Ravensburg 17-Jährige niedergestochen - Angehörige wegen versuchten Mordes vor Gericht

Eine 17-Jährige beschmutzte aus Sicht ihrer Angehörigen die Familienehre und wurde fast umgebracht. Nun stehen ihr Bruder, ihr Ehemann und ihre Eltern vor Gericht.
Angeklagter im Landgericht Ravensburg

Angeklagter im Landgericht Ravensburg

Foto: Felix Kästle/ dpa

Wegen eines mutmaßlichen Mordanschlags auf eine 17-Jährige hat vor dem Landgericht Ravensburg der Prozess gegen vier Familienmitglieder des Opfers begonnen. Sie müssen sich dafür verantworten, dass die damals schwangere Alaa W. Ende Februar mit etlichen Schnitten und Stichen in der elterlichen Wohnung in Laupheim bei Biberach beinahe getötet worden wäre.

Der Ehemann und der Bruder W.s sind wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Den Eltern wirft die Staatsanwaltschaft gefährliche Körperverletzung vor. Sie sollen die mutmaßlichen Haupttäter zur Tötung ihrer Tochter aufgefordert, dann aber Hilfe für die Schwerverletzte geholt haben.

Staatsanwalt Florian Steinberg sprach von einem Mordanschlag "aus niedrigen Beweggründen". W.s Mann stammt aus Syrien, der Vater aus dem Libanon, die Mutter und der Bruder wurden wie sie selbst in Libyen geboren. Aus der Sicht der Angeklagten habe die junge Frau die Familienehre beschmutzt, dafür habe sie getötet werden sollen, sagte Steinberg. Die nach islamischem Recht verheiratete 17-Jährige habe sich in einen anderen Mann verliebt. Sie sei zudem schwanger gewesen und habe nicht gewusst, ob von ihrem 17 Jahre älteren Mann oder von ihrem neuen Freund.

Zwei Wochen nach dem Angriff hatte der Vater auf die Scharia verwiesen: "Wenn eine verheiratete Frau eine Beziehung führt und der islamische Richter sie zum Tode verurteilt, dann darf ich nicht Nein sagen", sagte er SPIEGEL TV. Das Video löste Empörung aus.

Der Staatsanwalt verwies im Prozess außerdem auf 13 Handyfilme. Diese habe der Bruder von Alaa W. während des Mordanschlags gedreht. Drei habe er an deren neuen Freund geschickt, einen Flüchtling, der weit jünger ist als W.s Mann. "Ich genieße es, ihr beim Sterben zuzusehen", sagt der Bruder in einem der Videos.

SPIEGEL TV: Mord im Namen der Familie

SPIEGEL TV

Unklar blieb am ersten Verhandlungstag, ob die Tat von langer Hand geplant war oder möglicherweise ein plötzlicher Wutausbruch den Tötungsbeschluss auslöste. Der Staatsanwaltschaft zufolge war der Bruder gerade erst aus der Untersuchungshaft in Stuttgart-Stammheim entlassen worden. Er gilt als islamistischer Gefährder, weil er in die Planung eines Anschlags in Kopenhagen verwickelt gewesen sein soll.

Seine Schwester sagte ihm laut Staatsanwaltschaft, ihren neuen Freund zu lieben. Die Ehe wolle sie auflösen. Der Bruder soll dann ihr Handy durchsucht und Fotos gefunden haben, die Alaa W. ihrem Freund geschickt haben soll - mit nackten Schultern, auch vom Bauch soll ein unbekleideter Streifen zu erkennen gewesen sein.

"Für den Mann und den Bruder waren das Nacktbilder", sagt der Staatsanwalt. Das hätten sie zusätzlich als ehrverletzend empfunden. Sie hätten W. beschimpft. Dann sollen die Männer aus der Küche ein Brotmesser geholt und die Frau damit attackiert haben.

Dann seien die beiden Männer geflohen, "im festen Glauben, die Frau werde nun sterben". Die Eltern riefen den Rettungsdienst. Alaa W. überlebte nach Notoperationen nur knapp. Die beiden mutmaßlichen Haupttäter wurden wenig später in einem Zug am Bahnhof Schweinfurt festgenommen.

bbr/dpa