Fall Maria Baumer "Bloß nicht verärgern, bloß raus aus der Wohnung"

Im Fall Maria Baumer hat eine ehemalige Bekannte des Angeklagten Christian F. ausgesagt. Sie berichtete von Stalking, dann von einem gewaltsamen Übergriff. In ihrem Blut wurde das gleiche Beruhigungsmittel gefunden wie bei Baumer.
Von Wiebke Ramm, Regensburg
Der Angeklagte im Gerichtssaal: Er soll seine Verlobte Maria Baumer mit Medikamenten getötet haben

Der Angeklagte im Gerichtssaal: Er soll seine Verlobte Maria Baumer mit Medikamenten getötet haben

Foto: Armin Weigel/ dpa

Der Horror begann im Bus. Sie spürte die Gefahr in dem Moment, als Christian F. nicht an seiner Haltestelle aussteigt, sondern wortlos neben ihr sitzen bleibt. Doch Valerie S. traut ihrem Gefühl nicht. Er ist schließlich ein Freund. Sie beschließt, ihre Angst zu bekämpfen. So erzählt sie es am Mittwoch vor dem Landgericht Regensburg. Doch die Gefahr, die sie im April 2014 spürte, war echt.

"Ich bedauere es sehr, dass wir Ihnen das heute hier nicht ersparen können", sagt Michael Hammer, Vorsitzender Richter der 2. Großen Strafkammer, an diesem Tag, mehr als sechs Jahre später zu Valerie S., 27. Doch für Christian F. gehe es "um sehr, sehr viel". Auf die Aussage von Valerie S. kann das Gericht nicht verzichten.

Der Angeklagte nimmt ihre Krankenakte mit nach Hause

Christian F., 35, steht wegen Mordes vor Gericht. Ende Mai 2012 soll er seine Verlobte, Maria Baumer, getötet haben. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft soll er sie mit dem Beruhigungsmittel Lorazepam in Kombination mit einem anderen Medikament ermordet haben. Er bestreitet die Tat und schweigt vor Gericht. Fest steht: Zwei Jahre später, im April 2014, hat Christian F. Valerie S. mit Lorazepam betäubt.

Wegen schweren Depressionen war Valerie S. von Februar bis August 2012 im Bezirkskrankenhaus Regensburg in Behandlung. Christian F. arbeitete dort als Krankenpfleger, sie war seine Patientin. "Christian hat sich wirklich gut um mich gekümmert", sagt Valerie S., sie hat ihm vertraut. Von Dezember 2013 bis März 2014 war sie ein zweites Mal in der Klinik. Christian F. kümmerte sich wieder, diesmal privat, weil er auf einer anderen Station arbeitete.

Christian F. kannte ihre Angst vor Männern. Er wusste, dass sie im Alter von 17 Jahren vergewaltigt worden war. Er wusste das alles. Und er wusste noch viel mehr. Ihre Krankenakte hatte er zu sich nach Hause genommen. Auf seinem Computer hatte er einen eigenen Ordner angelegt, in dem er Fotos und Texte von ihr speicherte. Sie stammten von ihrem Blog.

"Hatten Sie den Eindruck, dass Christian F. an einer intimen Beziehung zu Ihnen interessiert war?", fragt der Richter. "Er hat es nicht offen gesagt", sagt die Zeugin, aber gemerkt habe sie es schon. "Ich dachte, ich habe klargestellt, dass da von meiner Seite nichts geht." Zum Beispiel, in dem sie ihm von ihren Schwärmereien erzählte. "Ich habe nicht überrissen, wie ernst die Lage ist."

Dass die Lage ernst ist, merkte sie am Ende ihres zweiten Klinikaufenthaltes. Er habe ihr Briefe geschrieben, sie unangekündigt besucht. Nach ihrer Entlassung stand er mehrmals unangemeldet vor ihrer Tür, rief ständig an. "Das war ein bisschen bedrohlich", sagt sie. Allein im April 2014 schrieb er ihr 535 Nachrichten. Sie antwortete gerade einmal 33 Mal. So richtig gemerkt, dass er nicht nur Freundschaft wollte, habe sie erst da, "als das Stalking losging".

"Auf einmal war ich so müde"

Irgendwann habe er wieder vor ihrer Tür gestanden, er habe eine DVD dabeigehabt, Sekt und Orangensaft. Sie bat ihn rein und trank von seinen Getränken. "Auf einmal war ich so müde." Ihr war das Erlebnis so unheimlich, dass sie den Kontakt zu Christian abbrach.

Wenige Tage später reiste eine Freundin aus Norddeutschland an und schlug ein Picknick mit Christian und einer weiteren Freundin vor. Es war der 22. April 2014. Valerie S. sagt, sie hatte ein ungutes Gefühl, wollte der Freundin zuliebe aber nicht ablehnen. Ihr falle es schwer, nein zu sagen. Stattdessen bat sie noch einen Freund hinzu. Alle gemeinsam besuchten sie noch ein Museum, dann trennten sich die Wege.

Valerie S. und Christian F. stiegen gemeinsam in einen Bus. Immer wieder habe Christian sie zuvor gefragt, ob er noch "auf einen Tee" mit zu ihr kommen dürfe. Immer wieder habe sie abgelehnt. Sie sei noch stolz auf sich gewesen, sagt sie, dass sie so deutlich geworden ist.

Im Blut wurde Lorazepam festgestellt

Der Bus hielt an der Haltestelle, an der er hätte aussteigen müssen. Doch er blieb wortlos sitzen. Es ist der Moment, in dem für Valerie S. der Horror begann. Vor Gericht kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Der Richter lächelt sie aufmunternd an. Die 27-Jährige holt tief Luft und erzählt weiter. "Und da habe ich auf Autopilot geschaltet." Ihre Stimme bricht. "Ich habe keine Entschuldigung dafür." Sie weint.

"Sie müssen sich nicht entschuldigen", sagt der Richter. Valerie S. spricht unter Tränen weiter. "Mir war die Gefahr bewusst", sagt sie. Sie weint. "Ich habe ihn in die Wohnung gelassen, ich habe Tee gemacht." Sie sagt es so, als mache sie sich selbst Vorwürfe. "Ich dachte mir noch, ich beweise dem verängstigen Teil in mir, dass ich überreagiere, dass gar nichts passiert."

Als sie den Tee gekocht hatte, habe er nach einem Taschentuch gefragt. Sie habe ihm eines aus dem Badezimmer geholt. Dann trank sie von dem Tee. "Meine letzte Erinnerung ist, dass ich die Tasse hinstelle und Christian anschaue. Dann weiß ich nichts mehr."

Nachts ist sie aufgewacht. Sie lag in ihrem Bett, Christian F. lag neben ihr. Sie habe nicht reagieren können. "Ich war zu müde, um mich zu bewegen." Sie schlief wieder ein. Als sie am nächsten Morgen aufgewacht ist, lag er immer noch neben ihr und habe sie gestreichelt. So hat sie es in Erinnerung. Sie habe nur gedacht: "Bloß keine schnellen Bewegungen, bloß nicht verärgern, bloß raus aus der Wohnung". Noch am selben Tag wandte sie sich an die Polizei. In ihrem Blut wurde Lorazepam festgestellt, ein starkes Beruhigungsmittel. In ihrem Slip waren DNA-Spuren von Christian F.

Bewährungsstrafe wegen sexuellen Missbrauchs

Die Verteidiger von Christian F. fragen die Zeugin, welche Medikamente sie an jenem Tag sonst noch eingenommen hat. Sie fragen, wann genau die betäubende Wirkung eingesetzt hat. Sie fragen, wie lange sie brauchte, um das Taschentuch zu holen. Irgendwann richtet Valerie S. das Wort an die Anwälte von Christian F. "Entschuldigung", sagt sie, "Ihr Mandant hat das gestanden."

Im Dezember 2016 ist Christian F. wegen Körperverletzung verurteilt worden. Er hat gestanden, Valerie S. Lorazepam in den Tee gemischt zu haben. Der Vorwurf der sexuellen Nötigung wurde nach einer Verständigung zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung fallen gelassen, trotz DNA im Slip. Christian F. wurde damals auch wegen sexuellen Missbrauchs zweier Jungen und Besitzes von Kinderpornografie verurteilt. Die beiden Jungen waren zu Beginn der Übergriffe elf und 13 Jahre alt. Die Taten begannen etwa 2003 und endeten 2011. Die Jungen schliefen zumeist, als Christian F. sie missbrauchte. Einige Übergriffe filmte er. Ob er auch sie betäubt hatte, konnte das Gericht damals nicht feststellen. Christian F. wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

"Hat Christian F. Ihnen gegenüber mal geäußert, wie seine Verlobte ums Leben gekommen sein könnte?", fragt der Richter am Mittwoch Valerie S. irgendwann. "Nein", sagt sie. Er habe immer nur gesagt, wie sehr ihn das alles belaste.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Christian F. Maria Baumer getötet hat, weil er von der Idee besessen war, eine Beziehung mit Valerie S. zu führen.

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