Reemtsma-Entführer "Thomas denkt, Lutz hat das Geld"

Mit der Entführung des Hamburger Millionärs Reemtsma erpresste Thomas Drach 30 Millionen Mark. Sein Bruder Lutz soll Teile des Lösegeldes verprasst haben. Das Einzige, was die zerstrittenen Geschwister noch eint, ist Mutter Helga. Die sagte nun vorm Landgericht Hamburg aus.

DPA

Von


Hamburg - Drei Jahre lang hat Helga Drach ihren Sohn Thomas nicht gesehen, nicht seine Stimme gehört, ihn weder umarmt noch seine Hand gehalten. Da hockt er nun auf der Anklagebank im Saal 288 des Landgerichts Hamburg, das Kreuz unter der langen, braunen Lederjacke durchgedrückt. Die Mutter betritt den von Panzerglas geschützten Raum, den Kopf verhüllt von einem Tuch, darüber eine Kapuze, die Augen hinter einer Sonnenbrille. Verlegen streckt Thomas Drach seine rechte Hand zum Gruß aus, die Mutter ergreift sie, führt sie an seine Wange, sie senkt den Kopf. Dann nimmt sie Platz im Zeugenstand.

Keine 90 Zentimeter trennen sie voneinander. Ihn, den Entführer des Hamburger Millionärs Jan Philipp Reemtsma, verurteilt zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft, der 15 Millionen Mark und 12,5 Millionen Franken erpresste und bis heute zum Verbleib des Lösegelds schweigt. Und sie, seine Mutter, eine 75-jährige Rentnerin, die Haare kurz und blond gefärbt, die schwarze Winterjacke behält sie an.

Drach soll aus dem Gefängnis heraus versucht haben, über Dritte seinen Bruder Lutz zu erpressen, er ist angeklagt wegen räuberischer Erpressung. Wird er verurteilt, wird er nicht wie geplant am 21. Juli 2012 aus der Haft entlassen, wird er zu mindestens zwei Jahren Haft verurteilt, könnte er gar zu einer Sicherungsverwahrung verurteilt werden. Lutz Drach war bis Mai 2009 selbst in Haft, weil er Teile des Lösegeldes gewaschen haben soll. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Thomas Drach mit der Erpressung verhindern wollte, dass sich der Bruder mit dem restlichen Lösegeld aus dem Staub macht.

Die Anklage stützt sich auf Briefe, die Thomas Drach seiner Mutter schrieb. Darin heißt es: "Ich will nicht, dass die Ratte nur einen Euro von meinem Geld ausgibt." Drach behauptet, der Bruder habe auf seine Kosten gelebt. "Der Parasit hat mich um 75 Millionen Euro und 14 Jahre meines Lebens gebracht." Lutz Drach solle ihm die "Schulden zurückzahlen mit Zinsen und Zinseszins". Und: "Die Rechnung, die ich jetzt aufmache, wird entsprechend sein."

Die Geschwister hätten sich oft "in der Wolle gehabt", sagte Helga Drach am Dienstag, "wie das bei Kindern" eben üblich sei. Nun hätten sie Streit um das Geld aus der Reemtsma-Entführung. "Thomas denkt, der andere hat das Geld. Aber das stimmt nicht. Lutz hat nichts."

400.000 Dollar in einem Schließfach

Thomas Drach gibt in den Briefen seiner Mutter und seinem Freund Hans-Georg M. konkrete Anweisungen, wie sie Lutz am Tag seiner Freilassung gemeinsam abholen und für Gespräche über die deutsche Grenze fahren sollen. "Wenn mein Scheiß-Bruder entlassen wird, rufe Hans an, damit er dich begleiten wird." Anschließend habe der Bruder "sechs Monate Zeit, um 30 Millionen Euro zu besorgen, wie es seine christliche Gesinnung erlaubt". Wenn Hans-Georg M. nicht könne, "dann muss ich die anderen schicken", schreibt er der Mutter. Die "Ratte", wie er den Bruder nennt, solle "zu Gott beten, dass er mir nie wieder begegnet". Außerdem fordert er die Mutter auf: "Du leihst ihm keinen Euro!"

Helga Drach sagt, sie habe die Anweisungen gar nicht verstanden. Für sie sei es nie in Frage gekommen, ihren jüngsten Sohn vor der JVA persönlich abzuholen, "weil da überall Reporter lauern". Sie habe veranlasst, dass dies ein Freund übernehme. Auch der Aufforderung, ihrem Jüngsten kein Geld zu geben, habe sie sich widersetzt. Sie hätte Lutz etwas gegeben, so die Mutter. Aber sie hätte es ebenso gehandhabt, wäre Thomas in der Situation gewesen.

Thomas raste manchmal aus. Das liege daran, dass er seit vielen Jahren in Einzelhaft sitze. Ein Gedanke, der ihr am Montag gekommen sei, sagt Helga Drach vor Gericht. Es klingt jedoch so, als habe der Verteidiger ihres Sohnes, Helfried Roubicek, bei diesem Gedanken nachgeholfen. Denn er hakt kurz darauf noch einmal nach, und Helga Drach wiederholt artig, dass die Wesensveränderung ihres Sohnes damit zusammenhänge, dass Thomas "immerzu in Einzelhaft saß. Alle dürfen zusammen sein, nur er nicht. Er ist doch nicht so, dass man Angst vor ihm haben müsste." Roubicek lobt sie daraufhin: "Das haben Sie gut formuliert."

Auch Hans-Georg M., besagter Freund, sagte am Dienstag vor Gericht aus und zeigte sich gut präpariert. Allein schon, weil er - so sagt er selbst - bereits vor Prozessbeginn die Anklageschrift studiert hat. Der 54-Jährige kennt Drach aus gemeinsamen Knastzeiten Ende der Achtziger. Die Briefe, in denen Drach um Abholung seines Bruders bitte, seien seiner Ansicht nach eine Art Ventil, um Frust abzulassen. Thomas Drach sei durch die Isolationshaft aggressiver geworden. Inzwischen verweigere er den Kontakt zu Mithäftlingen auf eigenen Wunsch, um sich keine "Spitzel" in die Zelle zu holen. Hans-Georg M. erinnerte sich an seine eigene Haftzeit. "Jeden Tag auf acht Quadratmetern - da staut sich der Frust an, das ist nicht einfach zu ertragen."

"So gefährlich ist er nicht"

Laut Staatsanwaltschaft soll es zwischen Hans-Georg M. und Drach ein Gespräch gegeben haben, wonach Lutz Drach aus einem Schließfach in Uruguay 400.000 Dollar abholen sollte. M. konnte sich jedoch an nichts erinnern - auch nicht daran, dass er nach einem Gefängnisbesuch bei Drach eine von Albanern betriebene Kneipe in Hamburg-Altona besucht hatte. Obwohl er dabei observiert wurde. M. sollte sich laut Überwachungsprotokoll bei einem anderen Botengang für Drach von einem Albaner begleiten lassen.

Zu den Erpressungsvorwürfen sagte M. lediglich, Thomas sei "säuerlich" auf seinen Bruder Lutz gewesen. Wenn dieser Geld bekommen habe, sei dies berechtigt, aber er wisse nicht, inwieweit Lutz Drach überhaupt in die Sache mit der Beute involviert sei.

Thomas Drach konnte sich nur schwer beherrschen, als seine Mutter und sein Freund von Staatsanwaltschaft und Gericht befragt wurden. Immer wieder mischte er sich ein, rief: "Könntest du dir vorstellen, dass ich dich und Hans zu einer Erpressung anstifte?" Nein, antwortete seine Mutter, ohne sich umzudrehen. "Das könnte ich gar nicht."

Die Anschuldigungen hält Helga Drach für absurd. So etwas hätte ihr der Sohn "niemals zugemutet". Außerdem: "So gefährlich ist er nicht, auch wenn er manchmal Wut hat." Thomas habe ihr auch einen Brief zu Muttertag geschickt. "Ja, er kann auch sehr, sehr nett sein."

Helga Drach beschreibt Thomas als sehr braves Kind, keiner, der sich mit anderen Kindern oder Jugendlichen herumprügelte, der sich seine Freunde selbst aussuchte und der aus purer Faulheit vom Gymnasium flog. Er sei intelligent, habe aber nie für die Schule gelernt. Mit zwölf Jahren habe er Rennfahrer werden wollen, erinnert sie sich. Autos seien seine Leidenschaft gewesen. Die Lehre als Kfz-Mechaniker schmiss er trotzdem.

Die Leidenschaft blieb. Thomas knackte Autos, immer wieder machte er sich strafbar. "Leider", sagt die Mutter am Dienstag vor Gericht. Der Kontakt riss nie ab. Helga Drach besuchte ihren Sohn, egal wo er einsaß. Um 6 Uhr in der Früh fuhr sie aus Nordrhein-Westfalen, wo sie lebt, nach Hamburg, kehrte spätabends zurück, für eine Stunde Besuchszeit. Seit er in Hamburg-Billwerder eingesperrt sei, seien die Kontrollen so beschwerlich, die Anreise ein enormer Aufwand, seit drei Jahren habe sie ihn deshalb nicht mehr besucht, telefonieren dürfe er nicht, also schrieben sie sich Briefe.

"Ich wünsche mir sehr, dass er nächstes Jahr rauskommt, und das Ganze mal ein Ende hat", sagt Helga Drach. Die kriminelle Vergangenheit ihres Sohnes hat ihr Leben geprägt. Fünfmal hätten die Ermittler ihre Wohnung nach der Beute durchsucht. "Das war so entsetzlich!" Man brauche sie nichts zum Lösegeld fragen, betont sie, sie wisse nichts.

Bis heute wissen viele ihrer Bekannten nicht, dass sie die Mutter des Reemtsma-Entführers sei, sagt die 75-Jährige. "Und das soll auch so bleiben." Vorsitzende Richterin Ulrike Taeubner zeigte dafür Verständnis und ließ den Saal räumen, bevor Helga Drach aufstand. Mutter und Sohn sollten sich noch einmal in Ruhe begrüßen können. Ohne jegliche Verkleidung.

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.