Vermisster Jugendlicher Polizei hatte schon vor Monaten Hinweis auf Tatverdächtigen

Er galt zweieinhalb Jahre als vermisst, ehe Polizisten den 15-Jährigen im Schrank eines Mannes aus Recklinghausen fanden. Nun zeigen neue Untersuchungen: Die Polizei bekam schon vor Monaten Hinweise auf den Tatverdächtigen.
In diesem Haus entdeckten Polizisten den Jungen: Offenbar hatte er die Wohnung über Monate nicht verlassen

In diesem Haus entdeckten Polizisten den Jungen: Offenbar hatte er die Wohnung über Monate nicht verlassen

Foto: Marcel Kusch/dpa

Der vermisste Junge, den Polizisten am Freitag bei einer Wohnungsdurchsuchung in Recklinghausen versteckt in einem Schrank entdeckten, hätte womöglich schon vor Monaten aufgespürt werden können. Die zuständige Duisburger Polizei bekam schon im Sommer einen Hinweis auf den 44-Jährigen, in dessen Wohnung der Junge gefunden worden war.

"Der Hinweis ging im Rahmen der Ausstrahlung der Sendung "Aktenzeichen XY" im Juli ein", bestätigte Polizeisprecher Andreas Wilming-Weber dem SPIEGEL. In der Sendung war nach dem inzwischen 15-Jährigen gesucht worden. "Es wird geprüft, ob dem Hinweis mit aller gebotenen Konsequenz nachgegangen wurde", sagte Wilming-Weber. Dabei sei auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet worden.

Die zuständige Polizei in Duisburg teilte auf SPIEGEL-Anfrage mit, dass sie den Vorfall bedauere und offen mit den Vorwürfen umgehen wolle, um ähnliche Versäumnisse in Zukunft zu vermeiden. Worin genau der Hinweis bestand, ist noch unklar. Nach der Sendung waren schätzungsweise 50 Meldungen zu dem vermissten Jungen eingegangen.

Die Polizei entdeckte den Jungen nur zufällig

Der gut zweieinhalb Jahre vermisste Jugendliche war am vergangenen Freitag zufällig bei einer polizeilichen Durchsuchung in der Wohnung des 44-jährigen Mannes entdeckt worden. Die Hausdurchsuchung hatte nichts mit dem Vermisstenfall zu tun. Die Polizei verdächtigte den 44-Jährigen im Zusammenhang mit einem anderen Strafverfahren, kinderpornografisches Material verbreitet zu haben.

Auf der Suche nach Hinweisen entdeckten sie den 15-Jährigen in einem Schrank. Er war im Juni 2017 im Alter von 13 Jahren aus einer Wohngruppe in Oer-Erkenschwick verschwunden. Man gehe nach bisherigen Ermittlungen davon aus, dass der Junge mindestens die vergangenen zwei Jahre in der Wohnung verbracht habe, ohne sie verlassen zu haben, sagte ein Sprecher der Bochumer Staatsanwaltschaft dem SPIEGEL. Es gab jedoch zunächst keine Hinweise, dass der Junge gegen seinen Willen dort festgehalten wurde. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Der 44-Jährige, in dessen Wohnung der Junge entdeckt worden war, sitzt nun in Untersuchungshaft. Er wurde schon 2018 wegen Verbreitung von Missbrauchsvideos zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Ob er den Jungen missbraucht hat, ist unklar.

Inzwischen hat eine 18-köpfige Ermittlungskommission den Fall übernommen. Polizisten haben die Wohnung des 44-Jährigen Tatverdächtigen am Wochenende auf der Suche nach Datenträgern leergeräumt. Zudem kamen Datenträgerspürhunde zum Einsatz - offenbar mit Erfolg. Die Beamten stellten mehrere Beweismittel sicher, heißt es in einer Mitteilung .

"Aktuell konzentrieren sich die Ermittlungen insbesondere auf die schnellstmögliche Auswertung der Datenträger", heißt es darin. Zudem ermitteln die Polizisten im persönlichen Umfeld des Tatverdächtigen. Die Ermittlungsarbeit werde auch über die Feiertage fortgesetzt.

koe/dpa