US-Polizeigewalt gegen Schwarze New Yorks Ursünde
Demonstration gegen Polizeigewalt in New York: Empörung auf den Straßen
Foto: EDUARDO MUNOZ/ REUTERSEs begann mit einem kaputten Auto in der Bronx. Zurückgelassen am Straßenrand, kein Nummernschild, Motorhaube hoch. Schon nach zehn Minuten stürzten sich die Ersten drauf. Zuerst klauten sie das Radio. Bald hatten sie alles mitgenommen, was von Wert war.
Das Auto war ein Experiment, 1982 floss es in ein bahnbrechendes Essay der US-Soziologen George Kelling und James Wilson im "Atlantic" ein. "Broken Windows" lautete die Überschrift, und die Theorie der zerbrochenen Fenster ging so: "Wird an einem Haus ein Fenster zerschlagen und nicht repariert, dann sind bald alle Fenster zerschlagen."
Gleiches gelte für Verbrechen: Unbestrafte Bagatelldelikte führten zu einem Anstieg aller Straftaten, auch schwerer. Umgekehrtes Fazit: Eine Stadt lasse sich am besten befrieden, indem man zuerst die kleinen Fische abfange.
Die "Broken Windows"-Theorie wurde in den Neunzigerjahren vor allem in New York zum Dogma der Polizei, um die hohen Kriminalitätsraten zu senken. Was die Befürworter nicht ahnten: Zugleich war sie die Saat für Amerikas aktuelle Sinnkrise - die tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze.
Trayvon Martin, Michael Brown, Tamir Rice, Eric Garner: vier Schwarze, die durch Gewalt von Sicherheitskräften starben. Vier Fälle, die vergleichsweise harmlos begannen, mit einem Spielzeuggewehr (Rice) oder dem illegalen Verkauf von Zigaretten (Garner) - und die doch tödlich endeten.
All diese Fälle haben ihre Wurzeln auch in jener Null-Toleranz-Strategie.
Genug ist genug: Proteste in Manhattan
Foto: ERIC THAYER/ REUTERSJetzt kocht jahrzehntelanger Frust über. "Black lives matter!", rufen die Tausenden Demonstranten, die durch New York und Washington marschieren. In Manhattan skandieren sie aber noch einen anderen Slogan: "Broken windows - broken lives!" Zerstörte Fenster - zerstörte Leben.
Adressat ist Polizeichef Bill Bratton: Den holte der neue Bürgermeister Bill de Blasio dieses Jahr ins Amt zurück, nachdem er das New York Police Department (NYPD) von 1994 bis 1996 schon mal geleitet hatte. Seit Brattons erstem Gastspiel ist "Broken Windows" die Religion des NYPD - was sich jetzt bitter rächt.
Es war New Yorks Ursünde. Unter Bratton und dem damaligen Bürgermeister Rudy Giuliani begann das NYPD, verschärft Delikte zu ahnden, die es lange mehr oder weniger krass geduldet hatte: Betteln, Ruhestörung, Falschparken, Kleinkriminalität. Bratton flankierte das mit einer eigenen Erfindung: Compstat, ein Statistikprogramm zur Erfassung auch kleinster Vergehen.
Grundlage waren die Thesen der Soziologen Kelling und Wilson, die da gerade neue Popularität gewannen. Der Autor Malcolm Gladwell illustrierte den angeblichen Erfolg der "Broken Windows"-Theorie 1996 im "New Yorker" - und später in einem Bestseller - am 75. Polizeirevier in East New York, einem besonders verbrechensgeplagten Teil Brooklyns. Dort sank die Zahl der jährlichen Morde deutlich, von 126 (1993) auf 44 (1995).
Verschärfte Ahndung von Bagatelldelikten: NYPD-Männer auf Streife
Foto: Spencer Platt/ Getty ImagesDahinter stecke "aggressive Polizeiarbeit", prahlte Revierchef Ed Mezzadri. Nicht nur in Brooklyn: In jene Zeit fiel auch die "Disneyfizierung" des Times Squares, den Giuliani und Bratton vom Prostituierten- und Peepshow-Quartier zum gelackten Vergnügungspark machten, der er heute ist.
In der Tat: Die Kriminalitätsraten sanken, gerade für Gewalttaten. Bald war New York die sicherste US-Großstadt - ein weithin kopiertes Vorbild für den Erfolg von "Broken Windows". Auch Bratton profitierte: Nachdem er sich mit Giuliani überworfen hatte, machte er ein lukratives Beratungsgeschäft auf. Als Polizeichef von Los Angeles führte er von 2002 bis 2009 dieselbe Strategie an, bevor er nach New York zurückkam.
Inzwischen aber mehren sich die Zweifel, dass die sinkenden Verbrechensraten wirklich auf "Broken Windows" zurückgehen. Statt dessen nennen Experten andere Gründe: historische Trends, demografischer Wandel, das Abflauen der Crack-Epidemie.
In New York ist die "aggressive Polizeiarbeit" auch bei kleinen Vergehen bis heute Gebot. Obwohl unter deren Folgen meist Schwarze und andere Minderheiten leiden, etwa unter der kontroversen Stop-and-Frisk-Taktik und der oftmals krassen Unverhältnismäßigkeit der Einsätze. Das zeigte sich zuletzt am Fall Garner, der von mehreren Polizisten niedergerungen wurde, weil er ein paar Zigaretten verkauft haben soll und sich nicht einfach festnehmen lassen wollte. Ein Zeuge zeichnete alles per Video auf:
Die Wut darüber färbt inzwischen auch auf de Blasio ab. "Als erstes muss der mit seinem Polizeichef reden und die furchtbare 'Broken Windows'-Strategie abschaffen, die zum Tod Eric Garners geführt hat", sagt Vince Warren, der Direktor der Bürgerrechtsgruppe Center for Constitutional Rights.
Bratton bleibt unbeeindruckt: "Wenn du dich um die kleinen Sachen kümmerst, kannst du viele größere Sachen verhindern." Will heißen: Eric Garner und die anderen mussten im Dienste einer "größeren Sache" sterben.