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14. August 2011, 17:11 Uhr

Rückkehr nach Utøya

Breivik stellt seine Menschenjagd nach

Gefesselt und schwer bewacht kehrt Anders Breivik auf die Insel zurück, auf der er 69 wehrlose Menschen erschoss. Reue lässt er bei dem Ortstermin nicht erkennen - dafür zeigt er den Polizisten, wie er angelegt, gezielt, getötet hat.

Oslo - Der norwegische Attentäter Anders Breivik hat drei Wochen nach dem Massenmord auf der Ferieninsel Utøya bei einer Tatortbegehung keine Reue gezeigt. Der Täter habe bei der Rekonstruktion aber gut mit den Beamten zusammengearbeitet, so Chefermittler Pål Hjort Kraby am Sonntag. Breivik war am Samstag für acht Stunden nach Utøya gebracht worden, wo der rechtsradikale Islamhasser am 22. Juli insgesamt 69 wehrlose Menschen getötet hatte.

Die norwegische Zeitung "VG" zeigte am Sonntag exklusive Fotos und Videoaufnahmen der Inselbegehung, die aus der Luft sowie von der anderen Uferseite aufgenommen worden waren. Darauf ist Breivik, 32, zunächst in einem langärmligen, roten Pullover zu sehen, wie er ihn bereits im Polizeigewahrsam getragen hatte. Später führt er seine Begleiter in Jeans und rotem T-Shirt über die Insel. Die Handschellen und Fußfesseln, die er nach Polizeiangaben auf der Überfahrt zur Insel trug, sind ihm abgenommen worden.

Ziel des Ortstermins war die kriminalistische Rekonstruktion des Verbrechens. Breiviks Anwalt Geir Lippestad sagte der Zeitung "VG", sein Mandant habe sich an viele Ereignisse erinnern können. Polizisten filmten die Begehung und nahmen die Aussagen des Attentäters auf Tonband auf. Die Videos sollen wahrscheinlich im Prozess verwendet werden.

Breivik habe den Ermittlern bei der Rekonstruktion zahlreiche neue Informationen geliefert, die sie trotz insgesamt 50-stündiger Verhöre zuvor nicht gehabt hätten, sagte Chefermittler Pål Hjort Kraby. Die Polizei habe nun einen "ziemlich guten Überblick" darüber, wie die Opfer des Massakers starben.

Schwarze Westen, mehrere Gurte

Auf den ersten Blick wirken die Bilder so, als inspiziere ein Filmteam mit seinem Hauptdarsteller einen Drehort - wäre da nicht der Aufdruck "Politi" (Polizei) auf den schwarzen Westen der ihn umgebenden Männer. Auch Breivik trägt eine Weste und mehrere Gurte am Leib, die der Ausrüstung eines Bungee-Springers ähneln.

Damit solle eine Flucht verhindert werden, die Maßnahmen dienten jedoch auch dem Zweck, dass Breivik sich selbst keinen Schaden zufügen könne, so der Beamte. Zusätzlich wird der Mörder vorübergehend an einer etwa zehn Meter langen Leine geführt, die ein Polizist im Hintergrund hält. Auf anderen Aufnahmen kann sich der Häftling dagegen relativ frei bewegen.

Am Ufer ahmt er dann mit seinem rechten Arm das Zielen mit einem Gewehr in Richtung Wasser nach. Danach steckt er die Hände wieder in die Hosentaschen. Das sei eine der Stellen gewesen, kommentierten norwegische Medien, an denen Breivik auf diejenigen geschossen habe, die ihm schwimmend zu entkommen versuchten.

Den Irrsinn im Detail erklären

Am 22. Juli hatte Breivik insgesamt 69 Teilnehmer eines Jugendlagers auf Utøya erschossen. Zudem tötete eine zuvor von ihm im Zentrum von Oslo gezündete Autobombe acht Menschen. In der Isolationshaft hatte Breivik bereits angekündigt, den Ablauf seiner Bluttaten im Detail zu erklären.

Auf einem anderen von "VG" veröffentlichten Foto führt Breivik auf Utøya seine mehr als zehn Begleiter einen Weg hinter dem weißen Empfangshäuschen mit der Aufschrift "Utøya" hinauf. Er gleicht dabei einem Wanderführer, dem die Gruppe in einer langen Reihe folgt.

Während der Polizeiaktion war die Insel hermetisch abgeriegelt. Sechs Polizeiboote umkreisten die Insel, ein Hubschrauber schwebte darüber.

jdl/dpa

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