US-Polizei Rassismus, war da was?

Vor Kurzem noch gingen in den USA Zehntausende auf die Straße und protestierten gegen Polizeigewalt und Rassismus. Sonderbar schnell ist die Debatte abgeflaut. Obwohl es fast täglich neue Fälle gibt.

"Wir sind für die Polizei": NYPD-Kundgebung (im New Yorker Stadtteil Queens)
AFP

"Wir sind für die Polizei": NYPD-Kundgebung (im New Yorker Stadtteil Queens)

Von , New York


Der Bummelstreik ist beendet. Man merkt es an den Knöllchen, die wieder hinter den Scheibenwischern klemmen, an den Rucksack-Kontrollen in der U-Bahn, an den Festnahmen auf der Straße. Polizisten folgten sogar einem Notruf aus der Bronx, um eine festsitzende Katze zu befreien.

"Wir freuen uns, dass sich die Beamten langsam wieder engagieren", sagte Polizeichef Bill Bratton bar jeder Ironie und erklärte die schlagzeilenträchtige, wenn auch nie offizielle Arbeitsverweigerung seiner Truppe damit für beendet. "Sie kehren zur Normalität zurück."

Es war der Abpfiff einer beispiellosen Aktion. Mehr als zwei Wochen lang hatten New Yorks Cops "den Dienst verlangsamt", als Zeichen ihres Unmuts - über Bürgermeister Bill de Blasio, über Gewaltattacken auf Polizisten, über die Proteste gegen Polizeigewalt. Untätig blieben sie in ihren Streifenwagen sitzen, ließen das Gesetz ruhen und die Leute falsch parken. Bis Boss Bratton diese Woche ein Machtwort sprach: Statt herumzutrödeln müssten die Beamten "wachsamer sein denn je".

Trotzdem geht er weiter, der Knatsch zwischen dem New York Police Department (NYPD) und de Blasio, der schon lange schwelte, nach der Ermordung zweier Cops durch einen schwarzen Amokläufer aber eskalierte. Nur streiten sie jetzt hinter verschlossenen Türen darüber, wie viel Kritik durch den Bürgermeister ihnen denn zuzumuten sei.

Eines ist ihnen jedenfalls gelungen: Die landesweite Debatte über Rassismus innerhalb der Polizei ist so gut wie beendet.

Aus den Augen, aus dem Sinn: Demo für Michael Brown (im November)
REUTERS

Aus den Augen, aus dem Sinn: Demo für Michael Brown (im November)

Keiner spricht mehr von Michael Brown, Eric Garner oder Tamir Rice, dem in Cleveland erschossenen Zwölfjährigen. Obwohl diese Fälle bis heute nicht abgeschlossen sind - ganz im Gegenteil - und fast täglich neue, namenlose schwarze Opfer hinzukommen. War rassistische Polizeigewalt Ende 2014 noch das Reizthema in Amerika, ist sie seither fast völlig aus den Schlagzeilen und dem Bewusstsein verschwunden.

Stattdessen hat der Doppelmord an den NYPD-Cops Rafael Ramos, 40, und Wenjian Liu, 32, das ganze Bild verrückt - und die wochenlange, sich in Märschen entladene Wut auf Polizisten über Nacht abgewürgt. Auf einmal wirkten die Massendemos gegen die Polizei pietätlos, die Protestführer hilflos und die Vorwürfe respektlos.

Amerikas mächtigste Polizeigewerkschaft, die Patrolmen's Benevolent Association, nutzte die Gelegenheit geschickt, das Etikett "Täter", das unfairerweise allen Cops anhaftete, auszutauschen: Nun steht da "Opfer".

Die bis dahin beklagten Opfer dagegen finden kaum mehr Gehör. Dabei gibt es da nach wie vor viel Neues, über das es sich aufzuregen gebührt.

Neue, noch schlimmere Enthüllungen: Polizeiopfer Tamir Rice
REUTERS

Neue, noch schlimmere Enthüllungen: Polizeiopfer Tamir Rice

Zum Beispiel Tamir Rice: Der war Ende November von einem Polizisten erschossen worden, als er mit einem Luftgewehr auf einem Spielplatz herumlief. Inzwischen kam ein weiteres Überwachungsvideo ans Licht, das noch schrecklichere Details offenbart: Der Polizist und ein Kollege verweigerten dem tödlich getroffenen Jungen Erste Hilfe und ließen ihn minutenlang auf dem Boden liegen. Tamir starb später im Krankenhaus.

Mehr noch: Als Tamirs 14-jährige Schwester entsetzt herbeirannte, warfen die Beamten sie zu Boden und legten ihr Handschellen an.

Zum Beispiel Michael Brown: Bis heute kritisierten Justizexperten die Entscheidung der Geschworenen, den Todesschützen Darren Wilson nicht anzuklagen. Mittlerweile zeigen die Protokolle der Verhandlung, dass etliche Zeugen gelogen oder ihre Aussagen nachträglich geändert haben. Die US-Schwarzen-Organisation NAACP hat ein Gericht gebeten, wegen "schwerwiegender juristischer Bedenken" eine neue Grand Jury einzuberufen, unter der Führung eines neuen Sonderermittlers.

Fast täglich gibt es weitere Fälle. Doch die öffentliche Wut ebbt spürbar ab. Schon fürchtet das Magazin "New Republic", dass die Polizeigewalt nur "ein weiterer, vergessener, kurzlebiger Nachrichtentrend wird".

Stattdessen hat die Rassismus-Debatte fast eine Gegenbewegung ausgelöst. Das zeigt sich auch auf der gewaltfreien Ebene. Etwa beim Film "Selma", der den Beginn der US-Bürgerrechtsbewegung und deren Helden Martin Luther King porträtiert. Die kritische Darstellung von Präsident Lyndon B. Johnson resultiert in einem Sturm der - weißen - Entrüstung.

Bei den Oscar-Nominierungen blieb nun nicht nur "Selma" außen vor. In allen Hauptkategorien wurde kein einziger Schwarzer nominiert. Ein Schritt zurück in die Vergangenheit: Rein "weiße" Oscars gab es zuletzt 1998.

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Seite 1
flosse66 17.01.2015
1. Zeichen einer schnelllebigen Zeit
Wer redet heute noch über Tschernobyl oder Fukoshima? Ebola, da war doch was... AIDS? Alte Kamelle aus den 80erm. Genauso wie die Amerikaner regelmäßig nach Gedenkfeiern und Krokodilstränen über Schulamokläufe zur Tagesordnung übergehen, geht es auch in Sachen Rassismusverdacht in der Polizei. Bis die nächste Nachricht Schlagzeilen macht und die alte Geschichte wieder eine Nachricht und einen Aufreger wert ist.
solaris3001 17.01.2015
2.
Zitat von flosse66Wer redet heute noch über Tschernobyl oder Fukoshima? Ebola, da war doch was... AIDS? Alte Kamelle aus den 80erm. Genauso wie die Amerikaner regelmäßig nach Gedenkfeiern und Krokodilstränen über Schulamokläufe zur Tagesordnung übergehen, geht es auch in Sachen Rassismusverdacht in der Polizei. Bis die nächste Nachricht Schlagzeilen macht und die alte Geschichte wieder eine Nachricht und einen Aufreger wert ist.
Nun, die Amerikaner blicken halt eher nach vorne. Die haben verstanden, das man an der Vergangenheit nichts mehr ändern kann. Etwas, von dem wir Europäer uns durchaus eine Scheibe abschneiden könnten.
TS_Alien 17.01.2015
3.
Daran ist nichts sonderbar. Die Medien haben kein Interesse mehr (sie haben sowieso nur ein Interesse an den spektakulären Fällen), die Politiker nicht, die Vorgesetzten bei der Polizei nicht, Richter und Staatsanwälte auch nicht. Wenn die Bürger merken, dass selbst offensichtliche Fälle von Fehlverhalten bei der Polizei nicht entsprechend verfolgt werden, dann hakt man als Bürger die Polizei insgesamt ab. Nicht nur in den USA.
ralphofffm1 17.01.2015
4. Blödsinn
Die Amerikaner blicken nach vorne. Die Leute sind durch die Schnelllebigkeit der Medien geradezu darauf getrimmt dem nächsten Trend hinterherzuhecheln. Gedanken über grundlegende Probleme kommen da nicht auf. Das gibt der herrschenden Klasse die Gelegenheit die Dinge schön beim alten zu lassen. Nur keine Fragen tellen.
privacy=dignity 17.01.2015
5.
Das ist doch kein Thema dass sich abschliessen lässt. Die ersten Kommentatoren scheinen nicht zu begreifen, dass JEDER neue Fall von Rassismus und Polizigewalt eben das ist, ein ERNEUTER Fall und damit auch ein erneuter Fall für die Medien. Ich habe mir bereits die gleiche Frage gestellt und denke, dass M. Pitzke sehr gut daran tut, das Interesse an dem Thema aufrecht zu erhalten. Wenigstens einer! Bravo und danke hierfür! Schreiben Sie noch mehr und detaillierter über das Thema. Zum Beispiel auch, wie die Jury mit dem Ausdruck veralterter Gesetze belogen und irregeführt wurde. http://www.dailykos.com/story/2014/12/04/1349421/-Missouri-AG-Confirms-Michael-Brown-Grand-Jury-Misled-by-St-Louis-DA
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