Berliner Rockermord Mutter des Opfers prangert Ermittlungspannen an

Der Mord an Tahir Özbek in Berlin glich einer Hinrichtung. Die Tat hätte offenbar verhindert werden können, das belegen polizeiinterne Dokumente. Im Interview mit SPIEGEL TV erhebt die Mutter des Opfers schwere Vorwürfe.

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Der Tod von Tahir Özbek beschäftigt die Berliner Polizei seit Wochen. Hells Angels sollen ihn erschossen haben - und die Polizei leistete sich im Vorfeld offenbar schwere Ermittlungspannen. In einem exklusiven Fernsehinterview mit SPIEGEL TV erhebt die Mutter des Getöteten jetzt schwere Vorwürfe. Und polizeiinterne Dokumente belegen, dass nicht alles getan wurde, um das spätere Opfer zu schützen.

Noch gut kann sich Semiha Özbek an den Abend erinnern, an dem sie ihren Sohn das letzte Mal lebend gesehen hat. "Er war fröhlich und brauchte ein paar Euro. Dann hat er meinen Kopf geküsst und ist los." Die Mutter des 26-Jährigen knetet mit den Händen das Taschentuch in ihrer Hand. Sie muss oft weinen. Ihren ersten Sohn verlor sie durch einen Verkehrsunfall. Der zweite, ein polizeibekannter Intensivstraftäter, wurde von einem Vermummten kaltblütig umgebracht.

Tahir Özbek wurde am 10. Januar im Hinterzimmer eines türkischen Cafés erschossen. Der Mord glich einer Hinrichtung. Die Polizei verhaftete ein paar Tage später ein gutes Dutzend Rocker, darunter Hells-Angels-Chef Kadir Padir. Er soll laut Haftbefehl den Mord in Auftrag gegeben haben.

Nach Recherchen von SPIEGEL TV hätten die tödlichen Schüsse verhindert werden können. Bereits im Oktober 2013 hatte die Berliner Polizei Hinweise auf die Tat. So berichtete eine "überprüfte und zuverlässige" V-Person, dass Özbek umgebracht werden solle. Grund für den Mordauftrag: eine Messerstecherei, bei der Hells Angels angegriffen worden waren.

Brisante Aussagen

Bei dem Vorfall, das ergeben die Ermittlungen der Polizei, hatten sich Özbek und ein paar Freunde mit Rockern und Gästen vor einer Disco geprügelt. Besonders unangenehm für die Ermittler: Unter den Freunden von Tahir war mit Ounur A. auch ein Polizist.

Nach dem Vorfall, so steht es in den Akten des Berliner Landeskriminalamts (LKA), sannen die Rocker auf Rache. Beleg dafür ist zum einen der Bericht des V-Mannes. Auch Yakup S., ein an der Messerstecherei Beteiligter, drohte schon im Oktober einer Polizeistreife ganz unverhohlen: "Ich will nur, dass die bestraft werden. Ich weiß, wer alles dabei war, und wenn ihr euch nicht darum kümmert, dann tun wir es!"

Die brisante Aussage wanderte offenbar nicht in die entsprechenden Ermittlungsakten, sondern tauchte erst jetzt auf. Über die durch den V-Mann bekannt gewordenen Pläne der Hells Angels informierte die Berliner Polizei lediglich Ounur A., den Bereitschaftspolizisten. Tahir Özbek wurde nicht gewarnt. Angeblich, so LKA-Chef Steiof, sei er zwischenzeitlich abgetaucht.

"Das stimmt nicht, er war immer hier", entgegnet Semiha Özbek. Tahirs Mutter macht der Polizei Vorwürfe: "Die hätten mich ja erreichen können. Ich bin krank und den ganzen Tag über hier. Aber sie haben nie hier geklingelt."

Gefahrenlage falsch eingeschätzt

Auch die Polizei hätte wissen können, dass Özbek im Kiez unterwegs war, denn die LKA-Fahnder hörten die Telefone der beteiligten Hells Angels ab, darunter das von Kadir Padir. Immer wieder redeten die Rocker über Özbek. Die Protokolle der Telefonüberwachung wurden jedoch nicht ausgewertet.

Nachdem SPIEGEL TV Anfang Februar über diesen Aspekt berichtet hatte, soll es in der Polizeibehörde einigen Ärger gegeben haben. Seit diesem Montag werden die in den Vorgang involvierten Beamten "disziplinarisch vernommen", berichtet ein Ermittler. Und die zuständige Dezernatsleiterin kommuniziert angeblich nur noch über ihren Anwalt mit der Polizeiführung. Auf Nachfrage wollte sich die Ermittlungsbehörde dazu nicht äußern.

Zu den Ermittlungspannen nimmt die Pressestelle der Polizei schriftlich Stellung: "Die derzeitigen Erkenntnisse belegen, dass im Fachkommissariat nicht alle zur Verfügung stehenden, risikomindernden Maßnahmen ausgeschöpft bzw. konsequent umgesetzt worden sind." Die Gefahrenlage für den mit dem Tod bedrohten Tahir Özbek sei "falsch eingeschätzt" worden.

Familie Özbek bekam vor zwei Wochen Besuch von der Polizei. Die Ermittler hielten eine sogenannte Gefährdungsansprache. Man hätte im Milieu gehört, die Familie wolle Rache an den Hells Angels nehmen. "Ich glaube an den Rechtsstaat und an die Staatsanwaltschaft", sagt Semiha Özbek.



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