Fall Maria Baumer Das große Zittern

Christian F. soll seine Verlobte getötet haben. Vor Gericht erinnern sich zwei Polizisten an das ungewöhnliche Verhalten des Mannes bei den ersten Vernehmungen. Auch ein Telefonmitschnitt wirft Fragen auf.
Von Wiebke Ramm, Regensburg
Der Angeklagte (Mitte) wird am 1. Juli von Polizisten in den Gerichtssaal begleitet

Der Angeklagte (Mitte) wird am 1. Juli von Polizisten in den Gerichtssaal begleitet

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Armin Weigel/ dpa

"Sein Verhalten war extrem seltsam", sagt der Polizist, der den Verlobten von Maria Baumer, Christian F., kurz nach deren Verschwinden vernommen hat. Der Beamte scheint die Situation vom Mai 2012 noch immer vor Augen zu haben. "Er fing während der Vernehmung an zu schwitzen und zu zittern." Das Zittern sei immer schlimmer geworden. "Ich habe in meiner gesamten Dienstzeit noch nicht erlebt, dass ein Mensch so zittern kann", sagt Polizeihauptkommissar Robert S., 61, vor dem Landgericht Regensburg. 

An diesem Donnerstag, acht Jahre später, sitzt der Mann, der damals so gezittert hat, im Saal 104 auf der Anklagebank. Christian F. ist ganz in Schwarz gekleidet. Seine langen braunen Haare hat er zu einem Zopf gebunden. Das Jackett wirkt zwei Nummern zu groß. Den Ausführungen des Polizisten lauscht der 35-Jährige konzentriert. Hin und wieder runzelt er die Stirn, selten notiert er sich etwas. Zu dem Vorwurf des Mordes an Maria Baumer äußert er sich vor Gericht nicht. So müssen die Beamten vor der zweiten Großen Strafkammer berichten, was er ihnen erzählt hat, nachdem Maria Baumer am 26. Mai 2012, einem Samstag, aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden war.

"Da habe ich mir schon Gedanken gemacht"

Hauptkommissar Robert S. hat Christian F. vier Tage später, am 30. Mai 2012, vernommen. Er sagt, dass er schon damals Zweifel an den Aussagen des Verlobten gehabt habe. "Da waren einfach so viele Ungereimtheiten", sagt er: "Irgendwie dachte ich: Da kann irgendwas nicht stimmen." Er nennt Beispiele. Christian F. habe gesagt, dass Maria am Samstagmorgen noch neben ihm im Bett gelegen habe, als um sechs Uhr, um sieben Uhr oder um acht Uhr sein Wecker klingelte. Er habe ihr einen Kakao ans Bett gebracht und sei dann joggen gewesen, für zwei, vielleicht auch drei Stunden. "Da habe ich mir schon so meine Gedanken gemacht, warum er so wenige Tage später nicht mehr genau sagen kann, wann er aufgestanden ist und wie lange er joggen war." Als Christian F. in die Wohnung zurückgekehrt sei, sei Maria nicht mehr da gewesen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft lag ihre Leiche zu diesem Zeitpunkt bereits vergraben im Wald. 

Irgendwann fragte der Hauptkommissar Christian F. ganz direkt, ob er etwas mit dem Verschwinden von Maria Baumer zu tun hat. Nein, habe er nicht, soll Christian F. gesagt haben. Und der Beamte hat auch noch im Ohr, wie er das gesagt hat. Nicht empört, nicht entsetzt, nicht verzweifelt, sondern "in einem ganz normalen Tonfall". Und diesen Tonfall hatte der Polizist offenbar am wenigsten erwartet.

Zwei Monate später

Zwei Monate später, im Juli 2012, wird Christian F. erneut vernommen, diesmal von Kriminalhauptkommissar Franz B. Auch ihm schilderte der junge Mann die Tage vor und nach Maria Baumers Verschwinden. Diesmal sei er um sieben Uhr aufgestanden, ab acht Uhr joggen und kurz vor zehn Uhr wieder zu Hause gewesen.

Auch diesem Polizisten erzählte er - wie dem Polizisten zuvor - von zwei Anrufen seiner Verlobten am Tag ihres Verschwindens. Sie soll von Nürnberg aus angerufen und nach Hamburg gewollt haben. Nach Erkenntnissen der Ermittler hat es diese Anrufe nie gegeben. Christian F. erwähnte auch eine kryptische Facebook-Nachricht von Maria. "Mein Schatz, es tut mir weh, aber ich kann nicht anders. Verzeih mir. Du weißt, was ich dir gesagt habe. Ich liebe dich." Laut Anklage hat Christian F. sie selbst verfasst.

Zu Beginn des Verhandlungstages hatte die frühere Chefin von Christian F. ausgesagt. Michaela W., 53, leitete die Station im Bezirkskrankenhaus Regensburg, auf der der Angeklagte ab 2008 als Krankenpfleger arbeitete. Die Frau beschreibt ihn als "eher introvertierten Menschen", ruhig, sehr fleißig und kollegial. Im Umgang mit Patienten sei er "außergewöhnlich geduldig" gewesen. "Es gab bis zum Tag X keine Beanstandungen", sagt sie. Als Tag X bezeichnet sie den Tag, als Maria Baumer verschwand. Nach ihrem Verschwinden habe er besorgt gewirkt, sagt die Zeugin. Doch irgendwann begann auch sie zu zweifeln.

Vielleicht hatten ihre Zweifel mit einem Telefonat zu tun, das die beiden im Januar 2014 und damit rund vier Monate nach dem Fund von Maria Baumers Leiche geführt haben. Die Ermittler haben es mitgeschnitten. Das Gericht spielt zwei Ausschnitte vor. 

Darin erzählt Christian F. seiner Chefin von dem Spaten, der am Leichenfundort sichergestellt wurde. Er sagt: "Das ist witzigerweise ein Spaten, den ich gekauft habe." Ein bemerkenswerter Satz. Und fährt dann fort: "Den habe ich auch gekauft. Und der Spaten ist nicht mehr da." Weiter sagt er: "Das sind so Sachen, wo ich mir denke, wie kann es sein?"

Wie das sein kann, hat sich da möglicherweise auch Michaela W. gefragt.

Mehrere Motive

Im selben Telefonat nennt er auch mehrere Motive, die ihm die Polizei angeblich unterstelle. Christian F. erwähnt unter anderem den Namen einer Patientin. 

Laut Anklage war Christian F. von dieser Frau nahezu besessen. Die Patientin hatte jedoch nur freundschaftliches Interesse an ihm. Unter anderem wegen seiner Träume von einer Beziehung mit dieser Frau soll er Maria Baumer 2012 ermordet haben. Laut Anklage soll er seiner Verlobten eine tödliche Dosis Lorazepam und Tramadol verabreicht haben. Christian F. bestreitet die Tat.

Gestanden hat er allerdings vor einem anderen Gericht, dass er 2014 und damit zwei Jahre nach Maria Baumers Verschwinden seine frühere Patientin mit Lorazepam betäubt hat. Er wurde deswegen bereits wegen Körperverletzung verurteilt.

Seine damalige Chefin sagt an diesem Tag vor Gericht, dass Christian F. wie jeder andere Mitarbeiter auch Zugang zu den Medikamenten hatte.

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