Psychologin über Schaulustige "Gaffen kann süchtig machen"

Ein Feuerwehrmann bespritzte Fahrzeuge von aggressiven Schaulustigen mit Wasser. Woher kommt die Lust am Gaffen? Antworten von der Kriminalpsychologin Ursula Gasch.
Schaulustige auf einer Brücke in Berlin (Symbolbild)

Schaulustige auf einer Brücke in Berlin (Symbolbild)

Foto: Lino Mirgeler/ dpa

Für die Rettungskräfte war es ein außergewöhnlich strapazierender Einsatz. Drei Menschen starben bei einem schweren Unfall auf der A3 im Spessart, die Autobahn wurde voll gesperrt. Fast zwölf Stunden am Stück arbeiteten manche der ehrenamtlichen Feuerwehrleute an der Unfallstelle.

Was ihre Aufgabe erschwerte: Langsam vorbeifahrende Fahrzeuge, deren Fahrer gafften oder mit Handys Aufnahmen der Unfallstelle machten. Schließlich nahm einer der Feuerwehrmänner seinen Schlauch und wehrte sich: Er bespritzte die Seitenfenster der Fahrzeuge.

Dem Kollegen sei der Kragen geplatzt, sagte der Einsatzleiter dem SPIEGEL. In der Öffentlichkeit gab es dafür viel Zuspruch, Antenne Bayern nahm gar ein Song  mit dem 56-jährigen Feuerwehrmann auf. So wolle er sich gegen Schaulustige bei Unglücken einsetzen, wie der Radiosender mitteilte.

Von der Polizei gab es allerdings Kritik an der Spritzaktion. "Für die Unterbindung und Ahndung bei Verkehrsbehinderungen sind ausschließlich wir zuständig", betonte ein Sprecher des unterfränkischen Präsidiums.

Von mehr als zehn Lastwagenfahrern wurden der Polizei zufolge die Personalien aufgenommen. Sie seien mit einem Bußgeld belegt worden. In einem Fall lag ein Fahrer demnach sogar quer im Führerhaus, um bessere Aufnahmen machen zu können.

Was bringt Menschen dazu, bei schweren Unfällen alle Hemmungen zu verlieren? Welche Folgen hat Gaffen für die Opfer? Und wie kann man es verhindern? Antworten von der Kriminalpsychologin Ursula Gasch.

Zur Person
Foto: Ursula Gasch

Dr. Ursula Gasch, Jahrgang 1965, ist Kriminalpsychologin und Traumatherapeutin. Sie behandelt Opfer schwerer Gewaltverbrechen und Unfälle; außerdem arbeitet sie als Gerichtsgutachterin und Dozentin.

SPIEGEL ONLINE: Frau Gasch, woher kommt der Drang zu gaffen?

Gasch: Diesem Verhalten liegen sehr menschliche Impulse zugrunde. Schaulust ist biologisch notwendig. Sie bestätigt uns in der eigenen Unversehrtheit: Uns wird klar, dass es uns im Vergleich zu den Opfern gut geht. Außerdem können wir durch die Beobachtung lernen - etwa, dass wir im Verkehr aufpassen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als sei es gar nicht so schlimm.

Gasch: Ich sehe im Gaffen nichts Gutes. Das bloße kurze Hinsehen ist tolerabel, Gaffen ist etwas anderes: Ein selbstvergessener Vorgang, bei dem sich die Person nicht von ihrer Beobachtung lösen kann oder will. Das ist wie ein Kick. Gaffen kann süchtig machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Gasch: Die Grundlage ist in der Neurobiologie zu verorten - genau wie bei Sucht. Um süchtig zu sein, brauche ich keinen Stoff, ich kann mein eigener Lieferant sein. Dazu reicht ein äußerer Impuls wie ein Unfall, an dem ich vorbeifahre. Der Anblick kann so überwältigend sein, dass er wie ein Flash wirkt. Dadurch wird Dopamin freigesetzt - und der Wunsch entsteht, das wieder zu erleben.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist besonders anfällig fürs Gaffen?

Gasch: Wir alle. Für unterstimulierte Menschen kann es eine Gelegenheit sein, ihr Erregungsniveau zu erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, gelangweilte Menschen gaffen eher?

Gasch: Das könnte man so sagen. Dennoch spielen noch viele weitere Faktoren eine Rolle: die Erziehung etwa oder die Selbstkontrolle. Nicht jeder Mensch mit Langeweile ist so verroht, sich seinen Kick auf Kosten anderer zu beschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich an dem Phänomen verändert?

Gasch: Die Art und Weise hat sich gewandelt. Durch das Smartphone und soziale Netzwerke ist jeder Lieferant von Nachrichten geworden. Man kann seine Videos hochladen und bekommt dafür Likes - das ist ein zusätzlicher Kick. Außerdem berichten Einsatzkräfte, dass die Aggression größer geworden ist. Menschen, die gebeten werden, zur Seite zu treten, verhalten sich so, als würde ihnen das Recht auf einen guten Blick verwehrt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat Schaulust für die Opfer?

Gasch: Aus meiner beruflichen Praxis weiß ich, dass es für sie extrem belastend ist. Man wird in einer ohnehin hilflosen Situation zu einem Objekt degradiert, das andere anglotzen. Das erhöht den Leidensdruck. Nachdem sie im Krankenhaus zusammengeflickt worden sind, müssen manche Unfallopfer daher in Therapie. Und selbst wenn die Opfer während des Unfalls nicht mitbekommen, dass sie gefilmt werden, kann es noch Jahre später zu einer Retraumatisierung kommen, etwa wenn sie zufällig auf Videos von den Unfällen stoßen. Das gilt auch für die Angehörigen, da auch sie unter den Bildern leiden.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man gegen Gaffer tun?

Gasch: Das Thema sollte nicht nur in der Schule, sondern auch im Erste-Hilfe-Kurs oder im Fahrschulunterricht behandelt werden. Die Löschzentren der sozialen Netzwerke sollten Gaffer-Videos entfernen. Um Gaffer zu identifizieren, kann ich mir auch Drohneneinsätze vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie da keine datenschutzrechtlichen Bedenken?

Gasch: Das muss man natürlich genau prüfen. Aber in der Regel hat die Polizei kaum Kapazitäten, um die Gaffer vor Ort zu erfassen. Ein Drohnenvideo könnte man auch im Nachhinein auswerten. Mir geht es da um Effizienz.

Mit Material von dpa
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