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25. Januar 2012, 19:40 Uhr

Reederei Costa Crociere

"Niederträchtige und ungerechte Anschuldigungen"

Harsche Kritik übten Passagiere und der Kapitän des vor Giglio havarierten Schiffs an der Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere. Jetzt geht das Unternehmen in die Offensive - und wehrt sich im römischen Senat gegen die "niederträchtigen Anschuldigungen".

Rom - In den vergangenen Tagen ist die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere nach der Havarie eines ihrer Schiffe vor der Insel Giglio zunehmend in die Kritik geraten. Unter anderem soll die Entscheidung, die "Costa Concordia" ganz nah an die Küste in gefährlich flaches Wasser zu bringen, von der Reederei getroffen worden sein.

Dem trat der Vorstand und Geschäftsführer Pierluigi Foschi bei einer Anhörung vor dem Senat in Rom an diesem Mittwoch vehement entgegen, indem er die Schuld auf den Kapitän schob. "Wenn sie gefragt wird, kann die Firma einem touristischen Manöver zustimmen." Es sei nicht verboten, sich der Küste zu nähern, die Praxis an sich sei nicht riskant, wenn man sich an die Vorgaben halte. Das bedeute unter anderem, dass man keinesfalls mit einer Geschwindigkeit von 16 Knoten auf die Küste zufahren dürfe - so wie es Kapitän Francesco Schettino nachgesagt wird.

Zudem habe der Krisenmanager der Reederei, der unmittelbar nach dem Unglück mit dem Kapitän am Telefon sprach, aus dessen Angaben und seinem Tonfall nicht erkennen können, dass es sich um eine Notsituation an Bord handele. Die Vorwürfe, das Personal sei nicht ausreichend geschult gewesen, bezeichnete Foschi als "niederträchtige und ungerechte Anschuldigungen".

Nach der Kollision mit dem Felsen seien "fast alle Passagiere vom Schiff geholt worden, trotz der Neigung des Schiffes und in kürzester Zeit", betonte Foschi. Auf die Zeit, die verstrich, bevor überhaupt mit der Evakuierung begonnen wurde - etwa 73 Minuten - ging er nicht ein.

Auch den Vorwurf, an Bord hätten sich nichtregistrierte Passagiere, unter ihnen auch Schwarzarbeiter befunden, wies Foschi zurück. "Es ist undenkbar, dass ein Unternehmen wie das unsere, mit einer so reichen Erfahrung, es sich erlauben könnte, an Bord eines Schiffes blinde Passagiere zu haben." Costa Crociere verfüge über ein sehr modernes System, bei dem jeder Passagier fotografiert und mit einem Code registriert werde, so der Geschäftsführer weiter.

Seit 2003 verfüge das Unternehmen über eine Bescheinigung, die faire Arbeitsbedingungen garantiere. "Unsere Lieferanten müssen nachweisen, dass sie keine Kinder oder Jugendlichen beschäftigen und Religionsfreiheit, gleiche Bezahlung und Gleichbehandlung der Geschlechter garantieren können", sagte Foschi.

Kategorisch bestritt Foschi, dass die Blackbox der "Costa Concordia" seit 15 Tagen defekt gewesen sei, wie es der Kapitän behauptet hatte. "Die Blackbox war nicht kaputt." Es habe ein Problem am 10. Januar gegeben, am Tag darauf hätten die Techniker die Baufirma kontaktiert. Es habe ein "kleines Koordinationsproblem" gegeben, das aber die Datenübertragung und die Möglichkeit, die Blackbox-Daten auszuwerten nicht beeinflusst habe.

Das Unglück vom 13. Januar sei ein "tragischer Vorfall, der nicht geschehen sollte und auch nicht hätte geschehen müssen", sagte der Geschäftsführer. Unter den Totesopfern des Schiffsunglücks der "Costa Concordia" sind zwei Deutsche identifiziert worden. Weitere zehn Staatsangehörige würden noch vermisst, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Mittwochabend in Berlin. Einer der beiden Toten war bereits von den italienischen Behörden identifiziert worden. An Bord des Kreuzfahrtschiffes waren etwa 4.200 Menschen. Bislang ist der Tod von 16 Menschen bei dem Unglück bestätigt. 17 Personen gelten offiziell als vermisst.

Schettino steht noch immer unter Hausarrest, sein Anwalt hat am Mittwoch vor einem Gericht in Florenz dagegen Einspruch eingelegt. Die erste Anhörung ist für den 3. März geplant.

ala

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