Polizeiwissenschaftler Behr "Profiling geschieht immer"

Wie ist der Kölner Einsatz in der Silvesternacht zu bewerten? "Es war ein Dilemma der Polizei: Sie hätte nicht nichts machen können", sagt Polizeiwissenschaftler Rafael Behr. Entscheidend sei, auf welcher Grundlage kontrolliert wurde.

Polizisten in der Kölner Silvesternacht
DPA

Polizisten in der Kölner Silvesternacht

Ein Interview von


1700 Beamte hatte die Kölner Polizei in der Silvesternacht am Hauptbahnhof im Einsatz, am Ende verlief der Jahreswechsel dort weitgehend friedlich. Dennoch wird die Rolle der Behörde nun erneut diskutiert: Für Kritiker ist die Kontrolle von Hunderten Nordafrikanern Racial Profiling. "Das war das Dilemma der Polizei: Sie hätte nicht nichts machen können", sagt der Polizeiwissenschaftler Rafael Behr.

Man müsse die Geschehnisse im Kontext des Vorjahres sehen, sagt Behr im Interview. Es sei Teil der Polizeiarbeit, mit Profilen zu arbeiten. Dazu gehöre auch, sich die Täterprofile aus der Silvesternacht 2015 anzuschauen. "Das Schlimmste, was der Polizei hätte passieren können, wäre gewesen, dass sie diese Personengruppe gar nicht zur Kenntnis nimmt, sich im Hintergrund hält und dann zu spät agiert."

Zur Person
  • Rafael Behr ist Professor für Polizeiwissenschaft mit den Schwerpunkten Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg. Außerdem lehrt er am Institut für kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg und der Universität Bochum. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit der Organisationskultur der Polizei, von 1975 bis 1990 arbeitete er selbst als Polizist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Behr, für die einen waren die Kontrollen in der Silvesternacht rassistisch motiviert, für andere normale Polizeiarbeit. Wie bewerten Sie die Ereignisse?

Rafael Behr: Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich aus meiner Sicht nicht um einen klassischen Fall von Racial Profiling. Aber ich halte es für eine Grenzsituation. Aus dem Blickwinkel der Vorjahresereignisse kann ich das Vorgehen der Polizei durchaus verstehen. Entscheidend ist, auf welcher Grundlage die Menschen kontrolliert wurden. Wenn sie ausschließlich aufgrund von äußeren Merkmalen wie zum Beispiel ihrer Hautfarbe überprüft wurden, wäre das ein Fall von Racial Profiling. Profiling, das aufgrund von Tatsachen, Theoriewissen und polizeilichen Erkenntnissen erfolgt, ist aber nicht verboten, sondern fester Bestandteil der Polizeiarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies sagt, es sei nicht um das Aussehen, sondern das Verhalten der jungen Männer gegangen.

Behr: Das Problem ist, dass wir bislang nicht viel über die konkreten Erkenntnisse der Polizei wissen. Zwei Punkte sind deswegen zu klären: Was steht hinter der "aggressiven Grundstimmung", die angeblich geherrscht hat, und welche Fahndungserkenntnisse hatte die Polizei vor den Kontrollen? Die Polizei hat das bislang nur sehr verklausuliert erklärt, doch genau davon hängt ab, ob es sich um Racial Profiling oder normales Profiling gehandelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Profiling im Polizeialltag?

Behr: Profiling geschieht immer. Das macht manchmal mehr Sinn, manchmal weniger. Folgen Polizisten bei der Erstellung von Profilen nur Stereotypen oder ihren eigenen Erfahrungen, ist das ermittlungstechnisch zum Beispiel weniger sinnvoll. Anders ist es, wenn die Profile auf Ermittlungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Das gilt allerdings vor allem für den Alltag. Im Fall der Silvesternacht in Köln haben wir es mit Kollektivzuschreibungen zu tun, das können Sie mit Einsätzen bei Fußballspielen vergleichen: Wie definieren Sie Fußballfans, und wie erkennen Sie darunter diejenigen, die aggressiv sind? Dafür braucht es Fachleute bei der Polizei, beim Fußball sind das szenekundige Beamte.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die Polizei im Hinblick auf andere Großereignisse aus Köln lernen?

Behr: Ich würde mir wünschen, dass die Diskussion auf beiden Seiten weniger emotional geführt wird - in der Kritik und der Affirmation der Polizei. Das Wort "Nafri" nun als Beleg für Racial Profiling zu nehmen, halte ich für naiv, genauso wie den Einsatz nur als gelungen darzustellen. Wir brauchen eine nüchternere Betrachtung - sonst finden wir kein Augenmaß mehr bei der Beurteilung und Diskussion von Polizeieinsätzen.

insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
harry_der_schoene 03.01.2017
1.
Ich hatte 20 Jahre lange Haare. Wurde ständig von der Polizei ohne Angaben von Gründen kontrolliert. Egal ob mit Auto, fahrrad oder zu fuss. Seit 3 jahren habe ich jetzt eine "anständige" KurzhaarFrisur. Seit dem bin ich kein einziges mal mehr kontrolliert worden.
Lobhudel 03.01.2017
2. Erst denken, dann twittern ...
Wenn dieser Grundsatz in Führungsstäben und Pressestellen der Polizei und von einigen übereifrigen Politikern berücksichtigt worden wäre, hätten wir nicht diese unnötige und absolut öde Diskussion. SPON allerdings auch nicht das erste "ultimative Topthema" des Jahres - Gääähn...
Katzazi 03.01.2017
3.
Danke für dieses Interview. Mir ging es ähnlich mit der Einschätzung und deswegen bin ich um so neugieriger darauf, was über das Vorgehen der Polizei noch bekannt wird. Ich denke es ist durchaus richtig, dass durchaus nach einem möglichen Racial Profiling gefragt wird. Derartige Fragen müssen erlaubt sein. Um so besser, wenn sie dann begründet mit "nein" beantwortet werden kann. Solange das nicht der Fall ist, kann man weder sagen, dass alles gut gelaufen ist noch dass es problematisch war. Weswegen mich die exzessiven Kommentare zu dem Thema gestern ziemlich irritiert haben. Allerdings hängt das auch noch damit zusammen, ob "Nafri" nun "Nordafrikaner" oder "Nordafrikanische Intensivtäter" bedeuten soll. Dass nur letztere angehalten wurden ist stark zu bezweifeln. Bei denen müsste man ja auch keine Identität mehr überprüfen, weil deren Identität ja bekannt ist. Solange aber noch nichts weiters bekannt ist, hoffe ich einfach mal, dass wirklich sauber gearbeitet wurde.
Beinlausi 03.01.2017
4. Blöde Frage:
Sind die Polizisten alle männerfeindliche Sexisten, wenn sie (bei fast allen Gewaltwarnungen) immer nur Männer (und Leute, die wie Männer aussehen) festsetzen? Ich möchte mich nicht diskriminiert fühlen müssen. Wenn hier im Dorf jemand mit ner Jack-Wolfskin-Jacke aus ner Mittelklasselimousine steigt, ist das normal. Mit ner Bomberjacke oder schwarz bekleidet und zu Fuß unterwegs bin ich hier schon für manche Leute ein Alarmsignal. Speziell im Winter, wenn es wieder Einbruchswellen gibt. Insofern wäre Deeskalation jetzt wirklich mal ein Thema, das man verfolgen könnte. Wir sind alle verschieden. ("Ich nicht!") Wir werden auch verschieden angeguckt. Und behandelt. Und das ist vollkommen okay. Wenn man nicht so konformitätsgeil ist. Ich musste nicht ab der Mittelstufe nur 3x im Monat zum Sport- und Schwimmunterricht (den ich gehasst habe). Was okay ist. Wenn die Kassiererin im Supermarkt meinen Ausweis nicht sehen will, weil ich nach Augenschein eher in den 90ern unter 18 gewesen bin, ist das Altersdiskriminierung? Ich sage: Kontrollieren darf man. Funksprüche kürzen auch. Man sollte es bloß nicht öffentlich breittreten.
nesmo 03.01.2017
5. Welch Erkenntnis
Muss erst ein Professor selbstverständliches erklären? Es kommt wie immer "darauf an", wie der Jurist sagt. Wurden die Nordafrikaner oder nordafrikanisch aussehenden Männer kontrolliert allein weil sie nordafrikanisch aussahen oder weil sie zusätzlich aus anderen Gründen als potenzielle Gefährder in Betracht kamen. Junge nordafrikanische Männer, die in großen Gruppen just weinge Stunden vor Sylvester-Mitternacht in Massen auf der Domplatte erscheinen, sich teilweise agressiv verhalten und partout dort nicht weggehen wollen dürfen nach den Ereignisen des Vorjahres selbstverständlich kontrolliert werden. Und genauso selbstverständlich darf dann das erste Kriterium für die Vorkontrolle das Aussehen der Männer dieser Gruppe sein, weil dies eindeutig ein wesentliches Merkmal der gruppenzugehörigkeit war, wie dies z.B. auch Kleidungsmerklmale von hooligans sein können. Und was ist an dem Begriff Nafri, wenn er sich ausdrücklich auf Intensivtäter bezieht, rassistisch? Seit letztem Jahr wissen wir, dass es Intensivtäter gibt, die eine besondere kriminelle Verhaltensweise und(!) Herkunft eint. Wie sollte man die Mitglieder dieser Gruppe denn mit gebotener Kürze ( mit 5 Buchstaben) denn sonst nennen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.