Neue #MeToo-Enthüllungen Weinsteins Seilschaften

Ronan Farrow enthüllte als einer der Ersten die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein. In seinem neuen Buch beschreibt er, wie er bei seinen Recherchen den Einfluss des mächtigen Produzenten zu spüren bekam - ein echter Krimi.

Gestrüpp der Strippenzieher: Angeklagter Ex-Filmproduzent Harvey Weinstein
DPA

Gestrüpp der Strippenzieher: Angeklagter Ex-Filmproduzent Harvey Weinstein

Von , New York


Der Portier war misstrauisch. "Kennst du diese Typen, die vorhin da draußen waren?", fragte er Ronan Farrow, den Sohn der Hollywoodikonen Mia Farrow und Woody Allen. "Zwei Kerle. Im Auto. Rauchen vor dem Auto. Die ganze Zeit."

Farrow, ein Reporter für NBC News, vermutete, dass es Paparazzi der Klatsch-Website "TMZ" waren. "Wenn sie wiederkommen, bringe ich ihnen einen Kaffee", sagte er. Der Portier rollte die Augen. "Ronan. Immer du. Du ziehst ein, Adresse steht überall, jetzt habe ich keine Ruhe."

Farrow beschreibt die Szene vom August 2017 in seinem neuen Buch "Catch and Kill". Später habe er die Männer selbst oft gesehen, in einem geparkten silbernen Nissan.

Die mysteriösen Männer waren aber keine Paparazzi, wie sich herausstellte. Sondern Privatdetektive - ein Russe und ein Ukrainer, von der israelischen Sicherheitsfirma Black Cube auf den damals 29-jährigen Farrow angesetzt.

Reporter und Hollywoodikone: Farrow mit seiner Mutter, der Schauspielerin Mia Farrow
AP

Reporter und Hollywoodikone: Farrow mit seiner Mutter, der Schauspielerin Mia Farrow

Weshalb interessierte sich ein privater, von ehemaligen Mossad-Agenten geführter Schnüffeldienst für den Sohn von Woody Allen? Wer hatte Black Cube beauftragt?

Es war, das gilt heute als gesichert, Harvey Weinstein.

Farrow steckte zu der Zeit in der härtesten Recherche seiner jungen Laufbahn - eine Recherche, die schließlich die #MeToo-Bewegung beflügeln würde: Mehrere Frauen, die dem Filmproduzenten Weinstein vorwarfen, sie sexuell belästigt zu haben, hatten sich Farrow diskret anvertraut.

Zwei Jahre später: Weinstein, 67, seither von mehr als 80 Frauen beschuldigt und in drei Fällen angeklagt, erwartet seinen Prozess. Farrow und zwei Reporterinnen der "New York Times" sind als Enthüller bekannt geworden: Sie bekamen für ihre Berichte den Pulitzerpreis und lösten eine Lawine aus. Mehrere mächtige Männer sind inzwischen auf ähnliche Weise wie Weinstein gestürzt.

Affäre oder Vergewaltigung? Neue Vorwürfe gegen den früheren NBC-Star Matt Lauer
Getty Images

Affäre oder Vergewaltigung? Neue Vorwürfe gegen den früheren NBC-Star Matt Lauer

In "Catch and Kill", das vergangene Woche in den USA erschien, zeichnet Farrow seine Recherchen als packenden Krimi nach.

Dabei macht er deutlich, in welchen Kreisen Weinstein verkehrte, ein Klüngel aus Medienmachern, Politikern, Anwälten. Das Buch wimmelt von New Yorker VIPs: Donald Trump, Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani, "National Enquirer"-Verleger David Pecker, die TV-Chefs Noah Oppenheim und Andrew Lack (NBC News), Fox-News-Gründer Roger Ailes, Society-Anwalt David Boies. Auch der später angeklagte Finanzier Jeffrey Epstein, der sich im August in Haft das Leben nahm, spielt eine Nebenrolle.

Mitwisser und Ausputzer: "National Enquirer"-Verleger David Pecker
REUTERS

Mitwisser und Ausputzer: "National Enquirer"-Verleger David Pecker

Weinstein war in dieser Seilschaft ein gefürchteter Strippenzieher: Er konnte Karrieren mit einem Wimpernschlag anstoßen oder beenden. Nicht nur in Hollywood und in der Medien- und Juristenszene war er bestens vernetzt, sondern auch in der hohen Politik, vor allem als einer der Megaspender der US-Demokraten.

Farrow und Produzent Rich McHugh hatten keine Ahnung, in welches Wespennest sie stachen, als sie NBC einen Bericht über Hollywoods "Besetzungscouch" vorschlugen.

Dabei kam demzufolge immer wieder ein Name auf: Weinstein. Doch je länger sie geforscht hätten, schreibt Farrow, desto mehr Steine habe ihnen NBC in den Weg gelegt. Auch habe er den Verdacht gehabt, dass er beschattet werde, sein Handy gehackt worden sei und die Frauen, die er habe interviewen wollen, drangsaliert worden seien.

Staranwalt David Boies, hier mit dem mutmaßlichen Jeffrey-Epstein-Opfer Virginia Giuffre
REUTERS

Staranwalt David Boies, hier mit dem mutmaßlichen Jeffrey-Epstein-Opfer Virginia Giuffre

Black Cube hat bestätigt, dass Weinstein die Detektei auf Farrow und die Frauen angesetzt habe. Der Auftrag wurde laut Farrow von Weinsteins Anwalt Boies verhandelt, um "negative Berichterstattung zu verhindern". Boies hatte zuvor Ex-Vizepräsident Al Gore verteidigt und die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe erstritten. Zurzeit vertritt er das mutmaßliche Epstein-Opfer Virginia Giuffre.

Beschützt worden sei Weinstein außerdem vom "National Enquirer", so Farrow. Der Produzent war demnach nur einer vieler Promis, deren Machenschaften das Blatt deckte, indem es Informanten "kaufte" - eine als "catch and kill" bekannte Praxis, von der auch Trump profitierte. Dabei kauft ein Medium die Exklusivrechte an einer Geschichte - um sie dann nicht zu veröffentlichen.

Während seiner Recherchen bekam Farrow immer wieder Weinsteins Einfluss zu spüren.

  • Der frühere New Yorker Gouverneur George Pataki, ein Republikaner, habe mit Weinstein über Farrows andauernde Recherchen gesprochen.
  • Hillary Clintons Team habe vor einem fest vereinbarten Interview mit der früheren Außenministerin zu einem anderen Thema plötzlich Sorgen wegen der Weinstein-Recherchen geäußert.
  • Die Anwältin Lisa Bloom, die selbst als Frauenrechtlerin aufgetreten war, habe Farrow im Auftrag Weinsteins ausgehorcht und den Hollywoodproduzenten für Gegenmaßnahmen beraten. Bloom bezeichnet ihr Engagement für Weinstein inzwischen als "kolossalen Fehler".
Vertuschung dementiert: NBC-Zentrale im Rockefeller Center
REUTERS

Vertuschung dementiert: NBC-Zentrale im Rockefeller Center

Kurz vor der geplanten Veröffentlichung stoppte NBC die Weinstein-Recherchen. Farrow flog raus und wechselte zum "New Yorker". Der druckte seinen Bericht im Oktober 2017 - fünf Tage nachdem die "New York Times" ihre eigenen Enthüllungen veröffentlicht hatte.

In seinem Buch geht Farrow auch auf die mutmaßlichen Abläufe in dieser Zeit ein - und die sind angeblich eng verknüpft mit den Anschuldigungen gegen NBC-Starmoderator Matt Lauer, der im November 2017 im Zuge der MeToo-Enthüllungen gefeuert worden war.

Preisabfragezeitpunkt:
21.10.2019, 15:44 Uhr
Ohne Gewähr

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Ronan Farrow
Durchbruch: Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen

Verlag:
Rowohlt Buchverlag
Seiten:
528
Preis:
EUR 24,00

In "Catch and Kill" macht Farrow weitere Details zu den Vorwürfen öffentlich. Eine frühere NBC-Angestellte wirft Lauer vor, sie vergewaltigt zu haben. Weinstein, schreibt Farrow, habe das gewusst und das NBC-Management damit erpresst, um Farrows Bericht zu verhindern.

NBC dementierte die jüngsten Vorwürfe: Man habe die Anschuldigungen gegen Lauer nicht vertuscht. Lauer selbst erklärte, er habe mit der Angestellten eine "einvernehmliche" Affäre gehabt.

Nach Informationen des Magazins "Us Weekly" will Lauer die Vergangenheit hinter sich gelassen haben. Er hoffe auf ein "TV-Comeback".

insgesamt 5 Beiträge
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christianwitten 21.10.2019
1. Ekelhaft
Wie sich Reiche und Megareiche das nehmen konnten, was Ihnen nach eigener Einschätzung durch Akzeptanz Anderer und die bloße Möglichkeit das zu tun nahmen und heute noch nehmen. Wer sich von den durch Geld und Beziehungen zu den Mächtigen hat bezahlen lassen gehört angeklagt. Perversion und Dekadenz, das ist wohl Menschlich, im Tierreich gibt es das nicht. Typen wie Epstein, Berlusconi, Weinstein oder Strauß-Kahn sind der Abschaum der Menschheit, das golt aber auch für manch einen netten Nachbarn in unmittelbarer Nähe, siehe Camping in Lügde.
quark2@mailinator.com 21.10.2019
2.
Wurde der Mann eigentlich schon irgendwie verurteilt, oder übernimmt das neuerdings die Presse ? Es ist mir unangenehm, hier für ihn zu sprechen, aber was soll das für eine Gesellschaft sein, wo es Jahre dauert, bis ein Gericht entscheidet, während die ganze Zeit die Presse Position bezieht ? Ich bin dafür, daß Beschuldigte in der Presse nicht genannt werden dürfen, bis ein Urteil gesprochen ist. Danach kann, im Fall einer Verurteilung, dann von mir aus auch der Name genannt werden. Komischerweise wird genau so verfahren, wenn es um Firmen geht. Da werden "Marken" erst dann genannt, wenn die Sache feststeht, wenn überhaupt. Aus meiner Sicht ist es absolut nicht akzpetabel, einfach auf Basis von Anschuldigungen, glaubhaft oder nicht, menschliche Existenzen zu vernichten. Urteile sind von unabhängigen Richtern zu sprechen.
Freidenker10 21.10.2019
3.
Huuch, Weinstein war Mega Spender der Demokraten? Das MUSS doch ein Schreibfehler sein, die Dems sind doch die uneingeschränkt Guten, haben die echt Spenden von dem ultimativ bösen bekommen...?
ulrich-lr. 21.10.2019
4. Interessant
Weinstein sträubte sich also gegen die Recherchen eines Journalistenteams. Hat Farrow denn bei Weinstein einfach mal nachgefragt, was dieser selbst dazu sagen möchte? Okay, das musste er nicht. Denn Farrow ist ja nicht der Staatsanwalt und überhaupt nicht verpflichtet, in allen Richtungen zu ermitteln. Auch unser Grundgesetz sagt, dass niemand sich selbst einer Straftat bezichtigen muss. Das ist ein Grundrecht. Deshalb kommt es auf die Beweise - nicht auf die Vorwürfe -an. Was ist denn nun bei den Gerichtsprozessen gegen Weinstein herausgekommen? Das ist doch viel interessanter. Denn dort zählen die Beweise, die professionell von Richtern gewertet werden.
ulrich-lr. 21.10.2019
5. Unbürokratisch
Zitat von quark2@mailinator.comWurde der Mann eigentlich schon irgendwie verurteilt, oder übernimmt das neuerdings die Presse ? Es ist mir unangenehm, hier für ihn zu sprechen, aber was soll das für eine Gesellschaft sein, wo es Jahre dauert, bis ein Gericht entscheidet, während die ganze Zeit die Presse Position bezieht ? Ich bin dafür, daß Beschuldigte in der Presse nicht genannt werden dürfen, bis ein Urteil gesprochen ist. Danach kann, im Fall einer Verurteilung, dann von mir aus auch der Name genannt werden. Komischerweise wird genau so verfahren, wenn es um Firmen geht. Da werden "Marken" erst dann genannt, wenn die Sache feststeht, wenn überhaupt. Aus meiner Sicht ist es absolut nicht akzpetabel, einfach auf Basis von Anschuldigungen, glaubhaft oder nicht, menschliche Existenzen zu vernichten. Urteile sind von unabhängigen Richtern zu sprechen.
Wen die US-Medien beim Wickel haben, der ist erledigt. Nun haben sie auch noch Konkurrenz vom hocheffektiven Internet bekommen und müssen sich natürlich etwas einfallen lassen. Seit einiger Zeit, gibt es Internet-Portale mit #. Wer dort seinen Namen liest, ist auf Erden erledigt und kann nur noch auf den Mond auswandern. Alles hightech. Vor Jahrhunderten wurden Leute umtändlich an den Pranger gestellt. Das mochte die Öffentlichkeit damals schon. Allerdings geschah dies erst nach einem Gerichtsverfahren. Da sind wir heute weiter. Heute läuft das elektronisch und ganz unbürokratisch. Ohne formalen Klimbim. Ohne Gerichtsverfahren.
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