Prozessbeginn gegen KZ-Sekretärin »Sie leugnet nicht die Verbrechen der Schoa«

Trägt eine Sekretärin im KZ Stutthof Mitschuld an der Ermordung Tausender Menschen? Vor dem Landgericht Itzehoe erschien eine 96-Jährige – und schwieg. An ihrer Stelle sprach der Verteidiger.
Aus Itzehoe berichtet Julia Jüttner
Angeklagte Furchner vor dem Landgericht Itzehoe

Angeklagte Furchner vor dem Landgericht Itzehoe

Foto: Christian Charisius / POOL / EPA

Als Irmgard Furchner in den Gerichtssaal geschoben wird, sind alle Objektive und Kameras auf sie gerichtet. Die Linsen fangen ein, wie die alte Dame aussieht, ob sie sich versteckt, wen sie anschaut. Das ist es, was die 96-Jährige angeblich vermeiden wollte: vorgeführt zu werden. Sie trägt ihr weißes Haar unter einem Kopftuch, über der FFP2-Maske eine Sonnenbrille. Sie sitzt in einem Rollstuhl aus einem Krankentransportwagen, angeschnallt an Schultern und Unterarmen.

Die ehemalige Sekretärin im Konzentrationslager Stutthof fürchtet Hohn und Spott. So hat sie es selbst in einem Brief an den Vorsitzenden Richter formuliert und ihn gebeten, zum Prozess im Landgericht Itzehoe nicht erscheinen zu müssen . Doch Angeklagte müssen das aushalten, ihre Anwesenheit in Strafprozessen ist unerlässlich. Mit ihrer Flucht zum Prozessauftakt Ende September  hat Irmgard Furchner die Aufmerksamkeit erst recht auf sich gelenkt. Als der vom Gericht beauftragte Krankentransport damals die Rentnerin in ihrem Seniorenheim in Quickborn abholen sollte, war die 96-Jährige weg.

»Fußfessel« am Handgelenk

Mit Haftbefehl wurde nach Furchner gefahndet. Am Nachmittag entdeckte sie eine Polizeistreife nahe einer viel befahrenen Straße in Hamburg und nahm sie fest. Als sie sich anschließend auch noch uneinsichtig zeigte, schickte sie der Richter in die Justizvollzugsanstalt Lübeck und setzte erst nach vier Tagen den Haftbefehl außer Vollzug. Irmgard Furchner muss seither eine »Fußfessel« tragen. In ihrem Fall ist sie am Handgelenk befestigt, jeder kann sie sehen.

Mit Irmgard Furchner steht zum ersten Mal eine Zivilangestellte eines Konzentrationslagers der Nationalsozialisten vor Gericht. Um 10.20 Uhr erhebt sich Staatsanwältin Maxi Wantzen und trägt vor, warum sich Furchner hier zu verantworten hat. Sie soll in 11.412 Fällen Beihilfe zum heimtückischen und grausamen Mord, in 18 weiteren Fällen Beihilfe zum versuchten Mord geleistet haben.

Irmgard Furchner meidet jeden Blickkontakt mit den Zuschauern. Sie stützt ihr Kinn auf die linke Hand, senkt den Kopf und scheint zuzuhören. Zu ihrem Schutz sitzt sie in einem Kasten aus Plexiglasscheiben, sie hat eine Corona-Impfung ausgeschlagen. Einem ärztlichen Gutachten zufolge ist sie verhandlungsfähig, zwei Stunden pro Tag.

Kenntnis »teilweise bis ins Detail«

Knapp zwei Jahre lang arbeitete Irmgard Furchner in der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof, Abteilung 1, der Zentrale des KZ. Vom 1. Juni 1943 bis zum 1. April 1945 notierte sie dort, was SS-Sturmbannführer Paul Werner Hoppe ihr diktierte. »Zu ihren Aufgaben gehörte insbesondere das Erfassen, Sortieren, Vorbereiten und Abfassen von sämtlichen Schreiben des Lagerkommandanten«, sagt Wantzen. Mit ihrer Arbeit habe Furchner »die reibungslose Funktionstüchtigkeit des Lagers« gesichert.

Die Staatsanwältin ist überzeugt davon, dass Irmgard Furchner »teilweise bis ins Detail« Kenntnis von den Verbrechen in Stutthof hatte. Die 65.000 ermordeten Lagerinsassen wurden mithilfe einer Genickschussanlage erschossen, sie wurden erhängt, mit Zyklon B vergast. Sie wurden gefoltert, erfroren, verhungerten, arbeiteten sich zu Tode.

Wantzen erklärt, wie die Genickschussanlage funktionierte: wie den Gefangenen vorgegaukelt wurde, es handle sich um eine ärztliche Untersuchung; wie sie sich an die Wand stellen mussten, ahnungslos, bis sie hinterrücks erschossen wurden; wie ihre Leichen eilig entsorgt wurden – Morde im Akkord.

Und Wantzen erklärt, wie die Vergasungen funktionierten: wie den Gefangenen, meist Frauen, vorgegaukelt wurde, sie würden aus hygienischen Gründen »gesäubert«; wie ein SS-Mann das Giftgas durch einen Schacht im Dach in die Kammer schüttete. Wantzen beschreibt den Todeskampf der Betroffenen. Es ist still im Saal.

Irmgard Furchner war 1. Stenotypistin. Sie war der Lagerleitung mit Kommandanten und Adjutanten untergeordnet. Sie war freiwillig da, niemand hatte sie gezwungen, zuvor arbeitete sie bei der Dresdner Bank. Sie war 18, 19 Jahre alt, als sie im KZ am Schreibtisch saß. Kann eine Sekretärin, die selbst nicht zur Waffe griff, zur Ermordung Tausender Menschen beigetragen haben?

»Radikalisierte SS-Männer mit Gewalterfahrung«

Furchners Antwort auf diese Frage findet man in dem Brief , den sie am 8. September an Richter Dominik Groß schrieb. Sie habe vor mehr als sieben Jahrzehnten nichts getan, was man ihr heute vorwerfen könne, heißt es darin.

Vor Gericht schweigt sie. Ihr Verteidiger Wolf Molkentin sagt, seine Mandantin werde sich »zum jetzigen Zeitpunkt« nicht äußern und auch keine Fragen beantworten. Er aber trägt eine Erklärung vor . »Irmgard Furchner ist nicht Ursula Haverbeck«, sagt Molkentin mit Blick auf die bekannte Holocaust-Leugnerin. »Sie leugnet nicht die Verbrechen der Schoa, auch nicht diejenigen schrecklichen Taten, die uns allen durch Verlesung der Anklageschrift soeben noch einmal vor Augen geführt worden sind.« Furchner trete lediglich dem Vorwurf entgegen, um den es in diesem Prozess gehe: »auch persönlich eine strafrechtliche Schuld auf sich geladen zu haben«.

Im Prozess werde zur Sprache kommen, dass Furchner an ihrem Arbeitsplatz von »radikalisierten SS-Männern mit langjähriger Gewalterfahrung« umgeben war, sagt Molkentin. Aber bedeute das, dass auch die Morde »in aller Offenheit verwaltet« wurden? Dass Irmgard Furchner Mitwisserin war?

Der Anwalt verweist auf Heinrich Himmler, Reichsführer der Schutzstaffel (SS), und dessen Rede von 1943, die in ihrer »nicht auszudenkenden Abscheulichkeit kaum zu überbieten« sei. Himmler spricht darin über »ein ganz schweres Kapitel«: den Massenmord an den europäischen Juden im »Dritten Reich« und das Schweigen darüber. Molkentin nennt es »die pervertierte Herren-›Moral‹ der SS und der Nationalsozialisten überhaupt«. Könnte dieses Schweigen auch gegenüber einer Schreibkraft wie Irmgard Furchner gegolten haben? »Dass sie von dem Mordgeschehen und seiner verwaltungsmäßigen Ermöglichung in diesem Sinne abgeschirmt wurde, lässt sich aus Sicht der Verteidigung jedenfalls nicht von vorneherein ausschließen«, so Molkentin.

»Sie hat alles mitbekommen«

Ihr ehemaliger Vorgesetzter Hoppe sei wegen Beihilfe zum Mord zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt worden, dreieinhalb Jahre habe er verbüßt. Auch derjenige, der eigenhändig das Zyklon B durch eine Dachluke in die Gaskammer schüttete, sollte am Ende nur Gehilfe gewesen sein, trägt Molkentin vor. In den vergangenen Jahren habe es Prozesse gegen KZ-Angehörige wie John Demjanjuk, Oskar Gröning und Bruno Dey gegeben, aktuell werde am Landgericht Neuruppin gegen Josef S.  verhandelt – passt Irmgard Furchner in diese Reihe?

Die Antwort der Nebenklägerinnen und Nebenkläger ist eindeutig. »Sie hat alles mitbekommen. Ohne Leute wie Frau Furchner war die Mordmaschinerie in dieser Perfektion nicht möglich«, sagt Stefan Lode. Der Rechtsanwalt aus Düsseldorf vertritt mehrere Überlebende, er ist davon überzeugt, dass Furchner als Assistentin eines Lagerkommandanten damals nachgefragt hat, dass sie wusste, was zum Beispiel »Sonderbehandlung« bedeutete, wie die Nazis die Ermordung ihrer Gegner verklausuliert nannten.

Sein Kollege Christoph Rückel beantragt, das KZ Stutthof zu besichtigen. Er selbst war 2018 dort. Wer Auschwitz kenne, werde überrascht sein, wie »klein« die Anlage in Stutthof sei, sagt Rückel. Die damalige KZ-Sekretärin müsse wahrgenommen haben, was die SS dort getan habe.