Mutmaßliche Drogenbande um Ridouan Taghi »Wie eine gut geölte Tötungsmaschine«

Ridouan Taghi ist in einem der größten Mordprozesse der niederländischen Geschichte angeklagt – und auch Peter R. de Vries fühlte sich von ihm bedroht. Was ist über den Mann und seine Bande bekannt?
Mutmaßlicher Gangsterboss Taghi: Die niederländische Unterwelt mit Gewalt überzogen

Mutmaßlicher Gangsterboss Taghi: Die niederländische Unterwelt mit Gewalt überzogen

Foto: Interpol

Der Mordanschlag auf den Journalisten Peter R. de Vries schockiert die Niederlande. Gegen 19.30 Uhr wurde der 64-Jährige am Dienstagabend nach dem Verlassen eines TV-Studios im Zentrum von Amsterdam niedergeschossen. Er sei mit einem Kopfschuss ins Krankenhaus gebracht worden, teilte die Polizei mit. Zwei Verdächtige wurden kurz nach der Tat festgenommen: ein 35-jähriger Pole, wohnhaft im Ort Maurik im Südosten des Landes, und ein 21 Jahre alter Mann aus Rotterdam.

Zum Hintergrund der Männer und möglichen Motiven halten sich die Ermittler bedeckt. Doch in den Niederlanden gehen wohl viele davon aus, dass die Tat mit der Arbeit des Reporters zusammenhängen könnte. Viel wird nun wieder über Ridouan Taghi gesprochen, den mutmaßlich mächtigsten Drogenboss des Landes, der sich seit März in einem großen Mordprozess vor Gericht verantworten muss. Denn auch Peter R. de Vries war mit dem Verfahren befasst.

(Behalten Sie den Überblick: Jeden Werktag gegen 18 Uhr beantworten SPIEGEL-Autoren die wichtigsten Fragen des Tages. »Die Lage am Abend« – hintergründig, kompakt, kostenlos. Hier bestellen Sie Ihr News-Briefing als Mail.)

Folgt man den Einschätzungen von Experten und Kriminalreportern wie Peter de Vries, hat Taghi die niederländische Unterwelt mit seiner »Marengo«-Bande mit Gewalt überzogen. Mord, so die Annahme der Ermittler, war neben dem Drogenhandel ihr Geschäft. Die Staatsanwaltschaft wirft Taghi vor, die kriminelle Vereinigung »wie eine gut geölte Tötungsmaschine« geführt zu haben. Er soll an allen sechs Morden beteiligt gewesen sein, um die es in dem Prozess geht. Die Opfer waren entweder Kontrahenten aus dem Drogenmilieu oder Bandenmitglieder, die als Polizeispitzel verdächtigt wurden.

Doch auch Menschen außerhalb des Milieus fielen Mordanschlägen zum Opfer. Taghi wollte sich beim Auftakt des Gerichtsverfahrens nicht zu den Vorwürfen äußern. Auch bei seinen Vernehmungen durch die Polizei habe der mutmaßliche Drogenmillionär meist geschwiegen, berichtete im März die niederländische Nachrichtenagentur ANP.

Staatsfeind Nummer eins

Vor seiner Verhaftung galt Ridouan Taghi, 43, den Niederlanden jahrelang als Staatsfeind Nummer eins. Die Behörden setzten eine Belohnung von 100.000 Euro für denjenigen aus, der einen Hinweis zu seinem Verbleib geben könne – mehr als in jedem anderen Kriminalfall.

Ursprünglich stammt Taghi aus Marokko, aufgewachsen ist er in der Provinz Utrecht in den Niederlanden. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« hat kürzlich das Vorgehen des Gangsters unter anderem unter Berufung auf ausgewertete Chats beschrieben, die Taghi und seine Komplizen mit Kryptohandys geführt haben sollen. Laut »FAZ« schloss er sich als Jugendlicher einer Straßengang an, handelte mit Haschisch, brach die Schule ab. Irgendwann übernahm »Der Kleine«, wie sein Spitzname demnach lautete, den Handel mit größeren Mengen, auch mit Kokain.

Laut »FAZ« beschlagnahmten die Behörden vor zehn Jahren im Hafen von Amsterdam 200 Kilogramm Kokain – und in der Unterwelt begann ein Krieg. Taghi, der wohl in die Drogen investiert hatte, fühlte sich von einer anderen Bande betrogen. Seitdem folgte dem Bericht zufolge eine Vergeltung auf die andere – und Menschenleben scheinen dabei wenig zu zählen.

Taghis Skrupellosigkeit sticht besonders hervor. Zu seinen Geschäftsmethoden – so die Überzeugung der Ermittler – gehört es, seine Gegner zu ermorden. Als seine Leute aus Versehen einmal den falschen Mann umlegten, wollte Taghi demnach nur wissen, wie sie doch noch den Richtigen erwischen können. Als ihn nach einem anderen Mord jemand fragte, wie es ihm gehe, schrieb er laut »FAZ«: »Hab meine Nikes an und bin auf der Jagd. Hahaha bin schon betrunken Bruder und brauche Blut Blut nichts anderes.«

Worum geht es in dem Prozess gegen Taghi?

Auf die Spur des Drogenbosses kam die Polizei nur dank eines Kronzeugen. Nabil B., der selbst einst für Taghi Geschäfte machte, stellte sich 2017 – offiziell wegen illegalen Waffenbesitzes. Dann packte er über Taghi und dessen Machenschaften aus. Zuvor war B. selbst von dem Drogenboss mit dem Tod bedroht worden. Die Kooperation mit der Polizei schien ihm wohl als einziger Ausweg, sein Leben zu retten.

Doch die Behörden unterschätzten Taghi und seine Komplizen: Als die Ermittler Nabil B. öffentlich als Kronzeugen präsentierten, forderte diese Entscheidung schon kurz darauf mehrere Menschenleben. Keine Woche später erschoss ein Unbekannter den Bruder des Kronzeugen. Der 41-jährige Familienvater Reduan B. betreibt eine Werbeagentur im Norden Amsterdams. Sein Mörder hatte ein Vorstellungsgespräch mit ihm vereinbart. Er schoss von hinten auf sein Opfer und zielte dann auf dessen Kopf.

Wenige Monate später, am 18. September 2019, wurde Derk Wiersum erschossen, als er gerade sein Haus verließ. Der 44-jährige Anwalt, Vater von zwei Kindern, hatte Nabil B. vor Gericht vertreten.

Die Festnahme Taghis glich schließlich einem Coup: Am 16. Dezember 2019 verhaftete die Polizei ihn im Emirat Dubai. Nur drei Tage später wurde er mit einem gecharterten Jet in die Niederlande geflogen. Seit März dieses Jahres steht er dort zusammen mit 16 weiteren Angeklagten vor Gericht. »Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem sechs Morde vor – in diesem Verfahren. In etlichen anderen Fällen wird noch gegen ihn ermittelt«, wie die »FAZ« schreibt .

Peter R. de Vries ist als Vertrauensperson Nabil B.s in dem Prozess eingesetzt. So geriet auch er wohl ins Visier der mächtigen Drogenbande. Ob die wirklich, wie viele jetzt mutmaßen, hinter dem Mordanschlag steht, müssen die Ermittlungen zeigen. Aber unabhängig davon wusste der Reporter, dass er Ziel des organisierten Verbrechens war, es gab Warnungen von Sicherheitsbehörden. Er sagte selbst, dass er auf Taghis »Todesliste« stehe. Personenschutz lehnte er ab. »Das gehört zum Berufsrisiko«, sagte er erst kürzlich in einem Interview. Er wolle frei leben und sich nicht von Angst beherrschen lassen.

Die Niederlande als »Drogenstaat«?

Der Mord an Anwalt Wiersum wurde von vielen als Beleg für die Macht und die Skrupellosigkeit der Organisierten Kriminalität gewertet. »Das ist eine Bestätigung, dass wir in einem Drogenstaat leben«, sagte Jan Struijs, Vorsitzender der niederländischen Polizeiunion. Zuvor hatte die Vereinigung davor gewarnt, dass Regierung und Politik das organisierte Verbrechen unterschätzten. Eine vom Amsterdamer Stadtrat beauftragte Studie kam 2019 zu dem Schluss, dass »die Drogenkriminalität – die ›Unterwelt‹ – einen signifikanten Einfluss auf unsere Stadt nimmt.«

Nach dem Anschlag auf de Vries zeigte sich die Politik entsetzt. Ministerpräsident Mark Rutte sprach in der Nacht zum Mittwoch von einem »Anschlag auf den freien Journalismus«. König Willem-Alexander und seine Frau Máxima, derzeit in Berlin zu Besuch, schrieben auf Facebook: »Journalisten müssen ohne Bedrohung und frei ihre wichtige Arbeit tun können.«

Der Kampf gegen das Verbrechen werde lange dauern, sagte Premier Rutte im Parlament – »aber die Niederlande werden ihn am Ende gewinnen«.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes war ein »FAZ«-Zitat nicht als solches kenntlich, wir haben das nachträglich korrigiert. Zudem wurden Geburtstag und Alter Taghis falsch wiedergegeben, wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.

lmd/dpa/AP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.