Rote-Khmer-Tribunale "Nahrung gegen Sex"

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2. Teil: "Ein Mann allein kann all diese Verbrechen nicht verursacht haben"


Studzinsky: Die Schätzungen liegen bei 200.000 Frauen und weniger als 200.000 Männern. Die damalige Situation ist von einigen Männern bewusst ausgenutzt worden, so dass sie nicht in allen Fällen als Opfer der Zwangsehen anzusehen sind. Aus einer Studie, für die eine Australierin sieben Jahre lang Opfer zu den Orten ihrer Zwangshochzeiten begleitet hat, geht aber hervor: Mehr als 80 Prozent der Männer haben damals eine direkte Aufforderung zum Geschlechtsverkehr bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum war bislang so wenig über die Sexualdelikte der Roten Khmer bekannt?

Studzinsky: Weil sie als nebensächlich empfunden wurden. Schon für den ersten Prozess gegen die Roten Khmer im August 1979 zogen Ermittler durch das Land und sammelten Zeugenaussagen. Doch angesichts der massenhaften Morde und Folterungen, die angeklagt wurden, nahm man Sexualstraftaten nicht als Verbrechen wahr. Das setzt sich seither in den meisten wissenschaftlichen und historischen Berichten fort. Da werden Zwangshochzeiten, falls sie überhaupt erwähnt werden, eher als politische Maßnahme und nicht als Verbrechen geschildert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie als Anwältin von Berlin nach Phnom Penh gekommen?

Studzinsky: Ich habe nach einer neuen beruflichen Herausforderung gesucht und fand beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) diese Stelle im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes. Sie war zum einen ausgeschrieben als Legal Advisor bei der Menschenrechtsorganisation "Adhoc". Daraus ergab sich, im Rote-Khmer-Programm dieser Organisation zu arbeiten und zusammen mit kambodschanischen Anwälten die Nebenkläger zu vertreten. Das entwickelte sich schnell zum Schwerpunkt meiner Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Hoffen Ihre Nebenkläger am Ende des Prozesses auf finanzielle Entschädigung?

Studzinsky: Unter meinen Mandanten und Mandantinnen gibt es sehr wohl welche, die unter anderem auch individuelle finanzielle Entschädigung möchten. Leider hat das Gericht im Vorfeld aber keinerlei Finanzermittlung bei den Beschuldigten durchgeführt. Wir haben jetzt einen entsprechenden Ermittlungsantrag gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Mandant Chum Mey, der das Foltergefängnis S-21 überlebt hat, fordert einen bescheidenen Geldbetrag. Er sagte vor Gericht: "Ich würde mich freuen, wenn ich von jedem Angeklagten einen Dollar als Eingeständnis seiner Schuld erhielte."

Studzinsky: In der Tat ist das Einzige, was nichts kostet, eine Entschuldigung. Es ist zugleich auch das Mindeste. Aber im Fall von Duch ist es so, dass er fast an jedem Verhandlungstag reut und sich entschuldigt. Das ist seine Verteidigungsstrategie.

SPIEGEL ONLINE: Kaufen Sie ihm die Reue nicht ab?

Studzinsky: Es war noch nie eine glaubhafte Entschuldigung dabei. Wenn er vor Gericht erklärt, er wolle das Leiden der Zeugen teilen, stellt er sich auf eine Stufe mit den Opfern und will sich selbst als Opfer darstellen. Das müssen die wahren Opfer nicht hinnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Würde es den gesamten Prozess vereinfachen, wenn Pol Pot noch leben und somit der Haupttäter auf der Anklagebank sitzen würde?

Studzinsky: Ich glaube, dann wäre alles auf diese einzelne Person fokussiert, was der Zeit der Khmer Rouge aber nicht gerecht würde. Ein Mann allein kann all diese Verbrechen nicht verursacht haben. So wie die Angeklagten ja schon jetzt immer zu erklären versuchen, dass Pol Pot der einzige Entscheider war. Sonst niemand. Aber auch Pol Pot war nur ein Mensch. Er kann nicht alles allein entschieden und schon gar nicht allein umgesetzt haben.

Die Fragen stellte Michael Scholten



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