Rätsel um Frachter "Arctic Sea" "Die Situation ist dramatisch"

Das Schicksal der "Arctic Sea" bleibt ein Rätsel. Zwar ist die aktuelle Position des Schiffes vor den Kapverdischen Inseln bekannt - Näheres wird von offizieller Seite jedoch nicht mitgeteilt. Aus der EU heißt es, der Frachter sei zweimal überfallen, die Mannschaft misshandelt worden.

Brüssel - Was geschah an Bord der "Arctic Sea"? Das Schiff, das zwei Wochen lang als verschollen galt und gleich zwei Mal das Ziel von Angriffen Unbekannter geworden sein soll, wurde am Donnerstag offenbar geortet.

Der unter maltesischer Flagge fahrende Holzfrachter soll 400 Seemeilen vor den Kapverden, westlich von Afrika, liegen. Was der Besatzung in den vergangenen Tagen zugestoßen ist, bleibt jedoch vorerst ein Rätsel.

"Das Schiff ist nicht gesunken. Seine Position ist bekannt, wird aber aus taktischen Gründen nicht bekanntgegeben", sagte ein ranghoher Militärsprecher in Brüssel am Freitag der russischen Agentur Itar-Tass. Den Grund für die Geheimhaltung nannte er nicht.

Der russische Nato-Botschafter Dmitri Rogosin sagte, man könne keine Details nennen. "Die Situation ist dramatisch genug, da darf man nichts vorzeitig mitteilen", sagte der Diplomat am Freitag dem Moskauer Radiosender Echo Moskwy. Russland und die Nato sei im Fall der "Arctic Sea" in "engem Kontakt".

Nach EU-Informationen wurde der Frachter zweimal überfallen.

Die "Arctic Sea" (Archivbild): Vor den Kapverden geortet

Die "Arctic Sea" (Archivbild): Vor den Kapverden geortet

Foto: A2800 epa Sovfracht/Handout/ dpa

Wie ein Sprecher von EU-Verkehrskommissar Antonio Tajani mitteilte, ereigneten sich die Angriffe vor den Küsten Schwedens und Portugals. Es scheine, als hätten diese nichts mit "traditionellen Piratenüberfällen" oder "bewaffneten Angriffen auf hoher See" gemein. Weitere Angaben wollte er mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht machen.

Lissabon bestreitet dagegen nach Angaben der nationalen Agentur Lusa, dass sich die "Arctic Sea" in den vergangenen Tagen in portugiesischen Gewässern bewegt hat.

Ein EU-Sprecher sagte, es handele sich nach "Informationen aus den Mitgliedsstaaten" nicht um klassische Piraterie. Zur Frage, was sich stattdessen hinter dem rätselhaften Verschwinden des rund 100 Meter langen Schiffes verbergen könnte, wollte er sich nicht äußern: "Dazu haben wir keine Meinung und keinen Kommentar abzugeben."

Auch die Reederei des Frachters mit 15 russischen Seeleuten an Bord sprach am Freitag weiter von einem "Rätsel". Unterdessen brachte ein russischer Experte einen politischen Hintergrund für das mysteriöse Verschwinden ins Spiel. "Ich gehe davon aus, dass die Behörden längst wissen, wo das Schiff ist", sagte der Vizechef der russischen Seefahrergewerkschaft, Sergej Portenko, der Moskauer Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez". Nach seiner Vermutung soll vertuscht werden, dass die "Arctic Sea" Waffen für Afrika geladen hatte.

Das Frachtschiff, das nach offiziellen Angaben Holz im Wert von über einer Million Euro nach Algerien bringen sollte, ist seit gut zwei Wochen verschwunden. Den letzten offiziellen Funkkontakt zur "Arctic Sea" hatte die britische Küstenwache am 28. Juli in der Straße von Dover.

Die finnische Reederei wollte sich nicht an Spekulationen über eine mögliche Entführung ihres Schiffs beteiligen. "Ich kann da keine Vermutungen anstellen", sagte Schiffseigner Viktor Matwejew. "Es ist ein Rätsel, eine außergewöhnliche Situation."

Mittlerweile spekulieren auch russische Zeitungen, dass die 15- köpfige Besatzung in Lebensgefahr sein könnte. "Wenn bei dieser Sache wirklich "wichtige Leute" ihre Finger im Spiel haben, dürfte man die Besatzung als Zeugen wohl aus dem Weg räumen", stellte "Moskowski Komsomolez" fest.

Der 50 Jahre alte Kapitän Sergej Serezki gilt russischen Medien zufolge als erfahrener Seemann. Nach Angaben des "Arctic Sea"- Betreibers befindet sich das Schiff in einem technisch einwandfreien Zustand und ist mit Treibstoff und Nahrung für etwa 40 Tage ausgestattet.

jjc/pad/dpa/Reuters/AP/AFP
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