Zum Tod des SPIEGEL-Redakteurs Rolf Lamprecht Der juristisch kompetenteste Nichtjurist der Republik

Der ehemalige Karlsruher SPIEGEL-Korrespondent Rolf Lamprecht ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er war ein großer Journalist – und »als Rechtsjournalist das Maß aller Dinge«, wie ein ehemaliger Verfassungsrichter sagt.
Von Dietmar Hipp, Karlsruhe
Rolf Lamprecht (1930-2022)

Rolf Lamprecht (1930-2022)

Foto:

privat

Er bezeichnete sich selbst einmal als »Doyen der Karlsruher Gerichtsberichterstattung«. Das war er – und die Selbstbezeichnung ist noch vergleichsweise bescheiden, wenn man hört, was der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle über ihn gesagt hat: Lamprecht war »nicht ohne Grund als Rechtsjournalist über viele Jahrzehnte das Maß aller Dinge in der Bundesrepublik«.

Lamprecht, geboren am 12. Oktober 1930 in Berlin, gab beim Abitur als Berufsziel noch »Politiker« an. Bald schon aber wurde Journalist sein Wunschberuf.

»Das macht der kleene Lamprecht«

Seine Laufbahn begann er als freier Mitarbeiter des »Berliner Kuriers«. Dessen Gerichtsreporter Hans-Joachim Frohner nahm den jungen Mann, der schon neben seinem Studium an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin praktisch arbeiten wollte, anfangs unter seine Fittiche. »Das macht der kleene Lamprecht« wurde bei Frohner zum geflügelten Wort – und es dauerte nicht lange, dann wurde Lamprecht auch noch Frohners Schwiegersohn.

Und er wurde ein großer Journalist, unter den Rechtsjournalisten gewiss einer der größten.

Die Texte überzeugten

Dass Lamprecht zum SPIEGEL kam, hat er im Grunde der SPIEGEL-Affäre zu verdanken. Als Herausgeber Rudolf Augstein 1962/63 in Karlsruhe in Untersuchungshaft saß, bedauerte er, dass es vor Ort kein SPIEGEL-Büro gab. Und 1968 bewarb sich – ohne davon zu wissen – der junge Lamprecht beim SPIEGEL in Hamburg, mit Arbeitsproben aus seiner Zeit als Gerichtsreporter beim Berliner Tagesspiegel. Die Texte überzeugten, und Lamprecht wurde umgehend als Korrespondent nach Karlsruhe geschickt.

Dort gründete er einige Jahre später, 1975, mit Kolleginnen und Kollegen die Justizpressekonferenz. Anlass war ein Maulkorb, den der damalige Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel dem damaligen Bundesgeneralanwalt Siegfried Buback verpasst hatte, weil ihm Bubacks freimütiger Umgang mit der Öffentlichkeit missfiel. Buback schlug daraufhin Lamprecht vor, »etwas Ähnliches wie die Bundespressekonferenz« zu gründen – und fügte hinzu: »Sie laden mich ein, da kann ich natürlich nicht Nein sagen.« So kam es, und Lamprecht diente dem Verein lange Jahre als Vorsitzender.

Harsche Abrechnung

Zu seinem 65. Geburtstag widmeten ihm Journalistenkolleginnen und -kollegen, aber auch Karlsruher Richter und Richterinnen und Persönlichkeiten der Rechtspolitik eine Festschrift: »Lamprecht im Spiegel«. Darin versammelten und würdigten sie einige seiner teils legendären SPIEGEL-Texte wie »Verfassungsgericht: Trio infernale«, eine harsche Abrechnung mit einem in fragwürdiger Einmütigkeit agierenden Dreierkollegium des Bundesverfassungsgerichts. Oder »Vertrauen ist besser« über die damalige Praxis der Vorsitzenden am Bundesgerichtshof, die Rechtsprechung durch passende Auswahl der an der Entscheidung beteiligten Richterinnen und Richter zu steuern; die Praxis wurde in der Folge aufgegeben.

»Richter gegen Richter«

Noch während seiner Zeit beim SPIEGEL promovierte Lamprecht 1992 an der Philosophischen Fakultät der Universität Hamburg über das Thema »Abweichende Meinungen und ihre Bedeutung für die Rechtskultur«, veröffentlicht unter dem Titel »Richter gegen Richter«. Im Vorwort dazu bezeichnete der frisch promovierte Politologe seine Zeit beim SPIEGEL als »Intensivstudium in der Residenz des Rechts«. Lamprecht wurde dadurch vermutlich zum juristisch kompetentesten Nichtjuristen, den diese Republik je hatte.

Auch mit weiteren so tiefschürfend wie klugen und exzellent geschriebenen Werken machte sich Lamprecht einen Namen als Buchautor. »Vom Mythos der Unabhängigkeit« und »Zur Demontage des Bundesverfassungsgerichts« sind nur zwei seiner zahlreichen Titel. Zur Vorstellung seines letzten Buches, »Ich gehe bis nach Karlsruhe«, einer entlang der Karlsruher Verfassungsgerichtspräsidenten und der bisher einzigen Präsidentin, Jutta Limbach, erzählten Geschichte des Bundesverfassungsgerichts, hielt Limbachs Nach-Nachfolger Voßkuhle 2011 die Laudatio, aus der auch das Eingangszitat stammt.

Voßkuhle, der sich als »treuen Lamprecht-Leser und Lamprecht-Freund« bezeichnet, charakterisierte »die zahlreichen Darstellungen der großen Fälle, der großen Entscheidungen« in Lamprechts Buch als »alle auch im Detail erstaunlich zutreffend und juristisch präzise«. Das erwarte man »gerade vor dem Hintergrund der notwendigen Reduktion auf Kernaussagen nicht ohne Weiteres, schon gar nicht von einem pointenverliebten SPIEGEL-Journalisten, wenn diese kleine Sottise erlaubt ist«.

Ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz

Bis Ende 1998 war Lamprecht für den SPIEGEL tätig, im März 1999 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet. Auch als Pensionär blieb er der Berichterstattung über Justiz und rechtspolitische Themen verpflichtet. Regelmäßig schrieb er weiterhin für juristische Fachblätter, aber auch bis vor wenigen Monaten noch für die »Süddeutsche Zeitung«. Und gelegentlich auch im SPIEGEL, auf besondere Bitte hin, etwa zuletzt im Herbst vergangenen Jahres zum 70-jährigen Bestehen des Bundesverfassungsgerichts .

Rolf Lamprecht starb am Donnerstag in Bühl (Baden) im Kreis seiner Familie.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes waren die Zeitangaben rund um Lamprechts Einstellung beim SPIEGEL inkorrekt. Augstein wurde 1962 inhaftiert, Lamprecht 1968 eingestellt.