Prozessauftakt nach tödlichen Schüssen in Hannover »Selbstjustiz auf dem Asphalt«

Es war ein Verbrechen am helllichten Tag: In Hannover hat der Prozess gegen einen 33-Jährigen begonnen, der an einer Ampelkreuzung einen Porschefahrer erschoss. Für seinen Verteidiger ist der Fall klar.
Aus Hannover berichtet Julia Jüttner
Angeklagter Z. mit Verteidigerin Yana Tchelpanova und Verteidiger Fritz Willig: Ging es um Schulden, offene Rechnungen, verletzte Ehre?

Angeklagter Z. mit Verteidigerin Yana Tchelpanova und Verteidiger Fritz Willig: Ging es um Schulden, offene Rechnungen, verletzte Ehre?

Foto: Ole Spata / dpa

Am 3. Juni dieses Jahres kommt es in der Innenstadt von Hannover zu einem Vorfall, den Augenzeugen wohl lange Zeit nicht vergessen werden. Gegen 13.30 Uhr wartet ein Mercedes an einer roten Ampel. Ein Porsche Cayenne hält daneben, der Beifahrer steigt aus, drischt mit einer Holzlatte auf den Mercedes ein. Dessen Fahrer zückt eine Waffe, schießt auf den Mann, der flüchtet, weitere Schüsse folgen.

Am Ende ist der Fahrer des Porsches tot, der Beifahrer verschwunden, der mutmaßliche Schütze zu Fuß auf der Flucht. Vier Tage später stellt er sich.

Nun steht er vor Gericht: Rinor Z., 33 Jahre alt, im Kosovo geboren, deutscher Staatsangehöriger, verheiratet, Vater einer neun Jahre alten Tochter, Bauunternehmer, wohnhaft in Langenhagen, derzeit in Untersuchungshaft. Ein Mann im schwarzen Kapuzenpullover, unrasiert, die Hände gefesselt. Einem Bekannten im Zuschauerraum des Saals 127 im Landgericht Hannover winkt er zu.

Mit einer Holzlatte auf die Windschutzscheibe

Die Staatsanwältin wirft Rinor Z. vor, versucht zu haben, einen Menschen zu töten, und einen anderen getötet zu haben – »ohne Mörder zu sein«. Sie hat Z. wegen versuchten und vollendeten Totschlags angeklagt. Vor ihm sitzt einer seiner Verteidiger: Fritz Willig, 80 Jahre alt, früherer 96-Präsident und Hannoveraner Unikat.

Es gibt Videos von Überwachungskameras, die den Ablauf dokumentiert haben. Laut Anklage treffen die drei Männer an der Ampelkreuzung Arndtstraße/Herschelstraße aufeinander. M. steigt aus dem schwarzen Porsche, er schlägt mehrfach mit einer Holzlatte auf die Windschutzscheibe des weißen Mercedes, »um den Angeklagten zum Aussteigen zu bewegen«, wie die Staatsanwältin sagt.

Z. schießt durch das geschlossene Fahrerfenster auf M., verfehlt den 51-Jährigen jedoch. Dieser lässt die Holzlatte fallen und ergreift die Flucht, Z. schießt erneut. M. sucht zunächst Schutz hinter dem Heck des Mercedes, rennt schließlich fort.

Geht es um verfeindete Clans?

Z. steigt aus, zielt über das Dach seines Wagens auf Armin N., den Fahrer des Porsches, und schießt. Eine Kugel trifft N. durch das geöffnete Seitenfenster, der Wagen prallt gegen ein Verkehrszeichen. N. verblutet vor Ort. Auch Z. flieht und taucht zunächst unter.

N. und M., die beiden Insassen des Porsches, sind verschwägert. Woher kennen sie den Angeklagten? Sind sie Mitglieder verfeindeter Clans? Ging es um Schulden, offene Rechnungen, verletzte Ehre?

Das Landgericht hat besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen, mehr Justizwachtmeister als üblich sind im Einsatz. Zusätzlich halten Polizeibeamte vor, im und um das Gebäude die Stellung. Zuschauer müssen sich ausweisen, ihre Daten werden für den Verhandlungstag gespeichert. Bei einer Haftprüfung im Amtsgericht Hannover soll Z. laut »Hannoversche Allgemeine« eine schusssichere Weste getragen haben. Wird ihm nach dem Leben getrachtet?

Auseinandersetzung auf einem Parkplatz

Rechtsanwalt Matthias Waldraff vertritt M. als Nebenkläger, er schließt weitere Übergriffe jeglicher Art aus. »Es gibt in diesem Fall keine Clans, und es sind auch keine Racheakte zu befürchten«, sagt Waldraff dem SPIEGEL.

Im Gericht lässt der Vorsitzende Richter Stefan Joseph Unterlagen verteilen, die nachträglich zur Akte gereicht werden. Darunter Fotos des überlebenden M. Den Schüssen im Juni soll eine Schlägerei im Oktober 2020 vorausgegangen sein, bei der der Angeklagte Z. auf einem Parkplatz M. attackiert und verletzt haben soll. Sein Mandant habe damals von einer Strafanzeige abgesehen, sagt Waldraff.

An jenem 3. Juni war es sein Mandant, der den Angriff startete. Warum? Das werde in der Hauptverhandlung geklärt werden müssen, so der Anwalt.

Auf dem Flur vor Saal 127 sagt Verteidiger Willig, Rinor Z. habe mit einem Überfall am helllichten Tag nicht rechnen können. »Er wollte niemanden erschießen.« Warum aber trug er unerlaubt eine Waffe mit sich? »Aus Angst.« Wovor? »Es ging um seinen eigenen Schutz.« Details nennt er nicht. Nur so viel: »Es war Selbstjustiz auf dem Asphalt.«

Ein Mann mit Vergangenheit

Am nächsten Verhandlungstag, Mitte Dezember, werde sich Rinor Z. »umfangreich« zu den Vorwürfen und der Vorgeschichte äußern, kündigt Willig an. Auch Fragen werde er beantworten. Die Tatwaffe ist bis heute verschwunden.

Bei Armin N.s Begräbnis im Juni auf dem muslimischen Teil des Stöckener Friedhof erwiesen ihm mehr als tausend Trauergäste die letzte Ehre. Luxuskarossen aus der gesamten Republik säumten die angrenzenden Straßen. Armin N. war ein Mann mit Vergangenheit: Bereits im Alter von zwölf Jahren galt er in Hannover als Intensivtäter. Vor vier Jahren erschoss er einen Mann. Das Verfahren wurde eingestellt, es hieß, N. habe aus Notwehr gehandelt.