Rockerkrieg in Norddeutschland Bandidos greifen nach der Hochburg der Höllenengel

Schleswig-Holstein war Hells-Angels-Land - jahrelang. Jetzt aber haben die Erzrivalen von den Bandidos einen Brückenkopf im Norden gebildet. Die verfeindeten Banden liefern sich heftige Kämpfe, in denen auch bekannte Neonazis mitmischen. Die Polizei fürchtet eine Eskalation der Gewalt.
Polizeieinsatz gegen Rocker in Neumünster: "Wir sind vorbereitet"

Polizeieinsatz gegen Rocker in Neumünster: "Wir sind vorbereitet"

Foto: Joachim Krüger/ picture alliance / dpa

Hells Angels

Ihr Revier markieren die auch medial sehr sattelfesten Höllenengel inzwischen zeitgemäß im Internet. "Der Norden ist Rot-Weiß", heißt es auf der Homepage der Kieler . Das ist keine Feststellung, sondern eine Kampfansage. Ein Unterstützer des Clubs, der sich Mike nennt und nach eigenen Angaben an dem Meeresarm Schlei wohnt, fordert ganz offen: Schleswig-Holstein "muss in 81er Hand bleiben".

Bandidos

81, das ist Rocker-Kabalistik und steht für die Buchstabenkombination HA, also Hells Angels. Die Demonstration der Stärke hat gute Gründe: Seitdem sich im Frühjahr die mit ihrem ersten Chapter in Schleswig-Holstein niedergelassen haben, fühlen sich die Höllenengel in ihrem norddeutschen Alleinvertretungsanspruch massiv gestört - und das hat Folgen.

Die Ermittler des Kieler Landeskriminalamts (LKA) registrierten in den vergangenen Monaten massive Übergriffe, Bedrohungen und Provokationen zwischen den verfeindeten Lagern. Erst am Wochenende musste ein Großaufgebot der Polizei dafür sorgen, dass sich Hells Angels und Bandidos bei einer Boxveranstaltung in Neumünster nicht zu nahe kamen.

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"Wir stellen fest, dass die Rockerszene derzeit stark in Bewegung ist", sagt der LKA-Dezernatsleiter für Organisierte Kriminalität, Detlev Zawadzki, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das Bestreben der Hells Angels scheint es zu sein, die Bandidos wieder aus dem Land zu drängen." Die Neulinge hingegen, mittlerweile in Neumünster beheimatet, wollten ihren Brückenkopf im Norden unbedingt halten - und damit auch die Nähe zu ihren "Brüdern" in Dänemark.

Die Sonderkommission "Rocker", die Zawadzki leitet, beobachtet derzeit etwa 50 Mitglieder der verfeindeten Clubs in Schleswig-Holstein, hinzu kämen noch einmal etwa 50 sogenannte Unterstützer, oftmals schlagkräftige Typen, die als Sturmtruppen gegen den jeweiligen Rivalen angesetzt würden.

Die Hells Angels sehen sich nicht nur in ihrer Rockerehre gekränkt, für sie geht es um handfeste wirtschaftliche Interessen. Der Gruppe, mit drei "Niederlassungen" in Kiel, Flensburg und Alveslohe vertreten, rechnen die Beamten ein Bordell in der Landeshauptstadt, die dortige Kneipe "Sansibar" und ein Tätowierstudio in Neumünster zu.

Außerdem sollen Angels Sicherheitsdienste betreiben, als Eventmanager auftreten und an Lokalen sowie Discotheken beteiligt sein. Gerade hier ergeben sich Überschneidungen mit den Bandidos, die ihrerseits in der Türsteherszene aktiv sind - Konkurrenz, die die Hausherren nicht dulden.

Schwere Stichverletzungen

Besondere Brisanz gewinnt die ohnehin instabile Situation dadurch, dass sich Führungsfiguren beider Lager bereits seit Jahren kennen und verabscheuen. So gerieten der Neonazi und ehemalige NPD-Landesvorsitzende Peter B., inzwischen Anwärter bei den Bandidos, und der Hells Angel Dennis K. schon früher körperlich aneinander. Der Altrocker K. erlitt dabei schwere Stichverletzungen, ein Gericht erkannte jedoch auf Notwehr und sprach B. frei.

Und auch Ralf D., ebenfalls mittlerweile angehender Bandido und früherer Neonazi, und sein Bruder André lieferten sich mit dem Höllenengel K. vor Jahren schon in der Kieler Discothek "Mausefalle" eine wüste Prügelei - an deren Ende der Höllenengel ebenfalls niedergestochen wurde. Von wem konnte nie geklärt werden.

Im Januar 2009 schossen dann Unbekannte André D. auf dem Parkplatz eines Schwimmbads in Kaltenkirchen an. Der damals 32-Jährige soll dort mit einer jungen Frau aus dem Umfeld der Kieler "Sansibar" verabredet gewesen sein. Gerüchte halten sich, wonach sie ein Lockvogel der Angels war.

Persönliches Interesse trifft strategisches

Kurz darauf jedenfalls formierten sich die Neumünsteraner Bandidos. "Dabei traf wohl das persönliche Interesse einiger Männer, sich vor den Hells Angels zu schützen, auf das strategische Interesse der Bandidos, einen Brückenkopf im Norden zu errichten", interpretiert Kriminaldirektor Zawadzki das Geschehen. Ironischerweise wählten die norddeutschen Rechtsausleger ausgerechnet den Motorradclub, der vor allem in den neuen Bundesländern und in Berlin Hunderte Migranten zu seinen Mitgliedern und Unterstützern zählt.

Doch die persönliche Vendetta des Ostsee-Quartetts - "es knallt, wenn die sich treffen", so Zawadzki - hat inzwischen Auswirkungen auf die Rockerszene in ganz Deutschland. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE haben die Hells Angels einen bundesweiten Friedensschluss wiederholt auch davon abhängig gemacht, dass sich die Rivalen aus Schleswig-Holstein zurückziehen. Bislang vergeblich. Die Bandidos ließen eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage zu dem Thema unbeantwortet.

"Wir sind vorbereitet"

Im Internet veröffentlichten ihre Kontrahenten, die Hells Angels, zuletzt Aufnahmen, auf denen sie stolz die Kutten einiger Bandidos-Unterstützer präsentierten. "Die Chicanos Kiel & Rendsburg haben sich mit sofortiger Wirkung aufgelöst", notierten die "Höllenengel" über den Bildern - in Rockerkreisen ein unglaublicher Affront. Gleichzeitig machten die Angels mobil - und erhöhten laut Polizei die Zahl ihrer "Supporter" im Land.

Die Ermittler sind sich der Brisanz der Situation durchaus bewusst und reagieren mit Durchsuchungen und stetigen Kontrollen. Bei einer Razzia in Flensburg fanden die Beamten vor einiger Zeit Schrotflinten, Maschinenpistolen und sogar Sprengstoff. "Wir rechnen ständig mit weiteren heftigen Auseinandersetzungen", sagt Kriminalist Zawadzki. "Aber wir sind auch darauf vorbereitet."