Prozess Warum der Kini nicht schwul sein darf

Mit einer reichlich ungewöhnlichen Frage musste sich das Landgericht in München beschäftigen. War Märchenkönig Ludwig II. homosexuell? Die lang gehegte Vermutung erbost einen Nachfahren seines Stallmeisters. Das Gericht sollte jetzt die heterosexuelle Ehre des Urgroßvaters wiederherstellen.


München - Bei dem Zivilprozess ging es heute um die Passage in einem Buch, wonach Ludwig II., der Erbauer von Schloss Neuschwanstein, ein Verhältnis mit seinem Oberst-Stallmeister Maximilian Karl Theodor Graf von Holnstein hatte. Über die sexuellen Neigungen des 1886 verstorbenen "Kini" wurde bereits in der Vergangenheit viel spekuliert.

Ludwigsverehrung bei einem Treffen von Königstreuen: Techtelmechtel mit "Lolus"?
DPA

Ludwigsverehrung bei einem Treffen von Königstreuen: Techtelmechtel mit "Lolus"?

Ein Urenkel des Grafen hatte nun aber in der Veröffentlichung eine Ehrverletzung gesehen und auf Tilgung der entsprechenden Passage bei Androhung eines Ordnungsgeldes von 250.000 Euro geklagt. Der Kläger begründete sein Begehren vor der 9. Zivilkammer mit dem postmortalen Persönlichkeitsrecht des Grafen.

Die Münchner Richter machten jedoch zu Verhandlungsbeginn klar, dass diese Klage wenig Aussicht auf Erfolg habe, da posthume Ansprüche rund 110 Jahre nach dem Tod des Urgroßvaters kaum noch durchsetzbar seien. Anstatt sich mit den damaligen Verhältnissen bei Hofe näher auseinander zu setzen, riet die Kammer beiden Seiten einen Vergleich.

So kam es dann auch: Verlag und Autor erklärten sich bereit, die strittige Passage in künftigen Auflagen zu streichen. In dem in einem Regensburger Verlag erschienenen Buch "Geschichte in Liedern - Eine Zeitreise durch die Oberpfalz" hatte der Schwandorfer Heimatchronist und Autor Alfred Wolfsteiner über den Oberst-Stallmeister geschrieben: "Der Preußenfresser Johann Baptist Sigl nennt ihn gar Lolus - Anspielung auf Lola Montez und eine homophile Verbindung Ludwigs II. zu Holnstein." Das brachte dessen Urenkel in Rage. Er sagte im Vorfeld des Prozesses zur Münchner "Abendzeitung": "Man weiß ja um gewisse Züge von Ludwig II.", aber es gehe auf keinen Fall an, dass sein Vorfahre "da mit reingezogen wird". Verleger Herbert Wittl dagegen betonte, dass sein Autor nur den Zeitzeugen Sigl zitiert habe.

Der vor Gericht nun gefundene Vergleich sieht außerdem vor, dass der Verlag - jedoch "ohne Anerkennung einer Rechtspflicht", wie betont wurde - im Restbestand der ersten Auflage und somit in 2000 von insgesamt 3000 gedruckten Exemplaren einen Zettel beilegt und so darauf hinweist, dass der Nachfahre des Königlich Bayerischen Oberst- Stallmeisters an der Passage Anstoß nimmt und darin eine Ehrverletzung sieht.

Die Frage freilich, ob Ludwig II. nun schwul war oder nicht, bleibt auch nach dem Verfahren ungeklärt.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.