Psychiatrisches Gutachten Josef Fritzl leidet an schwerer Persönlichkeitsstörung

Im Amstettener Inzestfall ist das psychiatrische Gutachten über Josef Fritzl an die Öffentlichkeit gelangt: Demnach soll der 73-Jährige an einer Störung der Sexualpräferenz sowie an "emotionaler Invalidität" leiden, zitieren österreichische Medien aus den streng vertraulichen Unterlagen.


Wien - Es ist nicht wirklich überraschend, dass Josef Fritzl an einer schweren Persönlichkeitsstörung leiden soll. Doch die Zeitungen "Österreich" und "Kronenzeitung" wollen im Besitz des 130-seitigen psychiatrischen Gutachtens sein, das in Haft erstellt wurde. Detailliert berichten sie über die Ergebnisse der Untersuchung des mutmaßlichen Inzesttäters von Amstetten.

Demnach attestiert Adelheid Kastner, eine Expertin für Neurologie und Psychiatrie, Fritzl eine "schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung und eine Störung der Sexualpräferenz". Mehrere Erlebnisse in seiner Kindheit und die von außerordentlicher Kälte geprägte Beziehung zur Mutter hätten letztendlich "zu emotionaler Invalidität" geführt, zitieren die österreichischen Medien aus den streng vertraulichen Unterlagen.

Der 73-Jährige sei ein "zerrissener Mensch, mit Leidenschaften, die er nicht beherrschen könne". Zudem habe Fritzl im Rahmen der Untersuchung selbst geäußert, "für jemanden, der zur Vergewaltigung geboren sei, habe er lange durchgehalten" und in ihm lauere "eine bösartige Ader".

Nach Auffassung der Gutachterin ist zu befürchten, dass Fritzl weiterhin schwere Taten begehen würde, ließe man ihn auf freien Fuß. Die Psychiaterin empfiehlt daher eine Sicherungsverwahrung, berichten die österreichischen Zeitungen. Fritzl selbst soll trotz der schwerwiegenden Tat noch immer hoffen, seinen Lebensabend im Kreise der Familie verbringen zu dürfen.

Die Staatsanwaltschaft St. Pölten wollte die Berichterstattung nicht kommentieren. "Ich kann diese Aussagen weder bestätigen noch dementieren. Wir geben keine Auskünfte über den Inhalt des Gutachtens. Weder die Staatsanwaltschaft noch das Gericht haben die Unterlagen den Medien zur Verfügung gestellt", sagte Oberstaatsanwalt Peter Ficenc, Sprecher der Anklagebehörde in St. Pölten, SPIEGEL ONLINE. Lediglich Fritzls Verteidiger, Rudolf Mayer, und die beiden Anwälte der Opfer hätten Kopien des Gutachten erhalten.

In dem vor wenigen Wochen fertiggestellten Gutachten heißt es laut "Kronenzeitung", dass Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in ein Kellerverlies einsperrte und mit ihr sieben Kinder zeugte, voll zurechnungsfähig sei. Laut Expertise habe der Rentner mit der Gefangenschaft seiner Tochter für seine Perversion die "Ideallösung" gefunden. Sein Leben spiegele seine Seele wider: "Oben" das biedere Haus, das biedere Leben, während er im Keller des Hauses seine "böse Seite" habe ausleben können.

Seine Ende April aus der Gefangenschaft befreite Tochter habe er als seinen Besitz betrachtet. Er sei überzeugt gewesen, dass die mittlerweile 42-Jährige für den Rest ihres Lebens ihm gehören würde.

Fritzl könnte noch in diesem Dezember oder Anfang nächsten Jahres vor Gericht gestellt werden. "Wir hoffen, bis Anfang November mit der Anklageschrift fertig zu sein", sagte Oberstaatsanwalt Ficenc. Dann könnte Fritzls Verteidiger zunächst Einspruch einlegen, womit zu rechnen ist.

jjc



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