Rechtsextremer Kampfsportler Der Neonazi-Krieger

Denis Nikitin ist eine Führungsfigur der rechtsextremen Kampfsportszene. SPIEGEL-Recherchen zeigen: Der Hooligan strickt seine eigene Legende - und ist offenbar in kriminelle Geschäfte in Osteuropa verwickelt.

Denis Nikitin, in Pose
VISUM/ VG/ Panos Pictures

Denis Nikitin, in Pose

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Das Gesicht von Denis Nikitin ist blutverschmiert, seine Schläge prasseln auf den Gegner im Ring ein. Eine Kamera läuft. Immer wieder prügelt er auf den Kontrahenten ein, bis auch dessen Lippe aufplatzt. Eine Aufnahme zeigt Nikitins Rechte in Zeitlupe, wie sie durch die Deckung seines Gegenüber dringt.

Am Ende des schnell geschnittenen, knapp dreiminütigen Videos liegen sich beide Männer mit geschwollenen Gesichtern in den Armen, Nikitin reckt seine Faust in die Kamera. Wer gewonnen hat, ist unklar, aber eigentlich auch egal. Blut, Schweiß und Kameradschaft - darum geht es. Denis Nikitin ist in seinem Element.

Netzwerk durchtrainierter Rassisten

Aufgenommen wurde das Video vergangenen Oktober im sächsischen Ostritz, bei dem sogenannten Kampf der Nibelungen - einer von Neonazis organisierten Veranstaltungsreihe der "Mixed Martial Arts" (MMA). Kickboxen, Karate, Judo: MMA vereint viele Techniken, es ist ein Sammelsurium von Stilen und der wohl härteste Kampfsport der Welt. Auch die rechte Szene hat die Disziplin für sich entdeckt.

Turniere, Events und Seminare von und für Rechtsextreme sprießen seit einiger Zeit wie Pilze aus dem Boden. Entstanden ist ein internationales Netzwerk durchtrainierter Rassisten, Hooligans und Neonazis, die bestens gewappnet für den Straßenkampf sind und deren Einfluss inzwischen sogar bis in rechte Parteispitzen reicht.

Als zentrale Figur dieses Netzwerks gilt der Mann aus dem Video: Denis Nikitin, russischer Staatsbürger mit deutschem Aufenthaltstitel, 1,88 Meter groß, 106 Kilogramm schwer, eine Kampfmaschine. In den Aufnahmen aus Sachsen trägt er ein schwarzes T-Shirt mit einem Symbol, das an ein Hakenkreuz erinnert.

Es ist das Logo von White Rex, einer Bekleidungsmarke, die Nikitin bereits im Jahr 2008 gründete. Inzwischen ist White Rex nicht mehr nur ein Mode-Label, sondern organisiert und unterstützt Kampfsportveranstaltungen in ganz Europa.

White Rex-Gründer Nikitin habe maßgeblich dazu beigetragen, die Neonazi-Kampfsportszene zu professionalisieren, heißt es aus dem nordrhein-westfälischen Innenministerium. "Nicht zuletzt wegen seiner zahlreichen Kontakte zu verschiedenen rechtsextremistischen Gruppierungen als auch in die Hooliganszene ist er gegenwärtig als einer der einflussreichsten Aktivisten zu bewerten", teilt die Behörde mit.

Seine "Widerstands- und Bürgerkriegsrhetorik" deutet demnach darauf hin, dass Nikitin "Rechtsextremisten für gewaltsame Auseinandersetzungen mit den vermeintlichen 'Feinden' der Szene befähigen - mithin ihre Gewaltbereitschaft und -kompetenz erhöhen" wolle, so das Haus von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

Gute Kontakte pflegt Nikitin zu Thorsten Heise und Tommy Frenck, zwei führenden deutschen Neonazis. Bei Frencks Rechtsrockfestival 2017 im thüringischen Themar hielt Nikitin eine Rede - vor 6000 Zuschauern. In den vergangenen Jahren trat Nikitin immer wieder als Sponsor von Kampfevents auf, mehrfach etwa in Rom ("Turnier des Kriegers"), auch in Lyon, Athen und beim "Kampf der Nibelungen" in Ostritz.

Bei solchen Veranstaltungen gehe es wohl darum, sich für einen Umsturz zu rüsten, sagt Rechtsextremismusforscher Robert Claus aus Hannover. "Das Ziel, dem die Kämpfe dienen, ist dieser Tag X." Mit dem Mix aus Männlichkeitsgehabe und Gewalt gelinge es mehr und mehr, neue Mitglieder für die Szene zu werben. In Ostritz habe der "Kampf der Nibelungen" vor etwa 600 Zuschauern stattgefunden. Fünf Jahre zuvor, so Claus, seien es weniger als 150 gewesen.

Die Marke White Rex

Mit seiner Marke White Rex schuf Nikitin, der fließend Deutsch spricht, über die Jahre einen eigenen Kosmos, eine Art rechter Erlebniswelt. Kleidung, Turniere, Sportnahrung, Fitnessstudios - der Neonazi will überall mitmischen, Wehrhaftigkeit und Gesundheit seiner Zielgruppe fördern. "Meine Aufgabe ist global, ich muss alle Lebensbereiche eines modernen Menschen abdecken", sagte Nikitin Anfang 2017 in einem Interview, das auf einer ukrainischen Website zu lesen war. "Entwickelt euch weiter, habt Erfolg! Sieg Heil!", schloss er demnach das Gespräch.

Frei, brutal, stramm national: So präsentiert sich Denis Nikitin gern in der Szene. Recherchen des SPIEGEL offenbaren aber erhebliche Widersprüche in seiner Biografie. Und sie liefern Hinweise auf mutmaßlich kriminelle Geschäfte Nikitins in der Ukraine, die seine Gefährlichkeit auch jenseits von Ring und Straßenprügelei unterstreichen.

Nikitin heißt eigentlich anders

Eine Wohnblocksiedlung im Kölner Stadtteil Chorweiler. Im Erdgeschoss eines grauen Mehrparteienhauses ist der Neonazi amtlich gemeldet. Seine Jugend verbrachte der in Moskau geborene Nikitin hier.

Erste Gewalterfahrungen sammelte er Mitte der 2000er-Jahre in der Hooliganszene des 1. FC Köln. In Moskau entwickelte Nikitin sich später zu einer echten Größe der noch weitaus brutaleren dortigen Hooliganszene. Inzwischen soll er viel Zeit in der Ukraine verbringen, immer wieder taucht er aber in Deutschland auf.

Die Adresse in Chorweiler stimmt, doch an der Klingel steht ein anderer Name. Der Russe, den selbst gut informierte Szenekenner nur als Denis Nikitin kennen, heißt eigentlich Denis Kapustin. Das geht aus vertraulichen Unterlagen der nordrhein-westfälischen Behörden hervor, die dem SPIEGEL vorliegen.

Neonazis in Themar
REUTERS

Neonazis in Themar

Es ist nicht die einzige Ungereimtheit im Leben des Denis Kapustin alias Nikitin. Auch sein bei MMA-Kämpfen angegebenes Alter stimmt nicht mit dem in Ausweisdokumenten eingetragenen Datum überein. Bei seinem letzten Wettkampf in Ostritz im Oktober gab er sein Alter mit 30 an. Tatsächlich ist er aber vier Jahre älter. Kurios sind auch die Hintergründe zu seinem Aufenthaltsstatus.

Nach SPIEGEL-Recherchen reiste Kapustin mit seiner Familie erstmals im Jahr 2001 von Russland nach Deutschland. Nicht etwa als russischer Spätaussiedler, sondern als jüdischer Kontingentflüchtling. Im Amtsdeutsch war Familie Kapustin aufgrund ihrer angeblich jüdischen Herkunft fortan ein "besonderer Fall". Nur wenige Monate nach seiner Einreise bekam Denis Kapustin eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Ein jüdischer Flüchtling, der dann zum einflussreichen Neonazi mutiert? Vor dem Haus in Chorweiler gibt sich Kapustins Mutter wortkarg. Ihr Sohn halte sich in der Ukraine auf. Ist die Familie jüdisch? "Ich bin eine russische Frau." Wieso nutzt ihr Sohn den falschen Namen Nikitin? Kein Kommentar. "Ich habe Probleme mit meinem Sohn", sagt die Frau. Warum? Keine Antwort. Sie lässt die Tür ins Schloss fallen.

Kontakte zum russischen Geheimdienst?

Mancher Verfassungsschützer kommt angesichts dieser Brüche im Lebenslauf des Hooligans ins Grübeln: "Wenn man sich dazu noch die häufigen Reisen gen Osten und seine finanziellen Mittel für die Organisation von Events in ganz Europa anschaut, steht Kapustin staatlichen Stellen Russlands vielleicht näher, als wir es momentan belegen können", sagt ein hochrangiger Nachrichtendienstler. "Es ist jedenfalls auffällig."

Steht Denis Kapustin als Unruhestifter möglicherweise unter dem Einfluss russischer Geheimdienste? Eine Theorie, die nicht alle deutschen Spionageabwehr-Experten für plausibel halten.

Manchen fällt auf, dass Kapustin sich überwiegend in der mit Russland verfeindeten Ukraine aufhalte. Generell ausschließen können deutsche Sicherheitsbehörden aber nicht, dass der Kreml Extremisten in Deutschland unterstützen könnte.

Das Interesse Putins an Destabilisierungskampagnen in Europa sei nach wie vor groß, heißt es. Auch vor diesem Hintergrund beobachten Behörden den inzwischen intensiven Austausch zwischen deutschen Neonazi-Kadern und russischen Kameraden.

Zudem gibt es immer wieder Berichte über etablierte Kontakte zwischen der Moskauer Hooliganszene, in der Kapustin lange aktiv war, und dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Eine Anfrage des SPIEGEL ließ Denis Kapustin unbeantwortet. Sein Rechtsanwalt teilte mit, er stehe für Nachfragen nicht zur Verfügung.

"Denis Nikitin" scheint eine hybride Person zu sein, eine Kunstfigur, gebildet aus Tatsachen, Halbwahrheiten und Lügen. Sicher ist: Wegen seiner extremistischen Unternehmungen beschäftigt er nicht nur zahlreiche Nachrichtendienste. Auch Polizei und Staatsanwaltschaften ermitteln regelmäßig gegen ihn, zuletzt wegen mutmaßlich krimineller Geschäfte in Osteuropa.

Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln
DPA

Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln

So nahmen Sicherheitskräfte Kapustin im vergangenen Oktober in der Ukraine fest - nur wenige Tage nach seinem "Kampf der Nibelungen" in Ostritz. Nach SPIEGEL-Informationen verdächtigen die Behörden Kapustin, der in Interviews einen asketischen Lebensstil predigt, Amphetamine hergestellt zu haben.

Sicherheitskreisen zufolge soll er in der Ukraine außerdem versucht haben, sich Waffen in Form von umgebauten Signalpistolen zu verschaffen - ein alarmierender Verdacht. Inzwischen sei er in der Ukraine wieder auf freiem Fuß, heißt es. Nach Deutschland kann der Neonazi zurzeit offenbar nicht reisen: Die ukrainischen Behörden sollen seinen Reisepass eingezogen haben.

Ungeachtet des staatlichen Verfolgungsdrucks gewinnt das von Kapustin gegründete Netzwerk White Rex weiter an Einfluss, der inzwischen bis in rechte Parteikreise reicht. In der Schweiz etwa ist Florian Gerber seit 2017 für Kapustins Onlinehandel verantwortlich. Gerber ist zugleich Vizechef der rechtsextremen "Partei national orientierter Schweizer" (PnoS). Für die PnoS bot Kapustin in der Vergangenheit mehrfach Selbstverteidigungskurse an.

In der elterlichen Wohnung in Köln war der Neonazi offenbar schon länger nicht mehr. Es mag daran liegen, dass der Stadtteil Chorweiler ein einziger Widerspruch ist zu der Welt, wie sie Kapustin sich vorstellt. In dem Haus, in dem seine Eltern leben, wohnen auch Familien mit türkischen Namen. Und nur einen Kilometer entfernt liegt das Bundesamt für Verfassungsschutz.



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gruenerfg 14.02.2019
1. Nachfrage
"Im Amtsdeutsch war Familie Kapustin aufgrund ihrer angeblich jüdischen Herkunft fortan ein "besonderer Fall". Nur wenige Monate nach seiner Einreise bekam Denis Kapustin eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis." Gibt es Gesetze, die diese beschleunigte Aufenthaltserlaubnis regeln?
sebastian.scha.3 14.02.2019
2. Paradebeispiel
Wenn ein russischer Neonazi in Deutschland Aufenthaltsrecht bekommt weil er angeblich ein verfolgter Jude sein soll, dann ist unser geisteskrankes Asylrecht mal wieder beispielhaft dargestellt.
McTitus 14.02.2019
3. @sebastian.scha.3
Das Asylrecht ist schon in Ordnung. Geisteskrank ist ein großes Wort. Ich wünsche Ihnen noch einen recht schönen und entspannten Abend.
Jugendlicher 14.02.2019
4. Er ist kein Russe...
Zitat von sebastian.scha.3Wenn ein russischer Neonazi in Deutschland Aufenthaltsrecht bekommt weil er angeblich ein verfolgter Jude sein soll, dann ist unser geisteskrankes Asylrecht mal wieder beispielhaft dargestellt.
... sondern jemand der, mit einem damals üblichen, Russischen Pass in der Ukraine aufgewachsen ist. Die Mutter sagte ja... in der Ukraine. In der Nähe von Kiew gibt es ein paar Dörfer dort sind die Ausbildungs Camps für die Neo Narzis.
spon-1278599222267 14.02.2019
5. Dünne Faktenlage
Wenige Informationen des Artikels sind solide. Es wird viel gemutmaßt, über angeblich kriminelle Geschäfte, Berichte über Kontakte und über vermutete Inhalte irgendwelcher Seminare. Es scheint der etwas gequälte Versuch einen jüdischen Flüchtenden als blutrünstigen Rechtskriminellen mit allerlei Geheimdienstunterstützung darzustellen. Für einen solchen Vorwurf finde ich die Beweislage etwas dünn.
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