Vergewaltigung einer 16-Jährigen Rasenmäher-Strafe empört Kenianer

Sie vergewaltigten ein Mädchen - und mussten zur Strafe den Rasen vor einer Polizeiwache mähen. Dann konnten die drei Männer wieder gehen. Der Fall der 16-jährigen Liz wirft ein Schlaglicht auf Gewalt gegen Frauen in Kenia. Nun tobt dort ein Sturm der Entrüstung.

Aus Nairobi berichtet


Durch die Straßen Nairobis hallen die monotonen Schläge der Buschtrommeln. Ein trauriger Gesang begleitet die Rhythmen. Immer wieder wird er von Sprechchören unterbrochen: "Gerechtigkeit für Liz. Stoppt die Vergewaltigungen."

Es sind einige Dutzend Demonstranten, die sich durch die Rushhour der Millionenstadt etwas südlich des Äquators quälen und Plakate und Fäuste in die Höhe recken. Ihre Gesänge handeln von der Vergewaltigung der 16-jährigen Schülerin Liz durch sechs Männer und davon, wie die kenianische Polizei in der Nähe der westkenianischen Kleinstadt Busia mit dem schrecklichen Vorfall umgegangen ist: Nachdem das Mädchen drei der Täter identifizieren konnte, wurden diese dazu verurteilt, Gras zu mähen, und dann auf freien Fuß gesetzt.

Es dauerte eine Weile, bis der Vorfall, der sich vor rund vier Monaten ereignete, in die Öffentlichkeit drang. Zunächst berichteten kenianische Zeitungsreporter über den Fall, Anfang Oktober dann machte ihn die kenianische Frauenaktivistin Nebila Abdulmelik vom Afrikanischen Frauen-Entwicklungs- und Kommunikationsnetzwerk (Femnet) über die Kampagnenplattform Avaaz publik.

Grausame Täter, gleichgültige Polizei

In der ersten Woche unterzeichneten rund tausend Menschen den Appell, Gerechtigkeit walten zu lassen und die Täter vor Gericht zu stellen. Dann weitete sich die Kampagne zum Orkan aus. Mittlerweile haben weltweit mehr als eine Millionen Menschen Abdulmeliks Forderung unterschrieben.

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Vergewaltigungsfall in Kenia: "Gerechtigkeit für Liz"
Mit diesen Unterschriften im Gepäck rücken die Demonstranten nun auf das Hauptquartier der kenianischen Polizei vor. Sie wollen die Petition dem Polizeichef David Kimaiyo persönlich übergeben. "Es gibt in diesem Land nicht immer Gerechtigkeit", sagt Frederick Nyagah, 47, der mit seiner Männergruppe MenKen geschlossen an dem Protestzug teilnimmt. "Gewalt gegen Frauen, auch Vergewaltigungen, werden besonders auf dem flachen Land immer noch als völlig normal angesehen."

Der Fall, der sich in der Nähe der Stadt Busia ereignete, erschüttert selbst eine konservative afrikanische Gesellschaft wie die kenianische: sowohl die Grausamkeit der Täter als auch die komplette Gleichgültigkeit der Polizei.

Liz befand sich im Juni auf dem Heimweg von der Beerdigung ihres Großvaters im Westen Kenias, als eine Gruppe von sechs Männern plötzlich über sie herfiel. Die Männer schlugen das Mädchen, vergewaltigten es und warfen es bewusstlos und blutend in eine dreieinhalb Meter tiefe Latrine. Mit viel Glück konnte sich das Mädchen befreien und Hilfe rufen. Am nächsten Tag identifizierte Liz drei der Männer als Täter. Dorfbewohner brachten das Trio umgehend zur Polizeiwache in Tingolo. Dort wurden die Männer aufgefordert, zur Strafe das Gras der Polizeistation zu mähen. Nachdem sie das erledigt hatten, durften sie nach Hause.

"Vielleicht ist dies ein Anfang"

"Wir hören ständig von solchen Fällen", sagt Brenda Mageda von Healthcare Assistance Kenya. Die Organisation betreibt die landesweite Notrufnummer 1195 für Fälle von Geschlechtergewalt. "Allein seit Januar haben sich 12.000 Menschen bei uns gemeldet", so Mageda. "Es geht oft um Vergewaltigungen, aber auch um Formen von Psychoterror und sogar Gewalt von Frauen gegen Männer."

Die Tageszeitung "Daily Nation", die den Fall der vergewaltigten Schülerin als erste veröffentlichte, berichtet davon, dass nach einer Studie aus dem Jahr 2009 68 Prozent aller kenianischen Mädchen und 54 Prozent aller Jungen schon gewaltsam zum Sex gezwungen wurden.

Etwas abseits des Protestzugs steht Nebila Abdulmelik und studiert die mitgebrachten Plakate der verschiedenen Aktivistengruppen: "Grasmähen ist keine Strafe für Vergewaltigung", steht auf einem. Auf die Straßen Nairobis haben sich an diesem Donnerstag nur wenige Dutzend Demonstranten getraut. Im Internet hat sie aber Millionen mobilisieren können. "Es ist ein mühsamer Kampf gegen die Ignoranz in diesem Land", sagt die zierliche junge Frau, "aber vielleicht ist dies ein Anfang."

Gesetze, um gegen Vergewaltigung vorzugehen, sind auch in Kenia vorhanden. "Die Täter können zwischen 15 Jahre und lebenslänglich bekommen, wenn die Justiz etwas unternehmen würde", sagt Frederick Nyagah. "Doch viel zu oft werden die Fälle gar nicht erst verfolgt."

Die Staatsanwaltschaft hat unter dem Druck der Öffentlichkeit mittlerweile angeordnet, die Täter zu verhaften und vor Gericht zu stellen. Geschehen ist aber bislang nichts, und Nebila Abdulmelik ist davon überzeugt, dass die Vergewaltiger längst untergetaucht sind. Liz befindet sich in ärztlicher und psychologischer Behandlung. Noch immer sitzt sie wegen der Folgen der Vergewaltigung im Rollstuhl. 700.000 Kenianische Schilling haben Menschen gespendet, damit sie die Kosten ihrer Behandlung bezahlen kann: rund 7000 Euro.



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Seite 1
dennis x 31.10.2013
1. .
ich bin mir sicher dass bei uns in deutschland niemand auf die straße gehen würde. man würde es einfach nur mit schulterucken und vorgegaukelter empathie in der bild zeitung lesen und dann auf die sportseite umblättern.
ellereller 31.10.2013
2.
Sie schreiben: "Nachdem das Mädchen drei der Täter identifizieren konnte, wurden diese dazu verurteilt, Gras zu mähen und dann auf freien Fuß gesetzt." Das Wort "verurteilt" erweckt den Eindruck, als habe ein staatliches Gericht Keyas in einem förmlichen Strafverfahren diese "Strafe" ausgesprochen. Im weiteren Verlauf des Artikels stellt sich dann heraus, dass es wohl ein Dorfpolizist gewesen ist, der in dieser gemeinnützigen Arbeit eine angemessene Sühne für das furchtbare Verbrechen gesehen hat. Natürlich ist auch das skandalös, aber der insinuierte Sachverhalt, dass sich ein staatliches Gericht so verhalten hätte, wäre doch noch ungleich schlimmer. Ich finde es wenig verantwortlich, das eine so darzustellen wie das andere, und frage mich, ob so ein Fauxpas bei der Berichterstattung über ein nicht-afrikanisches Land passiert wäre.
Olaf 31.10.2013
3.
Zitat von sysopAFPSie vergewaltigten ein Mädchen - und mussten zur Strafe den Rasen vor einer Polizeiwache mähen. Dann konnten die drei Männer wieder gehen. Der Fall der 16-Jährigen Liz wirft ein Schlaglicht auf Gewalt gegen Frauen in Kenia. Nun tobt dort ein Sturm der Entrüstung. Rasenmähen als Strafe: Protest nach Vergewaltigungsfall in Kenia - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/rasenmaehen-als-strafe-protest-nach-vergewaltigungsfall-in-kenia-a-931080.html)
Sturm der Entrüstung würde ich das nicht nennen, wenn sich nur ein paar Dutzend Demonstranten auf die Straße trauen. Selbst die Organisatorin beobachtet das Ganze ja nur aus der Ferne. Aber immerhin, ein Anfang. Meinen Respekt für die Leute, die sich da offen auf die Straße trauen. Dazu gehört Mut.
Neurovore 31.10.2013
4.
Immerhin werden die bestraft! Mit fünf Minuten Internetrecherche kann man problemlos über 100 Fälle in Deutschland auflisten, wo Vergewaltigung mit Bewährung "geahndet" wurde. Insofern ist es bei uns wesentlich schlimmer.
tobiash 31.10.2013
5. Beschämend,...
.... was sich die kenianische Justiz hier leitet, und das scheint ja angesichts der Demonstranten kein Einzelfall, sondern eher der Normalfall zu sein. Wenn die Vergewaltiger als Strafe den Rasen der örtlichen Polizeistation mähen müssen, dann bleibt die Gerechtigkeit auf der Strecke. Das ist eine Leugnung jedes Anstandes und jeglicher rechtstaatlicher Handlungsfähigkeit. Immerhin hatten ja wohl beide Seiten ihren Spaß dabei. Das jetzt nur auf die Vergewaltiger zu schieben, ist mies. In der Zeit hätten sie deutlich bessere Dinge erledigen können!! Frage ist, ob sie zumindest anständig entlohnt wurden. wenn nicht, ist das ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde! So bitte nicht, Kenia!
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