Tödlicher Radunfall mit Müllwagen Dreieinhalb Sekunden

Nur einen Augenblick war der Junge im Außenspiegel zu sehen. Im Mai 2018 überrollte ein Müllwagen einen Siebenjährigen. Das Kind starb an der Unfallstelle. Der Prozess gegen den Fahrer wurde heute eingestellt.

Der angeklagte Müllwagenfahrer im Amtsgericht Köln: Den tragischen Unfall, bei dem ein Kind starb, habe er "bis heute nicht überwunden", so sein Anwalt im Prozess
Marius Becker/ DPA

Der angeklagte Müllwagenfahrer im Amtsgericht Köln: Den tragischen Unfall, bei dem ein Kind starb, habe er "bis heute nicht überwunden", so sein Anwalt im Prozess

Von Christian Parth, Köln


Adlan E. setzt sich auf die Anklagebank und senkt seinen Kopf. Den Blick richtet er starr zu Boden, die Hände liegen gefaltet im Schoß. E. regt sich nicht und will auch nichts sagen. Er wirkt gebrochen. "Mein Mandant befindet sich in einem desolaten Zustand", sagt Verteidiger Udo Klemt. Der tragische Unfall vor fast genau einem Jahr, bei dem ein siebenjähriger Junge zu Tode kam, hat E. offensichtlich schwer gezeichnet. Er sei arbeitsunfähig und in psychologischer Behandlung, sagt sein Anwalt.

Am Mittwoch musste sich der 38 Jahre alte Mitarbeiter der Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) wegen fahrlässiger Tötung vor dem Kölner Amtsgericht verantworten. Damals, am frühen Morgen des 28. Mai 2018, war E. mit seinem Müllwagen in einem Kölner Wohngebiet unterwegs, um mit seinen Kollegen die herausgestellten Tonnen zu leeren. Laut Anklage bog er gegen 7:45 Uhr mit einer Geschwindigkeit von elf Kilometer pro Stunde nach rechts in eine verkehrsberuhigte Zone ab und übersah dabei den Jungen, der mit seinem Rad auf dem Weg zur Schule war. Das Kind prallte gegen den Vorderreifen, stürzte und wurde dann von der zweiten Achse des tonnenschweren Lasters überrollt.

Die Aufzählung seiner schwerwiegenden Verletzungen lassen Zuhörer im Saal schaudern. Der Siebenjährige starb noch am Unfallort. Dutzende Hilfskräfte waren damals im Einsatz, viele von ihnen mussten anschließend psychologisch behandelt werden.

Noch ein weiterer Umstand macht diesen Unfall so tragisch. Der Vater hatte seinen Jungen auf dem Rad begleitet. Allerdings, so schildert es der Verteidiger von E., sei er deutlich vor dem Kind gefahren. 30 bis 40 Meter seien zwischen beiden gewesen, weshalb E. gar nicht mehr mit einer zweiten Person gerechnet habe. Ob der Vater seine Aufsichtspflicht verletzte, kann der Prozess nicht klären. Das Gericht hatte darauf verzichtet, ihn als Zeugen zu laden.

28. Mai 2018: Großeinsatz an der Unfallstelle in Köln-Widdersdorf
DPA

28. Mai 2018: Großeinsatz an der Unfallstelle in Köln-Widdersdorf

Den Ausführungen der Staatsanwältin zufolge wäre der Unfall vermeidbar gewesen. Ein Gutachten kam zu dem Schluss, dass der Junge dreieinhalb Sekunden im Außenspiegel des Müllwagens zu sehen gewesen sein müsse. Dreieinhalb Sekunden, in denen E., selbst Vater zweier Kinder, nicht reagierte. "Er hat es bis heute nicht überwunden, dass er den Verkehrsraum nicht länger überwacht hat", sagt sein Anwalt.

Der Unfall hatte damals bundesweit für Bestürzung gesorgt. Ein Augenblick - der das Schicksal von zwei Familien unwiderruflich verändert hat. Es wurde viel diskutiert: Über den angeblich zu rabiaten und rücksichtslosen Fahrstil der AWB-Fahrer. Aber auch über das Verhalten des Vaters, der eben vor und nicht neben oder hinter seinem Sohn gefahren war. Hätte nicht auch er besser aufpassen müssen?

Das Unternehmen will Fahrzeuge mit Abbiege-Assistenten ausstatten

"Unsere Fahrer werden regelmäßig geschult", sagt ein AWB-Sprecher auf Anfrage. Einmal pro Woche gebe es Unterweisungen. Nach dem Unfall hatte das Unternehmen mitgeteilt, dass es die knapp 200 Müllfahrzeuge mit einem Abbiege-Assistenten ausstatten wolle, der dem Fahrer im Gefahrenfall ein Signal gibt. Derzeit befinde sich die AWB noch in einem europäischen Vergabeverfahren. Trotzdem sollen bis Ende 2019 die Nachrüstungen abgeschlossen sein.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist etwa jeder dritte Verkehrsunfall zwischen Lastwagen und Radfahrern, bei dem ein Mensch verletzt oder getötet wird, ein Abbiegeunfall. Am Montag erst wurde in der Münchner Innenstadt ein Elfjähriger von einem LKW überrollt, der rechts abbiegen wollte. Der Junge starb kurz darauf im Krankenhaus.

Um die Zahl solcher Unfälle einzudämmen, hatte Verkehrsminister Andreas Scheuer im Juli 2018 die "Aktion Abbiegeassistent" gestartet. Er ließ die Lastwagen seiner Behörde mit dem Warnsystem ausstatten und legte zudem ein Förderprogramm für Unternehmen auf, mit einem Volumen von fünf Millionen Euro.

Das Verfahren gegen Adlan E. hat das Gericht nach knapp 60 Minuten und mit Zustimmung sämtlicher Prozessbeteiligter eingestellt. "Man sieht es Ihnen an, dass Sie schwer zu kämpfen haben", sagt die Richterin. Es sei ein "tragisches Unfallgeschehen". E. soll 2000 Euro, einen Nettomonatslohn, an ein Kinderhospiz bezahlen. Am Ende spricht der Angeklagte dann doch noch. Ganz leise sagt er: "Es tut mir leid für die Familie. Ich würde es gerne rückgängig machen."



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