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02. November 2009, 11:59 Uhr

Rote-Khmer-Tribunale

"Nahrung gegen Sex"

Knapp zwei Millionen Kambodschaner starben durch das Terrorregime der Roten Khmer. Die deutsche Anwältin Silke Studzinsky vertritt bei den Tribunalen in Phnom Penh Männer und Frauen, die Opfer von Sexualverbrechen wurden: Das Regime versuchte, durch Zwangshochzeiten neue Revolutionäre regelrecht zu züchten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Studzinsky, vermutlich hätte man in den Rote-Khmer-Tribunalen die Sexualverbrechen des Regimes außer Acht gelassen, wenn Sie und Ihre Kollegen nicht im Vorfeld für die Anklage dieser Delikte gekämpft hätten. Wie hat das Tribunal, das mehrheitlich mit Männern besetzt ist, auf Ihren Antrag reagiert?

Studzinsky: Die Haltung war am Anfang sehr skeptisch und ist weiterhin zurückhaltend bis ignorant. Als das Gericht 2006 seine Arbeit aufnahm, spielten Sexualstraftaten überhaupt keine Rolle. Das setzte sich fort bis zur ersten Anklage.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Studzinsky: Die Roten Khmer werden immer als puritanisch dargestellt. Aber wir wissen, dass in dieser Zeit viele Sexualstraftaten begangen wurden. Bestraft wurden sie allerdings selten. Gefangene wurden "Feinde" und "Elemente" genannt und systematisch entmenschlicht. Also spielte es auch keine Rolle mehr, Verstöße gegen die Menschenwürde zu bestrafen. Auf tragische Weise ist das fast wieder logisch.

SPIEGEL ONLINE: Welche Verbrechen wurden begangen?

Studzinsky: Die Bandbreite ist groß: Vergewaltigungen in Gefängnissen, aber auch in den mobilen Arbeitsbrigaden waren keine Ausnahme. Menschen, die zu verhungern drohten, wurde Nahrung gegen Sex angeboten. Befehlshaber hielten sich Jungen zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse. Angeblichen Prostituierten wurden die Brüste mit Säure verstümmelt. Hinzu kommen die massenhaften Zwangshochzeiten.

SPIEGEL ONLINE: Setzen Sie Zwangshochzeiten mit Vergewaltigungen gleich?

Studzinsky: Ja. Auf Befehl der politischen Organisation Angkar wurden überall im Land Gruppenhochzeiten durchgeführt. Alle traditionellen Rituale, die sonst zu einer Hochzeit in Kambodscha gehören, fehlten. Es gab lediglich eine politische Einführung, dann wurde zwei Menschen, die sich in den allermeisten Fällen völlig fremd waren, gesagt: "Das ist jetzt dein Ehemann, das ist deine Ehefrau." In derselben Nacht wurden sie einer Hütte zugewiesen, in der sie Sex haben mussten.

SPIEGEL ONLINE: Wurde die Hochzeitsnacht überwacht?

Studzinsky: Teilweise. Aber selbst, wenn das Paar nicht direkt überwacht wurde, herrschte überall das Klima: "Angkar weiß alles, sieht alles, hört alles, kann sogar Gedanken lesen." Zumindest diese gefühlte Überwachung schürte die Angst. Wer sich weigerte, Sex zu haben und sich der Verheiratung widersetzte, dem drohten Gefängnis oder Umerziehungslager. Beides war damals oft gleichbedeutend mit dem Tod.

SPIEGEL ONLINE: Was war der Zweck der Zwangsehen?

Studzinsky: Das war eine reine Menschenproduktion. Durch Missernten und die harte Zwangsarbeit in den Reisfeldern war das Volk geschwächt. Außerdem gab es unter den Roten Khmer eine strikte Geschlechtertrennung. Das führte unweigerlich zum Kindermangel. Von den Zwangsehen der neuen Paare, die meist nach wenigen Tagen wieder voneinander getrennt wurden, erhoffte man sich neue Arbeitskraft und neue revolutionäre Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Wurden junge Frauen im gebährfähigen Alter besser behandelt als andere Menschen?

Studzinsky: Dafür habe ich keine Anhaltspunkte gefunden. Es war eher so, dass junge Menschen besonders intensiv zur Arbeit in den Reisfeldern gezwungen wurden, weil sie mehr Energie hatten. Alte Frauen mussten derweil kochen und die Kinder beaufsichtigen. Die Kinder sind ja ganz früh von den Müttern getrennt worden, damit traditionelles Gedankengut sie erst gar nicht erreichen konnte. Angkar hat die Eltern ersetzt und die Kinder gleich im Sinne der Revolution großgezogen.

SPIEGEL ONLINE: Von wie vielen Opfern durch Zwangsehen gehen Sie aus?

"Ein Mann allein kann all diese Verbrechen nicht verursacht haben"

Studzinsky: Die Schätzungen liegen bei 200.000 Frauen und weniger als 200.000 Männern. Die damalige Situation ist von einigen Männern bewusst ausgenutzt worden, so dass sie nicht in allen Fällen als Opfer der Zwangsehen anzusehen sind. Aus einer Studie, für die eine Australierin sieben Jahre lang Opfer zu den Orten ihrer Zwangshochzeiten begleitet hat, geht aber hervor: Mehr als 80 Prozent der Männer haben damals eine direkte Aufforderung zum Geschlechtsverkehr bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum war bislang so wenig über die Sexualdelikte der Roten Khmer bekannt?

Studzinsky: Weil sie als nebensächlich empfunden wurden. Schon für den ersten Prozess gegen die Roten Khmer im August 1979 zogen Ermittler durch das Land und sammelten Zeugenaussagen. Doch angesichts der massenhaften Morde und Folterungen, die angeklagt wurden, nahm man Sexualstraftaten nicht als Verbrechen wahr. Das setzt sich seither in den meisten wissenschaftlichen und historischen Berichten fort. Da werden Zwangshochzeiten, falls sie überhaupt erwähnt werden, eher als politische Maßnahme und nicht als Verbrechen geschildert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie als Anwältin von Berlin nach Phnom Penh gekommen?

Studzinsky: Ich habe nach einer neuen beruflichen Herausforderung gesucht und fand beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) diese Stelle im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes. Sie war zum einen ausgeschrieben als Legal Advisor bei der Menschenrechtsorganisation "Adhoc". Daraus ergab sich, im Rote-Khmer-Programm dieser Organisation zu arbeiten und zusammen mit kambodschanischen Anwälten die Nebenkläger zu vertreten. Das entwickelte sich schnell zum Schwerpunkt meiner Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Hoffen Ihre Nebenkläger am Ende des Prozesses auf finanzielle Entschädigung?

Studzinsky: Unter meinen Mandanten und Mandantinnen gibt es sehr wohl welche, die unter anderem auch individuelle finanzielle Entschädigung möchten. Leider hat das Gericht im Vorfeld aber keinerlei Finanzermittlung bei den Beschuldigten durchgeführt. Wir haben jetzt einen entsprechenden Ermittlungsantrag gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Mandant Chum Mey, der das Foltergefängnis S-21 überlebt hat, fordert einen bescheidenen Geldbetrag. Er sagte vor Gericht: "Ich würde mich freuen, wenn ich von jedem Angeklagten einen Dollar als Eingeständnis seiner Schuld erhielte."

Studzinsky: In der Tat ist das Einzige, was nichts kostet, eine Entschuldigung. Es ist zugleich auch das Mindeste. Aber im Fall von Duch ist es so, dass er fast an jedem Verhandlungstag reut und sich entschuldigt. Das ist seine Verteidigungsstrategie.

SPIEGEL ONLINE: Kaufen Sie ihm die Reue nicht ab?

Studzinsky: Es war noch nie eine glaubhafte Entschuldigung dabei. Wenn er vor Gericht erklärt, er wolle das Leiden der Zeugen teilen, stellt er sich auf eine Stufe mit den Opfern und will sich selbst als Opfer darstellen. Das müssen die wahren Opfer nicht hinnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Würde es den gesamten Prozess vereinfachen, wenn Pol Pot noch leben und somit der Haupttäter auf der Anklagebank sitzen würde?

Studzinsky: Ich glaube, dann wäre alles auf diese einzelne Person fokussiert, was der Zeit der Khmer Rouge aber nicht gerecht würde. Ein Mann allein kann all diese Verbrechen nicht verursacht haben. So wie die Angeklagten ja schon jetzt immer zu erklären versuchen, dass Pol Pot der einzige Entscheider war. Sonst niemand. Aber auch Pol Pot war nur ein Mensch. Er kann nicht alles allein entschieden und schon gar nicht allein umgesetzt haben.

Die Fragen stellte Michael Scholten

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