Rekruten-Misshandlung "Dilettantisch, verantwortungslos, sinnlos"

Tatort Kaserne Coesfeld: Offenbar aus falsch verstandenem Ehrgeiz simulierten Bundeswehr-Ausbilder eine Geiselnahme - entwürdigende Behandlung inklusive. In erster Instanz gab es Freisprüche und milde Urteile. Der Bundesgerichtshof hat nun dafür gesorgt, dass vier Soldaten erneut vor Gericht müssen.

Von , Karlsruhe


Karlsruhe - Der ehemalige Oberfeldwebel Marco K. vernahm den Richterspruch sichtlich konsterniert. Als einziger der fünf Angeklagten war er zu der Verhandlung des Bundesgerichtshofs (BGH) erschienen - und musste jetzt erfahren, dass sein bisheriger Freispruch aufgehoben ist. Er wird sich wegen der Misshandlung von Bundeswehr-Rekruten in Coesfeld erneut vor Gericht verantworten müssen.

Bundesgerichtshof in Karlsruhe: "Das geht so einfach nicht"
DDP

Bundesgerichtshof in Karlsruhe: "Das geht so einfach nicht"

Der 1. Strafsenat des BGH, erklärte dessen Vorsitzender Armin Nack, habe eine "besondere Verantwortung, dass die Rekruten in der Grundausbildung korrekt behandelt und nicht unnötig schikaniert werden". Die von den Ausbildern inszenierte Geiselnahme samt anschließendem Verhör mit Foltermethoden waren aus Nacks Sicht aber von den Ausbildungsvorschriften der Bundeswehr "nicht gedeckt": "Das geht so einfach nicht."

Jetzt müssen auch die Ausbilder mit einer Verurteilung als Mittäter rechnen, die nicht unmittelbar an den schikanösen, zum Teil sogar brutalen Verhören beteiligt waren, sondern nur das "Überfallkommando" gebildet und die Rekruten zum Verhörplatz transportiert hatten.

Das Landgericht Münster hatte dagegen zunächst nur drei Ausbilder verurteilt: Stabsunteroffizier Matthias H., der die Rekruten unmittelbar bei den Verhören gequält hatte, wegen gefährlicher Körperverletzung, Misshandlung Untergebener und entwürdigender Behandlung, sowie die Unteroffiziere Marc E., der ebenfalls einen Rekruten beim Verhör drangsaliert hatte, und Marco F., der sich mit seinem Fuß auf einem gefesselten Rekruten in Siegerpose hatte fotografieren lassen.

H.s Verurteilung wurde jetzt vom BGH bestätigt, E. und F. werden sich nun auch für dessen Vorgehen beim Verhör als Mittäter verantworten müssen.

Falsch verstandener Ehrgeiz

Die Vorfälle, wegen der sich die fünf Ausbilder zu verantworten hatten, ereigneten sich im Juni 2004 in der Coesfelder Freiherr-vom-Stein-Kaserne, in einer reinen Ausbildungskompanie der Bundeswehr. Inspiriert von Diskussionen innerhalb der Bundeswehr, ob und wie die zunehmenden Auslandseinsätze auch in der Ausbildung berücksichtigt werden sollten, und offenbar aus falsch verstandenem Ehrgeiz, beschlossen zwei Zugführer, den etwa 80 Rekruten, die gerade den ersten Monat ihrer Grundausbildung hinter sich hatten, eine "Geiselnahmeübung" angedeihen zu lassen.

Nachdem der Kompaniechef das Vorhaben "abgesegnet" hatte, teilten die Männer einige Ausbilder und weitere Unteroffiziere in ein Überfallkommando ein. Dass das Heeresführungskommando der Bundeswehr im Frühjahr 2004 wiederholt darauf hingewiesen hatte, sogar in einem ausdrücklichen Befehl, dass solche Übungen "ausschließlich" im Rahmen der Zusatzausbildung für Auslandseinsätze stattzufinden hätten, und auch nur in den dazu dienenden Ausbildungszentren, wie im bayerischen Hammelburg, wurde dabei geflissentlich ignoriert.

Im Gegenteil: dem damaligen Stabsunteroffizier Matthias H., der selbst schon einmal die Ausbildung in Hammelburg durchlaufen hatte, wurde sogar ausdrücklich aufgetragen, die Vernehmung "wie in Hammelburg" vorzunehmen - mit harten Verhörmethoden und simulierten Erschießungen.

Der entscheidende Unterschied zu Hammelburg in Coesfeld war aber: Statt um gestandene Zeitsoldaten, die einen Auslandseinsatz vor sich hatten, handelte es sich um unerfahrene Rekruten, die - jedenfalls als Wehrpflichtige - gar nicht zu Auslandseinsätzen hätten herangezogen werden können.

Statt wie in Hammelburg die Soldaten vorher zu schulen, wie sie sich im Fall einer Geiselnahme zu verhalten hätten, wurde den Rekruten in Coesfeld noch nicht einmal gesagt, dass ihnen eine solche Übung überhaupt bevorstand. Und anders als in Hammelburg bekamen die Coesfelder Wehrdienstleistenden (jedenfalls zunächst) kein Code-Wort mitgeteilt, mit dem sie die Übung abbrechen konnten.

"Das Soldatenhandwerk lernt man nicht in Büchern", stellte deshalb der für die Bundesanwaltschaft auftretende Oberstaatsanwalt Johann Schmid in seinem Plädoyer fest, die Geiselnahme-Übung in Coesfeld aber sei "dilettantisch, verantwortungslos und sinnlos" gewesen.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.