Mordprozess in Regensburg Der verräterische Spaten

Christian F. soll seine Verlobte Maria Baumer ermordet und im Wald vergraben haben. Als belastendes Indiz wertet die Staatsanwaltschaft bemerkenswerte Vorgänge um ein kurz vor der Tat gekauftes Werkzeug aus dem Baumarkt.
Von Wiebke Ramm, Regensburg
Angeklagter am 1. Juli vor Gericht: Wollte sein Bruder ihn schützen?

Angeklagter am 1. Juli vor Gericht: Wollte sein Bruder ihn schützen?

Foto: Armin Weigel/ dpa

"Der perfekte Mord" soll Christian F. wenige Tage vor dem Verschwinden von Maria Baumer gegoogelt haben. Doch nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat er gleich mehrere Fehler gemacht. Sie haben mit einem Spaten zu tun, den die Ermittler neben den sterblichen Überresten der jungen Frau in einem Waldstück nahe Regensburg gefunden haben. 

Laut Anklage soll Christian F. seine Verlobte irgendwann zwischen dem Abend des 25. Mai und dem Morgen des 26. Mai 2012 in der gemeinsamen Wohnung getötet und dann im Wald vergraben haben. Er bestreitet die Tat. Seit vergangener Woche muss sich der 35-Jährige vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Es ist ein Indizienprozess. Und eines der wichtigsten Indizien ist ein Spaten, den Maria Baumers Mörder offenbar am Ablageort ihrer Leiche vergessen hat. Die Leiche wurde erst mehr als ein Jahr nach dem Verschwinden der Frau von Pilzsammlern gefunden. 

Überraschender Fund auf dem Dachboden

Vor Gericht berichtete am Dienstag ein Polizist, dass er nach dem Fund der Leiche und dem Fund des Spatens einfach zum nächsten Baumarkt gegangen sei. Und tatsächlich: Jener Baumarkt in Regensburg führte genau solch einen Spaten, wie er auch am Fundort lag. Das gleiche Modell, die gleiche Marke. Der sogenannte Damen-Federspaten kostete damals 17,95 Euro. Die Ermittlungen des Polizisten ergaben, dass ein solcher Spaten am 23. Mai 2012 an der Kasse 6 des Baumarkts verkauft und mit einer EC-Karte bezahlt wurde. Auf dem Kassenbeleg des Baumarkts fand sich auch eine Kontonummer. Es war die Kontonummer von Christian F. Und auch auf seinem Kontoauszug wurden die Ermittler fündig. Auch dort ist vermerkt, dass mit seiner EC-Karte am 23. Mai 2012 - und damit drei Tage vor Maria Baumers Verschwinden - um 13.46 Uhr an jener Kasse 17,95 Euro bezahlt wurden.

Die Ermittler durchsuchten das Haus, in dem Christian F. bis zu seiner Inhaftierung in einer Wohnung zur Miete gelebt hat. Einen Spaten fanden sie nicht. Nicht in der Wohnung, nicht im Keller, nicht auf dem Dachboden. Das Gericht hörte am Dienstag drei Polizisten an, die damals an der Suche nach dem Spaten beteiligt waren. Sie alle betonen: Sie hätten in dem Haus einen Spaten gefunden, wenn es einen gegeben hätte. 

Einige Tage nach der Durchsuchung gab es dann plötzlich doch einen Spaten. Oder wie es der Staatsanwalt vor Gericht formuliert: "Und plötzlich kommt magisch ein zweiter Spaten ins Spiel." 

Das Haus, in dem Christian F. wohnte, gehört einem seiner Brüder. Und dieser Bruder meldete am 29. September 2013, er hätte nun doch Teile eines Spatens auf dem Dachboden gefunden. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als eine Art verzweifelten Entlastungsversuch des Bruders für den Angeklagten. Sie geht davon aus, dass der Bruder Christian F. helfen wollte, indem er nachträglich einen Spaten auf dem Dachboden versteckt hat. 

Ein anderer Polizist berichtet, dass der Bruder am 29. September 2013 dabei beobachtet wurde, wie er mit einem Rucksack das Haus betritt, in dem Christian F. zuletzt gewohnt hatte. Nach neun Minuten sei er wieder herausgekommen. Der Polizist sagt: "Den Inhalt des Rucksacks konnte man an keiner Stelle identifizieren." Die Staatsanwaltschaft geht dennoch davon aus, dass in dem Rucksack der Spaten war, der dann auf dem Dachboden deponiert wurde. 

Die Ermittler ließen sich davon nicht beirren. Sie befragten den Spatenhersteller in Italien. Er berichtete ihnen, dass das nun auf dem Dachboden entdeckte Modell ein Nachfolgemodell des Spatens am Leichenfundort sei. Der Spaten vom Dachboden sei frühestens ab Oktober 2012 in den Verkauf gekommen. Es kann also nicht der Spaten gewesen sein, der im Mai 2012 mit der EC-Karte von Christian F. gekauft wurde. 

Schwacher Moment eines Gutachters

Das Gericht befragt auch zwei Sachverständige. Sie sollen sagen, wie lange der Spaten wohl am Ort des Leichenfundes gelegen hat. Ein Gutachter für Botanik analysierte den Zersetzungszustand des Laubes unter dem Spaten. Er kommt zu dem Ergebnis: "Der Spaten muss auf das Laub von 2012 gefallen sein." Laub fällt überwiegend im Herbst zu Boden. Demnach lag der Spaten seit Herbst 2012 so, wie er gefunden wurde. Das passt allerdings nicht dazu, dass die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass Maria Baumers Leiche bereits im Mai 2012 vergraben wurde. Doch die Ermittler gehen davon aus, dass der Spaten zunächst aufrecht stand und erst später durch Wind, Wetter oder Wild umgekippt ist. Vor Gericht wird dieser Punkt nicht thematisiert, auch nicht von der Verteidigung. 

Der nächste Gutachter, ein Experte für Korrosion vom bayerischen Landeskriminalamt, hat sich den Spaten ebenfalls genau angesehen. Seiner Einschätzung nach ist der Spaten zwischen einem Jahr und eineinhalb Jahren der Witterung ausgesetzt gewesen, bis er im September 2013 gefunden wurde. Der Vorsitzende Richter bittet den Experten, seine Berechnungen genauer zu erklären. Der Gutachter verheddert sich. Doch er bleibt dabei: "Deutlich länger als ein Jahr" habe der Spaten im Freien gelegen. Die Verteidigung will einen Freispruch für ihren Mandanten erreichen. So hat sie es nach dem ersten Prozesstag angekündigt. Den schwachen Moment des Gutachters lässt sie dennoch ungenutzt.

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