müsse, um heil davonzukommen.

Die Damen schmolzen dahin und zückten das Portemonnaie, eine stopfte die erforderlichen Geldscheine sogar in eine Suppendose.

Bloß die Milliardärin Susanne Klatten hatte notiert, sie sei erst mal "empört aufgesprungen". Zu Hause plagten sie die Sehnsucht und das Gewissen. "Ich warf mir vor, einen Menschen im Stich gelassen zu haben, der mir sehr nahe steht", notierte die Milliardärin ihre Erinnerungen an die Zeit mit Sgarbi. Die BMW-Großaktionärin zahlte also auch, freiwillig und ziemlich viel: sieben Millionen Euro in vierzehn Klarsichtfolien voller 500-Euro-Scheine, "auch aufgrund der von mir immer wieder festgestellten Übereinstimmung von HS und mir auf vielen Gebieten."

Das Geld lieferte sie quasi frei Haus in einem Umzugskarton in die Tiefgarage des Münchner Hotels, in dem sie mit Sgarbi vertraute Stunden verbracht hatte.

Doch die Summe war noch lange nicht genug. Von Klatten wollte der 44-jährige Sgarbi zunächst 290 Millionen Euro, die sie in eine Stiftung einzahlen sollte, später reduzierte er auf 49 Millionen und am Ende hätte er sich mit 14 Millionen zufrieden gegeben. Bei den anderen Opfern waren die Summen geringer, doch die waren auch bei weitem nicht so reich wie die Quandt-Erbin. Sgarbi hatte seine vermeintlichen Geliebten beim Sex gefilmt und versandte DVDs oder Fotos mit Aufnahmen der intimen Treffen, um seine Forderungen zu untermauern.

Der Beschuldigte räumte alle Vorwürfe der Anklage ein

38 Minuten lang zum Beispiel hatte er sein Zusammensein mit Klatten in dem Münchner Hotel mit einer kleinen Festplattenkamera aufgezeichnet. Eine Sequenz von sieben Minuten sandte er Klatten als Anschauungsmaterial. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Kamera in einer Tasche verborgen war und auf einem Tisch in der Zimmerecke lag, da auf den Aufnahmen am oberen und unteren Rand ein Reißverschluss zu erkennen ist. Der ursprüngliche Verdacht, Sgarbis Komplize und mutmaßlicher Auftraggeber, der italienische Sektenchef Ernano Barretta hätte das Liebesspiel vom Nebenzimmer durch Schlüsselloch gefilmt, ist damit entkräftet.

Dass Susanne Klatten so couragiert war, zur Polizei zu gehen und Sgarbi vor einem Jahr in Untersuchungshaft brachte, damit hatte der Verführer offenbar nicht gerechnet. Doch er scheint nicht nachtragend zu sein. In aller Form entschuldigt er sich vor Gericht "gegenüber den geschädigten Damen". Der Angeklagte verbeugt sich artig, als er diesen Satz aufsagt, ein Mann mit Manieren; und für ein paar Sekunden bekommt man eine Ahnung, warum ihm die deutschen Unternehmerinnen auf den Leim gegangen sind.

Sgarbi ist zudem so entgegenkommend, zu Beginn der Verhandlung ein Geständnis abzulegen. Zumindest wertet es die Kammer als solches. Der Beschuldigte räumte alle Vorwürfe der Anklage ein. Dass er nichts zu seinen Hintermännern sagt, nicht verrät, wo das Geld ist geschweige denn die peinlichen Videobänder, scheint nicht wichtig. Denn immerhin war nun schon nach wenigen Minuten entschieden, dass die betrogenen Frauen nicht öffentlich aussagen müssen. Genau das hatte die Staatsanwaltschaft erreichen wollen. Unvorstellbar, dass ein hartnäckiger Verteidiger vor Gericht Deutschlands prominenteste Großaktionärin über Details ihrer außerehelichen Schäferstündchen ausgequetscht hätte, bis sie möglicherweise Tränen vergießt.

"Nix Gwies' woas ma ned"

Vor lauter Erleichterung konnte es die 8. Strafkammer offenbar kaum erwarten, den Prozess zu Ende zu bringen. "Wollen Sie jetzt plädieren oder eine Pause?", fragt Richter Wolf, kaum dass ein Zeuge vom Landeskriminalamt karge Antworten zu den Ermittlungen über den Verbleib der Millionen gegeben hat: "Nix Gwies' woas ma ned."

Der Staatsanwalt leitet sein extrem kurzes Plädoyer denn auch gleich mit den Worten ein, der Fall sei "juristisch relativ einfach". Mag sein, dass es sich die Justiz im Fall Sgarbi auch einfach macht.

Denn dass Guru Barretta seinen Jünger Sgarbi zum Abschöpfen der reichen Damen getrieben hat, diesen Schluss lässt die Beweislage längst zu. Barretta hatte die Namen, Telefonnummern und Summen in jedem Betrugsfall in seiner Sakkotasche, auf seinem Grund und Boden waren 1,8 Millionen Euro, die vermutlich aus der Beute stammen, versteckt.Es hätte also auch das Strafmaß beeinflussen können, wenn Sgarbi nur als abhängiger Handlanger Barrettas agiert und selbst von den Millionen gar nicht profitiert hätte. Immerhin wurde ein Telefonat zwischen Sgarbis Ehefrau und dem Guru abgehört, in dem sie ihn aufforderte, die Millionen herauszugeben und damit ihren Mann aus dem Gefängnis zu holen. Doch Barretta wird in Italien wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung angeklagt und nicht ausgeliefert.

Neun Jahre Haft forderte die Staatsanwaltschaft für Sgarbi, sechs Jahre verhängte am Ende die Kammer. Das Strafmaß war somit hoch genug, um Spekulationen über Absprachen mit der Justiz zu beenden.

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