Prozesse-Dieter vor Gericht Der Rechtsausleger

Kaum ein Deutscher quält die Gerichte so beständig wie der frühere Sportlehrer Dieter K. aus Ratingen bei Düsseldorf: Mehr als 230-mal musste sich die Justiz bereits mit ihm beschäftigen. Nun ist der 73-Jährige zu einem weiteren Jahr Gefängnis verurteilt worden.

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Hamburg - Einmal trug Dieter K., der sich selbst "König der Kläger" nennt und den die anderen "Prozesse-Dieter" schimpfen, ein schwarzes T-Shirt vor Gericht. Darauf stand: "Asozial ist geil." Eine Provokation? Auch, aber vor allem wohl ein Glaubensbekenntnis.

Der frühere Realschul-Sportlehrer, 73, aus Ratingen bei Düsseldorf schmiss seinen Job, da war er 39, weil er seine Schüler hasste und die Schüler ihn. Er lebt seither von Sozialhilfe, die inzwischen Arbeitslosengeld II heißt, und klagt sich die Dinge zusammen, die ihm den Alltag in seiner Einzimmerwohnung verschönern sollen: einen Fernseher zum Beispiel, eine Waschmaschine, Geschirr, ein Fahrrad, ein Sofa, Unterhosen und eine Klobürste für 1,99 Euro.

Doch so genau es Prozesse-Dieter auch mit seinen eigenen Rechten nimmt, so wenig achtet er offenbar die seiner Mitbürger - oder legt sie zumindest auf ganz eigene Weise aus. Gerade Amtsträger scheinen dem Pensionär ein Graus zu sein, weshalb er schon manchen als "Sesselfurzer", "Weichei", "korruptes Schwein", "Armleuchter" oder "Nazi-Schwein" bezeichnete.

In Justizkreisen ist Dieter K. daher eine traurige Berühmtheit, bemühte er doch die Gerichte so häufig wie wohl kein anderer Deutscher: Mehr als 230 Klagen verfasste er bislang, 30 Sekunden braucht er inzwischen für eine einzige. Die Kosten für seine Prozesse hätten im Lauf der Jahre Hunderttausende Euro betragen, schätzt Dieter K.

Dabei wolle er doch nur darauf hinweisen, wie unsinnig Gesetze sein können, wie dumm der Staat sei und wie schlau er selbst. Sein Intelligenzquotient liege bei 140, das sei weit über dem Durchschnitt.

"Zementkopf", "Vollidiotin", "Doppel-Null"

An diesem Mittwoch trat der schlaue, aber chronisch zu Ausfällen neigende Herr K. also erneut im Amtsgericht Ratingen auf. Es ging um Beleidigungen, insgesamt 66 sollen es gewesen sein, laut Anklage Kraftausdrücke und unflätige Beschimpfungen gegen Beamte der Justiz und Stadtverwaltung, in der Mehrzahl schriftlich übersandt auf Postkarten und in Briefen.

"Zementkopf", "Vollidiotin", "Sesselfurzer", "Rechtsbeuger", "Doppel-Null", "Abschaum", "stinkfaule Bande" waren noch die harmloseren Injurien. Den Direktor des Amtsgerichts kürte K. zur "Kriminiszenz". Es scheint, als verabscheue niemand die Staatsdiener so sehr wie der ehemalige Lehrer, der seit Jahrzehnten vom Staat lebt.

Doch der Staat schlägt nun mit den Mitteln des Strafgesetzes zurück. Richter Jürgen Schrimpf befand K. - raspelkurze graue Haare, Kassengestell, schwarze Lederjacke - nun in 44 Fällen von Beleidigung für schuldig und verurteilte ihn zu einem Jahr Gefängnis ohne Bewährung. Der Jurist setzte sich dabei über das Gutachten eines Psychiaters hinweg, der Dieter K. als schuldunfähig eingestuft und ihm eine "paranoide Persönlichkeitsstörung" attestiert hatte.

Cholerisch und fanatisch

K., so der Mediziner, sei freundlich, humorvoll, führe Gespräche auf hohem intellektuellen Niveau und zitiere Feuerbach und Schiller. Nur wenn es um Beamte gehe, "rastet er aus", sei cholerisch und fanatisch, "außerhalb jeder Vernunft".

"Er empfindet sich dabei als Ritter der Gerechtigkeit, der von einem Unrechtssystem verfolgt wird", sagte der Facharzt. Dies zeige auch, dass er seine Beleidigungen nach einer ersten Verurteilung praktisch ohne Unterbrechung fortgesetzt habe. Es gebe solche "isolierten Wahnsysteme". So habe einmal ein hochrangiger Jurist der Landesregierung die Einziehung aller Dienstwagen angeordnet, weil er an eine Geheimdienstverschwörung geglaubt habe.

Richter Schrimpf sah zwar die Diagnose des Psychiaters als zutreffend an, ging aber von der Schuldfähigkeit des Angeklagten aus. K. könne sein Verhalten - wenn auch eingeschränkt - durchaus steuern. Noch während der Verhandlung wurde Prozesse-Dieter erneut rückfällig, schimpfte den Staatsanwalt einen "Idioten" und "Dummkopf".

K.s Ratinger Pflichtverteidiger Heinz-Jürgen Wilke legte unmittelbar nach dem Urteil Berufung ein: "Wir werden diese Entscheidung nicht akzeptieren", sagte er. Weitere Kommentare wollte der Anwalt zu dem "laufenden Verfahren" nicht abgeben. Und sein Mandant, so Wilke, sei per Exklusivvertrag an eine Boulevardzeitung gebunden.

Mit Material von dpa



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