Racheakt Mafia-Zeugin in Säure aufgelöst

Vor Gericht sagte Lea Garofalo gegen Mitglieder eines 'Ndrangheta-Clans aus. Dann verschwand sie spurlos. Jetzt rekonstruierten Mailänder Ermittler das schreckliche Ende der "Verräterin": Sie wurde entführt, erschossen und in Säure aufgelöst.


Mailand - Ein Lieferwagen, 50 Liter Säure und eine Verräterin, von der nichts blieb: Der mutmaßliche Tathergang eines Mafia-Mordes, den die Mailänder Staatsanwaltschaft jetzt rekonstruiert hat, zeigt unmissverständlich, dass die italienischen Clans bei aller Modernität ihren archaischen Riten fest verbunden bleiben.

Im November 2009 verschwand Lea Garofalo spurlos. Die 35-Jährige hatte sich zuvor der Justiz anvertraut, Details über den Clan von Petilia Policastro bei Crotone ausgeplaudert, einer 'Ndrangheta-Hochburg nahe dem Golf von Tarent. Für die Mafiosi tat sie damit etwas Ungeheuerliches, etwas, das bestraft werden muss.

Ermittlungen ergaben jetzt: Die Frau wurde in einen Hinterhalt gelockt, entführt, zu einem "Geständnis" gezwungen und dann ermordet. Um keine Spuren zu hinterlassen, löste man sie in 50 Litern Säure auf. Was übrig blieb, vergruben die Täter auf einem Feld in San Fruttuso bei Monza.

Klares Signal

Mailänder Ermittler sprachen von einer regelrechten Exekution, tatsächlich ist der brutale Mord an der Frau ein klares Signal an alle Mitglieder der "Familie", die "Omertà" zu achten, das Schweigegebot.

In der vergangenen Nacht gingen der Polizei in der Lombardei, Kalabrien und Molise sechs Tatverdächtige ins Netz. Der zuständige Mailänder Ermittlungsrichter Giuseppe Gennari stellte die Haftbefehle aus.

Unter den Tatverdächtigen ist Garofalos ehemaliger Lebensgefährte Carlo Cosco. Der wurde bereits im Februar festgenommen, weil er unter Verdacht stand, im Mai 2009 erstmals den Mord an seiner Ex-Geliebten in Auftrag gegeben zu haben. Unter den Festgenommenen sind der Tageszeitung "La Repubblica" zufolge zwei Brüder von Cosco - der wegen Drogenhandels gesuchte Giuseppe, genannt "Smith", und Vito, der auch "Sergio" gerufen wird.

"Wenn du gekommen bist, um mich zu töten, dann mach es gleich"

Die Tochter der Ermordeten hatte von dem ersten Mordversuch berichtet: "Ich schlief in meinem Zimmer, als der Klempner kam", berichtete die minderjährige Denise laut "Repubblica". Die Waschmaschine sei kaputt gewesen, die Mutter habe Carlo Cosco gebeten, jemanden für die Reparatur vorbeizuschicken. Tatsächlich soll kurz darauf der angebliche Spezialist aufgetaucht sein, sich aber so ungeschickt benommen haben, dass Lea Garofalo Verdacht schöpfte.

"Wenn du gekommen bist, um mich zu töten, dann mach es gleich", soll die Frau gesagt haben. Der Unbekannte habe sich daraufhin auf die Frau gestürzt und versucht, sie zu erwürgen. Die 35-Jährige jedoch sei mit einem Küchenmesser bewaffnet gewesen und habe den Angreifer in die Flucht schlagen können.

"Ich habe meiner Mutter geholfen und fest auf den Mann eingeschlagen, bis dieser sich befreien konnte und weggelaufen ist", so das Mädchen. Zurück blieb ein Koffer, in dem die Carabinieri später Schere, Schraubenzieher, Klebeband, Bindfaden und einen Taser fanden.

Minutiös geplanter Mord

Laut Ermittlungsrichter Gennari soll Cosco den Mord beim zweiten Mal minutiös geplant haben, während sich seine Ex-Freundin mit der gemeinsamen Tochter in Mailand aufhielt. Er besorgte demnach die Komplizen, den Lieferwagen für die Entführung und die Pistole, mit der Garofalo erschossen wurde. Auch die Orte für das "Verhör" und die spätere Leichenentsorgung soll er selbst ausgesucht haben.

Im Jahr 2002 soll Garofalo begonnen haben, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. In erster Linie ging es dabei um die Auseinandersetzungen zwischen dem Clan der Garofalo und deren Rivalen, der Familie Mirabello. Doch die Zeugin soll sich auch zu den Mafia-Morden geäußert haben, die Ende der neunziger Jahre Mailand erschütterten. Dies nicht von ungefähr, denn ihr eigener Bruder, Floriano Garofalo, war damals für die 'Ndrangheta aus Petilia Policastro in Mailand tätig. Er wurde im Mai 1996 in der lombardischen Hauptstadt festgenommen, im anschließenden Prozess freigesprochen und am 8. Juni 2005 in Kalabrien umgebracht, schreibt der italienische Online-Nachrichtendienst "Il Post".

Lea Garofalo stand zunächst unter Polizeischutz, soll aber ab 2006 darauf verzichtet und ihr Geheimversteck aus eigenen Stücken verlassen haben. Laut "Corriere della sera" traf sie sich noch am Tag vor ihrer Entführung mit dem Vater ihrer Tochter, um deren schulische Zukunft zu besprechen.

Die kalabrische 'Ndangheta hat im Vergleich zur sizilianischen Cosa Nostra in der Regel kaum mit "Verrätern" zu kämpfen. Der enge Familienzusammenhalt unter den Mitgliedern sorgt dafür, dass die "Omertà" strikt geachtet wird.

ala



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