RAF-Opfer "Mein Hass auf diese Menschen ist unendlich groß"

RAF-Terroristen töteten 1986 den Vater von Claudia Groppler. Im Interview erzählt die 52-Jährige, dass sie den Tätern nicht verzeihen kann - und wie der Mord sie bis heute prägt.
Zerstörter Dienstwagen

Zerstörter Dienstwagen

Foto: UDO WEITZ/ ASSOCIATED PRESS

Bis 1998 kämpften Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) gegen das kapitalistische System in Deutschland. Seit den Achtzigerjahren war die sogenannte dritte Generation verantwortlich für eine Serie von Morden auf Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Militär. Zu den Ermordeten zählte Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts.

Am 9. Juli 1986 starb er bei einem Sprengstoffanschlag in seinem Dienstwagen. Zu Tode kam auch sein Fahrer Eckhard Groppler. Dessen Tochter Claudia war damals 20 Jahre alt. Im Interview sagt die 52-Jährige, warum die RAF für sie noch nicht Geschichte sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erinnerung haben Sie an den 9. Juli 1986, als die RAF Ihren Vater ermordete?

Groppler: Unsere Familie wohnte damals zusammen in München. Frühmorgens haben wir noch einen Kaffee getrunken und uns dann einen schönen Tag gewünscht. Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater gesehen habe. Ich arbeitete als kaufmännische Angestellte in der Siemens-Abteilung, die Professor Beckurts leitete. Kurz nach Arbeitsbeginn kam mein Vorgesetzter und sagte, mein Vater habe einen Unfall gehabt, ich solle bitte mitkommen.

SPIEGEL ONLINE: Ahnten Sie da schon, was passiert war?

Groppler: Nein, ich dachte, wir führen in ein Krankenhaus. Es ging aber zu uns nach Hause, und dort erfuhr ich vom Tod meines Vaters. Danach war alles wie ein Film, an Details erinnere ich mich kaum. Ich weiß noch, dass unser Haus wochenlang von Journalisten belagert wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr hatten Sie die RAF bis dahin als Bedrohung erlebt?

Groppler: Ich war 20 und politisch überhaupt nicht interessiert. Die RAF kannte ich von Fahndungsplakaten, hatte mich aber nie mir ihr beschäftigt. Mein Vater hatte bereits einige Zeit vor dem Attentat einen verdächtigen Wagen beobachtet. In der Familie haben wir darüber aber nicht gesprochen. Die RAF war kein Thema.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Mensch war Professor Beckurts?

Groppler: Er war ein sehr netter, umgänglicher Mensch. Einmal liefen wir uns im Gebäude über den Weg, mein Vater hatte ihn gerade abgesetzt. Ich kam von der U-Bahn und grüßte ihn: "Guten Morgen, Herr Professor Beckurts." Da sagte er: "Fräulein, lassen Sie mal den Professor weg."

SPIEGEL ONLINE: Die RAF wollte Beckurts töten, den Atommanager. Hat sie sich irgendwann einmal zu Ihrem Vater geäußert?

Groppler: Nein, nie. Es waren eben skrupellose Mörder. Ihnen war völlig egal, wer noch dabei umkommt. Mein Vater war das Beiwerk, es hätten auch die begleitenden Sicherheitsleute sein können oder ein vollbesetzter Schulbus.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie eine Entschuldigung angenommen?

Groppler: Nein. Mein Hass auf diese Menschen ist unendlich groß, und er hat nicht abgenommen über die Jahre. Es gibt Dinge, die kann man nicht vergessen und nicht verzeihen. Ich bin dafür, dass die Täter mit dem Tod bestraft werden - auch wenn diese Position nicht gesellschaftskonform ist.

SPIEGEL ONLINE: Für die RAF war Beckurts das System, das man treffen wollte. Haben Sie sich mit den politischen Hintergründen der Gruppe einmal beschäftigt?

Groppler: Nein. Mord ist Mord. Ich will mich nicht mit irgendwelchen angeblichen Motiven auseinandersetzen. Die kann es nicht geben. Ich habe auch keine Filme über die RAF angeschaut.

SPIEGEL ONLINE: Bis heute ist nicht klar, welche RAF-Terroristen Ihren Vater ermordet haben. Interessiert Sie das?

Groppler: Nein. Was würde es ändern, wenn ich die Namen wüsste?

SPIEGEL ONLINE: Man könnte die Täter womöglich verurteilen.

Groppler: Mein Vater wird dadurch nicht wieder lebendig. Und auch wenn man die Namen der Täter wüsste, würden sie nicht mit dem Tode bestraft. Ich bezweifle auch, dass jemand sie verrät. Höchstens gegen die Zusage von Straffreiheit. Das aber wäre eine Ohrfeige für alle Opfer.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nach dem Mord an Ihrem Vater Hilfe erfahren?

Groppler: Der Siemens-Konzern hat sich sehr anständig verhalten. Er hat meiner Mutter eine Zeit lang das Gehalt meines Vaters weitergezahlt, heute bekommt sie die Siemens-Betriebsrente, die ihm nach einem vollen Berufsleben zustünde. Vom Staat kam nichts. Die Behörden haben uns nicht über Ermittlungen informiert, wir haben da gar nichts gehört über all die Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung hat in den Neunzigerjahren gesagt, sie sei zur Versöhnung mit der RAF bereit, wenige Jahre später löste die Gruppe sich auf. Was müsste passieren, damit Sie sich Versöhnung vorstellen könnten?

Groppler: Versöhnung? Wer will das von mir verlangen? Die RAF will sich doch auch nicht mit mir versöhnen. Ich habe empört an den Bundespräsidenten geschrieben, als es vor ein paar Jahren darum ging, den RAF-Terroristen Christian Klar zu begnadigen. Darauf habe ich noch nicht einmal eine Antwort bekommen. Gnade für Menschen, die gnadenlos sind, kann ich nicht verstehen und akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr beschäftigt Sie der Mord an Ihrem Vater heute?

Groppler: Jedes Jahr am 9. Juli nehme ich möglichst frei. Meine Freunde wissen, dass ich an diesem Tag nicht wirklich ich bin. Manchmal fange ich überraschend an zu weinen. In diesem Jahr habe ich eine Motorradtour gemacht, um mich abzulenken.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten noch immer bei Siemens. Kennen die Kollegen Ihr Schicksal?

Groppler: Kaum noch. Auf dem Siemens-Gelände gibt es einen Eckhard-Groppler-Weg. Manchmal sehe ich die Blicke junger Kollegen, die sich nicht trauen zu fragen: "Hast du etwas damit zu tun?" Das ist ein kleines Tabuthema. Ich habe mich bei einer Konferenz einmal hingesetzt und gesagt: "Ich bin die Tochter, und wenn ihr Fragen habt, kommt auf mich zu."