Internationaler Schlag gegen Schleuserbanden Mit Schlauchbooten aus Osnabrück über den Ärmelkanal

900 Polizisten durchsuchen heute Objekte in Deutschland, England, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Ihr Ziel sind nach SPIEGEL-Informationen Schleuserbanden, die Flüchtlinge nach England bringen.
Polizisten an der Küste im britischen Dungeness beobachten ein Schlauchboot mit Geflüchteten (2021)

Polizisten an der Küste im britischen Dungeness beobachten ein Schlauchboot mit Geflüchteten (2021)

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Gareth Fuller / dpa

Es war keine diplomatische Rede, die der französische Innenminister Gérald Darmanin im Dezember vor der Nationalversammlung in Paris hielt. Darmanin referierte über einen Einsatz der deutschen Polizei in der Nähe von Osnabrück: Neun Schlauchboote, fünf Motoren, 100 Schwimmwesten wurden sichergestellt.

Am nächsten Tag habe die Polizei das Equipment allerdings wieder herausgegeben, der Diebstahlverdacht habe sich nicht bestätigt. Die Männer hätten Rechnungen und Lieferadressen für das Material präsentiert. »Die Motoren tauchten später in Dover wieder auf«, schimpfte Darmanin in seiner Rede. 90 Prozent der Ausrüstung für die gefährlichen Schleusungen über den Ärmelkanal von Frankreich nach Großbritannien kämen aus Deutschland.

»Eines der führenden kriminellen Netzwerke«

Die Botschaft des französischen Innenministers scheint angekommen zu sein: Nach monatelangen Ermittlungen holen mehr als 900 Polizeibeamte zu einem international koordinierten Schlag gegen Schleuserbanden aus. Die Leitung der Aktion, die seit heute Morgen läuft, liegt bei der Bundespolizei. Zeitgleich schlagen die Ermittler in Deutschland, Belgien, Frankreich und Großbritannien zu.

Die Beschuldigten werden nach SPIEGEL-Informationen verdächtigt, als Mitglieder eines der führenden kriminellen Netzwerke in den vergangen 12 bis 18 Monaten bis zu 10.000 Menschen mit Schlauchbooten über den Ärmelkanal geschmuggelt zu haben.

Der Schwerpunkt der Razzien liegt nach Informationen des SPIEGEL und der französischen Zeitung Le Monde im Raum Osnabrück, wo mehrere Lagerhallen und Privatadressen von irakisch-kurdischen Schleusern durchsucht wurden. Weil viele der mutmaßlichen Täter bewaffnet sind und als gewalttätig gelten, schickte die Bundespolizei ihrer Eliteeinheit GSG 9, auch mehrere Spezialeinsatzkommandos (SEK) waren im Einsatz. Sie sollen 18 Verdächtige festnehmen und durchsuchen mehr als 20 Objekte in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bremen. In den Niederlanden sollen heute fünf Objekte durchsucht und fünf Verdächtige festgenommen werden.

Killerkommando schlug in Osnabrück zu

Die Schleusungen bringen den Hinterleuten laut den Ermittlungen der Polizei jedes Jahr mehrere Millionen Euro ein. Bis zu 75.000 Euro sollen sie an einer Überfahrt von der Nordküste in Frankreich nach Südengland verdienen.

Die meisten Boote, die nach der Überfahrt an der englischen Küste zurückbleiben, kommen nach Polizeikenntnissen aus China und wurden offenbar über die Türkei und Bulgarien nach Deutschland gebracht. Laut einer Auflistung aus Frankreich versuchten von Januar bis Ende Juni 22.758 Menschen, von Nordfrankreich aus über das Meer zu flüchten – ein Anstieg um 82 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Aufgrund der restriktiven britischen Asylpolitik nach dem Brexit ist für viele Asylsuchende die 30 bis 50 Kilometer lange Passage über den Ärmelkanal die einzige Möglichkeit, noch nach England zu kommen. Sie ist riskant, immer wieder geraten Geflüchtete in Seenot. Im November ertranken 27 Migrantinnen und Migranten während der Überfahrt, als ihr Schlauchboot kenterte.

Wie brutal die Schleuser ihr Geschäftsmodell verteidigen, wurde im vergangenen Jahr deutlich, als zwei konkurrierende Banden aufeinander losgingen. Im September fielen Schüsse im nordfranzösischen Grand-Synthe. Die französische Polizei ermittelt wegen eines Mordversuchs. Wohl als Vergeltung schlug im November ein mutmaßliches Killerkommando in Osnabrück zu und verletzte einen irakischen Kurden durch mehrere Schüsse in den Unterleib schwer.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels haben wir einen Tatverdacht versehentlich als Zitat eines Polizeisprechers kenntlich gemacht. Wir haben den Fehler korrigiert.

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