Prozess zum Mordfall Lübcke Holz-Hitler auf der Theke

Elmar J. verkaufte dem Mörder Walter Lübckes Waffen. Das Landgericht Paderborn muss nun klären: War darunter die Tatwaffe? Und wusste der 66-Jährige, was Stephan Ernst vorhatte?
Aus Paderborn berichtet Julia Jüttner
Angeklagter Elmar J. mit Verteidiger Ashraf Abouzeid im Landgericht Paderborn

Angeklagter Elmar J. mit Verteidiger Ashraf Abouzeid im Landgericht Paderborn

Foto:

Peter Hartenfelser / IMAGO

Der Mann, dessen Name im Prozess um den Mord an Walter Lübcke eine Rolle spielte, spaziert betont entspannt den Gang entlang, die linke Hand in der Hosentasche. Im Visier von Kameras betritt Elmar J. Saal 205 des Landgerichts Paderborn: ein Rentner aus einem Dorf in Ostwestfalen, 66 Jahre alt, die Haare zurückgekämmt.

Elmar J. sieht sich um, als wolle er es endlich hinter sich bringen. Sein Anwalt Ashraf Abouzeid wird später sagen, seit mehr als zweieinhalb Jahren lebe J. mit dem Vorwurf, »mutmaßlich mitverantwortlich zu sein« für den Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Der CDU-Politiker wurde am 1. Juni 2019 auf der Terrasse seines Hauses erschossen: aus kürzester Distanz, in die Schläfe, mit einem Rossi-Revolver Kaliber .38. Der tödliche Überfall gilt als erster rechtsterroristisch motivierter Mord an einem Politiker in der Bundesrepublik – und Elmar J. soll dem Mörder die Waffe verkauft haben. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihm durch vorsätzliches und illegales Handeln fahrlässige Tötung und Verstöße gegen das Waffengesetz vor.

Der Vorwurf basiert auf Ernsts Aussage

1100 Euro soll der Mann aus dem Kreis Höxter von dem Rechtsextremisten Stephan Ernst 2016 für die Mordwaffe samt Munition genommen haben. Beide – Käufer und Verkäufer – sollen der Anklage zufolge keine Waffenerlaubnis gehabt haben. Ernsts völkisch-nationalistische, von Rassismus geprägte Grundhaltung sei J. wohl bekannt gewesen; ebenso die Gewissheit, dass sich Ernst die Waffen auch zur Selbstverteidigung zulegte, so trägt es Staatsanwältin Julia Florczak vor.

Aber wusste der 66-Jährige, was Stephan Ernst vorhatte? Traute er ihm zu, einen Menschen zu überfallen und dessen Tod in Kauf zu nehmen?

Ashraf Abouzeid, sein Rechtsanwalt, bestreitet das in J.s Auftrag. Gegen das Waffengesetz habe sein Mandant verstoßen, ja, das bedauere J. auch und wisse, dafür gehöre er bestraft – aber fahrlässig den Tod Walter Lübckes verursacht zu haben, dieser Vorwurf sei haltlos. J. habe Stephan Ernst Waffen verkauft, ja, nicht aber den Rossi-Revolver Kaliber .38.

Der Vorwurf basiert auf Stephan Ernsts Aussage. Er gab an, ab Februar 2016 das Haus der Familie Lübcke ausgekundschaftet und im Jahr 2017 von Elmar J. den Rossi-Revolver gekauft zu haben.

Inwieweit man diese Angaben als glaubhaft und den mutmaßlichen Mörder als glaubwürdig einschätzen kann, dazu äußert sich in Saal 205 Oberstaatsanwalt Dieter Killmer, Vertreter des Generalbundesanwalts im Verfahren gegen Ernst. Er macht keinen Hehl daraus, dass die vielen Versionen, die Stephan Ernst zum Ablauf des Überfalls auf Walter Lübcke vor Gericht aufgetischt hat, die Aufarbeitung des Verbrechens erheblich erschwert haben.

»Ist der doof?«

Auch J.s Nachbar und Mieter schürt Zweifel an der These, dass Ernst die Tatwaffe von J. erhielt. Nach Ernsts Festnahme habe J. ihm gesagt: »Dem habe ich vor vier Jahren eine 4mm-Waffe verkauft, ist der doof?« J. habe damals befürchtet, Walter Lübcke sei mit dieser Waffe getötet worden. Von einem Rossi-Revolver sei nie die Rede gewesen.

Elmar J. droht im Fall einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Wie es ist, hinter Gittern zu leben, hat J. bereits erfahren. Mehr als sechs Monate lang saß er in Untersuchungshaft, nachdem er im Juni 2019 festgenommen worden war. Die Bundesanwaltschaft hatte gegen ihn wegen Beihilfe zum Mord an Walter Lübcke ermittelt und im Kreis Höxter mehrere Waldgebiete nach Waffen durchsucht.

Der Generalbundesanwalt war damals überzeugt: Als J. zwischen 2014 und 2018 mehrere Waffen an Stephan Ernst verkaufte, wusste er, dass dieser ein gewaltbereiter Rechtsextremist war. Im Januar 2020 hob der Bundesgerichtshof den Haftbefehl auf, nun wird der Fall in Paderborn verhandelt.

»Eine Affinität zum ›Dritten Reich‹«

Polizeibeamte beschreiben, wie der Rentner wohnte: Patronen auf dem Dachboden, im Werkzeugkasten, in der Schreibtischschublade und in der Schlafzimmerkommode. Sein Eindruck sei gewesen, so ein Kriminalhauptkommissar: »Hingelegt, vergessen, aber nicht versteckt.« Leere Waffenkoffer im Haus und in der Garage, im Schuppen eine Reichskriegsflagge.

Auf der Theke der leerstehenden Gaststätte, an der J. mit Freunden gesessen haben soll, stand Ermittlern zufolge eine Holzfigur, der man einen Oberlippenbart gemalt hatte, ihr rechter Arm zeigte nach vorne, als würde sie den Hitlergruß machen. Die Wand hätten Bilder voller Wehrmachtsidylle geschmückt. »Die sollten gesehen werden«, sagt der Kriminalhauptkommissar, »vor allem das Männchen.« J. wisse genau, was er besitzen dürfe und was nicht, er kenne seine Grenzen.

Über seinen Anwalt Abouzeid räumt J. »eine Affinität zum ›Dritten Reich‹« ein, sein Vater habe für die Wehrmacht gekämpft und sei verwundet aus dem Krieg zurückgekehrt.

Wurde J. richtig belehrt?

Die Kriminalbeamtin, die J. nach seiner Festnahme vernahm, beschreibt, wie dieser »ohne Punkt und Komma« geredet habe; von Dekowaffen und Dolchen, die er verkauft habe. Ob er Angaben gemacht habe zur »Intensität der Radikalität« des mutmaßlichen Mörders von Walter Lübcke, will der Vorsitzende Eric Schülke wissen. Ja, er habe sich an einen ungewöhnlichen Satz erinnert, den Ernst gesagt haben soll: Wenn im Raum Kassel mal was passiere, sei er, Ernst, »aufm Schirm der ganzen Polizei«.

Dass sie Elmar J. pflichtgemäß belehrt und ihn über die Wahl eines Pflichtverteidigers aufgeklärt hat, bleibt zweifelhaft.

Der Prozess um den Mord an Walter Lübcke am Oberlandesgericht Frankfurt am Main dauerte siebeneinhalb Monate lang. Es war die juristische Aufarbeitung eines Verbrechens an einem Politiker, der in der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 die Werte dieses Staates hochhielt und von Rechtsextremisten zum Feindbild stilisiert worden war. Walter Lübcke musste sterben, weil er für die Unterbringung Schutzsuchender warb und an die historische Verantwortung der Bundesrepublik erinnerte.

Familie Lübcke verfolgt den Prozess

Im Januar 2021 verurteilte der Staatsschutzsenat Stephan Ernst zu einer lebenslangen Haft. Darüber hinaus stellten die Richter die besondere Schwere der Schuld fest. Eine Haftentlassung nach 15 Jahren gilt daher als unwahrscheinlich. Das Gericht behielt sich die anschließende Sicherungsverwahrung vor.

Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Und deshalb wird Stephan Ernst, anders als vorgesehen, nicht am Freitag im Landgericht Paderborn aussagen. Mustafa Kaplan, sein Anwalt, ließ ausrichten, Ernst werde von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch machen. So wie es Elmar J. im Prozess gegen Ernst am Oberlandesgericht Frankfurt am Main getan hatte.

Walter Lübckes Familie verfolge den Prozess in Paderborn über die Medien, sagt ihr Sprecher Dirk Metz. »Aber sie macht sich keine großen Hoffnungen, dass dieser zur Aufklärung der Umstände der Ermordung von Walter Lübcke beitragen kann beziehungsweise will«, so der Sprecher. »Da Verkäufer und Käufer ihre Gesinnung eint, ist Elmar J. sicher nicht davon ausgegangen, dass Ernst die Waffe zur Selbstverteidigung gekauft hat.«

Mehr lesen über