Prozess um Zwangsbesuch "Tu das Baby fort"

Zehn Jahre dauert die Affäre, dann wird sie schwanger - doch der Mann will von dem Kind nichts wissen, es nicht mal sehen. Jetzt muss das Verfassungsgericht über die Pflicht zum Kontakt entscheiden. Im Interview mit dem SPIEGEL erzählt die Mutter nun ihre Geschichte.


Karlsruhe - Melanie Frauck (Name geändert) will, dass der Vater ihres jüngsten Sohnes nicht nur für sein uneheliches Kind zahlt, sondern sich um seinen Sohn auch kümmert. Doch seit dessen Geburt verweigert der Familienvater jeden Kontakt. Per Gerichtsbeschluss erzwang Melanie Frauck den "Umgang" des Vaters mit seinem Sohn. Auf Klage des Mannes muss jetzt das Verfassungsgericht entscheiden, ob die Justiz ihn mit der Androhung von Zwangsgeld gefügig machen darf.

Klägerin Frauck*: "Dass er das Kind ablehnt, hatte ich nicht erwartet" (* Name geändert )
Amin Akhtar

Klägerin Frauck*: "Dass er das Kind ablehnt, hatte ich nicht erwartet" (*Name geändert)

SPIEGEL: Frau Frauck, wann hat es zum ersten Mal Probleme mit Ihrem damaligen Geliebten wegen des Kindes gegeben?

Frauck: Das war schon während der Schwangerschaft. Er war ja verheiratet, und in den zehn Jahren, in denen wir ein Verhältnis hatten, hat er schon auch mal gesagt, dass seine Frau nie von unserer Beziehung erfahren und ich deshalb auch nicht schwanger werden darf. Dass er, als ich dann doch schwanger wurde, das Kind so vollkommen ablehnt, hatte ich aber nicht erwartet.

SPIEGEL: Wie hat er denn reagiert?

Frauck: Er sagte: "Entweder ich oder das Kind." Aber Abtreibung kam für mich nicht in Frage. Extrem wurde es dann, nachdem er seiner Frau alles gebeichtet hatte. Da ist seine Zuneigung zu mir abrupt in Hass umgeschlagen.

SPIEGEL: Seine Frau drohte ihm offenbar, sie würde sich von ihm trennen, wenn er auf den Kontakt zu Ihnen und Ihrem Sohn nicht verzichtet.

Frauck: Kurz nach der Geburt kam er noch einmal zu mir, ich habe den Kleinen im Körbchen zu ihm gestellt. Er schaute nicht einmal hin und sagte nur: "Tu das Baby fort." Das haut einer Mutter die Beine weg.

SPIEGEL: Er war aber bereit, Alimente zu zahlen.

Frauck: Nach einem Vaterschaftstest. Da blieb ihm kaum etwas anderes übrig.

SPIEGEL: Was veranlasste Sie dann, ihn zum Umgang zu zwingen?

Frauck: Ich wusste ja, wie süß er sich um seine ehelichen Söhne kümmert. Das hätte er auch nicht ändern müssen, ich wollte auch seine Ehe nicht zerstören. Aber dass er unseren gemeinsamen Sohn so missachtet, das hat mir einen Stich versetzt.

SPIEGEL: Woher wussten Sie, dass er prinzipiell verpflichtet ist, sich um den Sohn zu kümmern?

Frauck: Ich hatte gehört, dass es da ein neues Gesetz gibt. Ich habe ein Schreiben aufgesetzt, und das beim Amtsgericht abgegeben.

SPIEGEL: Dort sind Sie aber erst einmal gescheitert.

Frauck: Aber es hieß, ich könne gegen das Urteil Beschwerde einlegen. Also bin ich zum Oberlandesgericht gegangen.

SPIEGEL: Wieder ohne Anwalt?

Frauck: Immerhin habe ich Abitur. Und der Vorsitzende Richter dort hat mein Anliegen auch so verstanden.

SPIEGEL: Das OLG verurteilte den Vater dazu, dass er den Sohn gemeinsam mit einer Betreuungsperson trifft, andernfalls droht ihm ein Zwangsgeld von bis zu 25.000 Euro. Aber wäre ein derart erzwungener Kontakt das, was Sie wollen?

Frauck: Natürlich kann man das nicht dauerhaft erzwingen. Aber probeweise drei, vier Mal den Sohn zu sehen, das müsste er schon über sich ergehen lassen.

SPIEGEL: Beim Verfassungsgericht sagten etliche Experten nun, es könnte dem Kind schaden, wenn es auf diese Weise den Vater treffen muss und seine völlige Ablehnung spürt.

Frauck: Aber es gab auch welche, die sagten, es ist besser, wenn das Kind spürt, dass der Vater es ablehnt, weil es sich dann ein eigenes Urteil bilden kann. Es ist dann nicht mehr im Ungewissen und kennt wenigstens seine Wurzeln.

SPIEGEL: Befürchten Sie nicht, dass dieser erzwungene Kontakt dem Kind auch schaden könnte?

Frauck: Natürlich hätte der Kleine das mit zwei Jahren nicht verstanden. Und auch heute wäre er enttäuscht, wenn der Kontakt scheitert. Aber ich würde ihn behutsam darauf vorbereiten. Und es ist eben auch nicht ausgeschlossen, dass sich beim Vater da doch noch Gefühle entwickeln, das haben auch die Experten gesagt.

SPIEGEL: In Karlsruhe wurde Ihnen vorgehalten, sie kümmerten sich inzwischen selbst nicht mehr richtig um den Sohn – seit etwa einem Jahr lebt er mit seinem älteren Bruder im Heim. Es hieß, Sie sähen ihn nur noch alle zwei Wochen.

Frauck: Das stimmt nicht, zwei Mal pro Woche sehen wir uns für ein paar Stunden. Dass er im Heim ist, ist vor allem für den Jüngsten furchtbar schlimm, und auch mir tut das unheimlich weh. Dass es dazu kam, hat aber primär mit finanziellen Dingen zu tun. Ich kann mir seit einem Jahr keine eigene Wohnung leisten, weil ich arbeitslos und in Privatinsolvenz bin, und wegen eines Rechtsstreits seither auch kein Arbeitslosengeld II bekomme.

SPIEGEL: Wird sich die Lage bessern?

Frauck: Ich hoffe und bete, dass ich bald wieder eine eigene Wohnung habe und dann die Kinder wieder zu mir holen kann.

SPIEGEL: Wie bringen Sie es Ihrem Sohn bei, wenn ihn der Vater trotz Kontakt weiter ablehnt?

Frauck: Dann würde ich ihm sagen, dass das zwar weh tut, aber dass er trotzdem eine Familie hat, die ihn über alles liebt.

SPIEGEL: Was, wenn der Vater jetzt vor Gericht gewinnt und es auch künftig nicht zum Kontakt kommt?

Frauck: Dann müsste ich ihm auch das erklären. Und ich denke, er würde auch darüber hinwegkommen. Aber ich hoffe, dass ich ihm das ersparen kann.

Das Interview führte Dietmar Hipp



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