Rücktritte bei Scotland Yard Top-Polizisten büßen für Murdoch-Kungelei

Scotland Yard gerät in den Strudel der Murdoch-Affäre: Binnen weniger Stunden gaben Polizeichef Stephenson und sein Stellvertreter Yates ihre Posten ab. Die legendäre Polizeibehörde schlittert in eine schwere Krise.

REUTERS

Es war ein quälender Abgang in Raten: Vergangene Woche noch hatte sich die Führung von Scotland Yard gegen die Flut der Rücktrittsforderungen gestemmt. Er sehe keinen Grund, warum er für die Fehler der Zeitung " News of the World" bestraft werden solle, hatte der stellvertretende Londoner Polizeichef John Yates vor dem Innenausschuss des Unterhauses erklärt. Das wäre "unfair".

Dann, ganz plötzlich, brach der Widerstand in sich zusammen: Erst verkündete am Sonntagabend Scotland-Yard-Chef Paul Stephenson seinen Rücktritt, keine 24 Stunden später folgte am Montagnachmittag sein Stellvertreter Yates, der sich zuvor noch so standfest gezeigt hatte. Er kam damit einer Suspendierung zuvor. "Mein Gewissen ist rein", sagte Yates. Er habe sich stets redlich verhalten, aber er könne seine Arbeit nicht machen, wenn nun monatelang über seine Person spekuliert werde.

Es ist ein beispielloser Vorgang bei der berühmten Behörde. Scotland Yard muss sich gegen den Vorwurf erwehren, so enge Beziehungen zur "News of the World" gepflegt zu haben, dass man den Vorwürfen gegen die Zeitung erst mit Jahren Verspätung nachging.

Mit den beiden Rücktritten findet sich die Londoner Polizei auf einen Schlag um zwei ihrer bekanntesten Gesichter beraubt. Der 52-jährige Yates, einer von fünf Stellvertretern, war Londons oberster Anti-Terror-Kämpfer. "Millionen Londoner" verdankten ihm ihre Sicherheit, sagte Bürgermeister Boris Johnson. Die Rücktritte seien bedauerlich, aber richtig.

Das britische Publikum wartet jetzt gebannt, welche Volte der Abhörskandal bei Rupert Murdochs britischem Zeitungsverlag News International wohl als nächstes nimmt. Ein Regierungssprecher, zwei Top-Manager des Murdoch-Imperiums und nun auch noch zwei Top-Polizisten ohne Job - so lautet die Zwischenbilanz des Skandals, der das britische Establishment durchrüttelt.

Journalisten als PR-Berater beschäftigt

Yates' Abgang war nach Stephensons überraschendem Rücktritt unvermeidlich geworden. Der Scotland-Yard-Chef hatte am Sonntagabend erklärt, er habe sich persönlich nichts vorzuwerfen, wolle aber im Interesse von Scotland Yard die Debatte um sich beenden.

So unschuldig, wie er tut, ist Stephenson allerdings nicht: Der Polizeichef hatte von Oktober 2009 bis September 2010 den Journalisten Neil Wallis als PR-Berater für zwei Tage im Monat beschäftigt und ihm tausend Pfund pro Tag gezahlt. Das Problem: Wallis war früher stellvertretender Chefredakteur der "News of the World" und wurde vergangene Woche festgenommen, um zu seiner Rolle im Abhörskandal befragt zu werden.

Einen führenden Mitarbeiter der Zeitung, gegen die im eigenen Haus ermittelt wird, als PR-Berater anzustellen, ist ein katastrophaler Fehler. Wie konnte das passieren? Zu seiner Verteidigung wies Stephenson in seiner Rücktrittserklärung darauf hin, dass Premierminister David Cameron ja auch einen früheren "News of the World"-Mann als Sprecher engagiert habe: Der im Januar zurückgetretene Andy Coulson war früher Wallis' Vorgesetzter. Stephenson wollte mit Wallis' Anstellung offensichtlich Zugang zu Cameron erkaufen - so berichtet es zumindest der "Guardian".

Der Fall unterstreicht, wie inzestuös die britischen Eliten agieren. Und er zeigt, wie wenig ernst Regierung und Polizei den seit 2006 schwelenden Abhörskandal bis vor kurzem genommen haben. Scotland Yard betrachtete die Vorwürfe lange als lästigen Kleinkram - und muss nun büßen.

Im Zentrum der Kritik steht Yates, der im Juli 2009 abgelehnt hatte, die Ermittlungen gegen "News of the World" wieder aufzunehmen, nachdem der "Guardian" über neue Enthüllungen im Abhörskandal berichtet hatte.

Scotland Yard hatte 2005 und 2006 zum ersten Mal gegen "News International" wegen des Abhörens von Handy-Mailboxen prominenter Briten ermittelt. Zwei Männer, "News of the World"-Reporter Clive Goodman und Privatdetektiv Glenn Mulcaire, waren damals für einige Monate hinter Gitter gewandert. Für die Polizei war der Fall damit abgeschlossen.

Die britische Polizei: korrupt

Im Juli 2009 hatte der "Guardian" jedoch berichtet, dass die Abhörpraxis in der Redaktion des Boulevardblatts viel weiter verbreitet war und es mehrere tausend potentielle Abhöropfer gab. Yates lehnte neue Ermittlungen nach einer kurzen Prüfung ab, mit der Begründung, es gebe keine neuen Beweise.

Vergangene Woche musste Yates vor dem Innenausschuss des Unterhauses einräumen, dies sei eine "schlechte Entscheidung" gewesen. Denn inzwischen ist bekannt, dass Scotland Yard seit 2006 auf 11.000 Seiten Beweismaterial sitzt, die bei Mulcaire damals sichergestellt wurden. Darunter sind Listen mit knapp 4000 Namen und Telefonnummern von potentiellen Abhöropfern. Nur 170 davon wurden bislang von der Polizei gewarnt, dass ihre Mailbox-Nachrichten möglicherweise abgehört wurden.

Am Dienstag muss Yates erneut vor dem Innenausschuss aussagen - ebenso wie Stephenson. Beim letzten Mal war Yates den Fragen der Abgeordneten mehrfach ausgewichen. Der Ausschussvorsitzende Keith Vaz bescheinigte ihm anschließend, er sei "nicht überzeugend" gewesen.

Neben Stephenson und Yates steht auch Andy Hayman am Pranger. Er war bis 2008 stellvertretender Scotland-Yard-Chef und hatte eine leitende Rolle bei der ersten Untersuchung gegen "News of the World". Während der Ermittlungen hatte er sich mehrfach von News International zum Essen einladen lassen. Nach seinem Ausscheiden bei der Polizei wurde er Kolumnist der "Times", die ebenfalls zum Murdoch-Verlag gehört. In seiner Anhörung vor dem Ausschuss wies er vergangene Woche den Vorwurf der Käuflichkeit empört zurück. Ein Abgeordneter bescheinigte ihm dennoch, ein "windiger Typ" zu sein.

Wie korrupt ist Scotland Yard? Das ist eine der zentralen Fragen, die der Skandal aufgeworfen hat. Laut "Evening Standard" soll News International über 100.000 Pfund an Polizisten gezahlt haben. E-Mails von News International sollen dies belegen. Bislang sind keine Namen bekannt. Laut Hayman gibt es allenfalls "eine Handvoll" bestechlicher Kollegen unter den 55.000 Beamten.

Das dürfte eine reichlich optimistische Schätzung sein, denn Polizei und britische Boulevardblätter arbeiten seit jeher eng zusammen - und dabei wechseln auch immer mal wieder Scheine den Besitzer. "Wir alle wissen, dass es korrupte Leute bei der Polizei gibt, und dass das immer so bleiben wird", sagte Yates bei seiner Anhörung.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
RosaHasi 18.07.2011
1. .
nein sie büßen weil viele ihren job nicht ordentlich gemacht haben.
Methados 18.07.2011
2. .
Zitat von RosaHasinein sie büßen weil viele ihren job nicht ordentlich gemacht haben.
und weil 10000 %tig familie murdoch noch einiges im petto hätte, was diesen herren extrem schaden könnte. wir sind halt alles nur menschen ^^
artikel.5 18.07.2011
3. und hier?
Wie geht es denn bei uns zu? Wer, wenn nicht die Polizei kann der Informant der Alkoholfahrt von Frau Kässmann an die Bild gewesen sein. Jeder weiss doch, dass die Tipps von der Polizei kommen. Dies ist nur ein Beispiel, das mir gerade einfällt. Aber mit der Berichterstattung über den Fall Murdoch hält man sich in dem ehrenwerten Verlagshaus aus gutem Grund bemwerkenswert zurueck.
jupiter999 18.07.2011
4. Wie ?
Gibt es eigentlich schon Informationen darüber wie sich News of the World Zugang zu den Mailboxen verschafft hat ? Das gehört nicht zur Standard Journalisten Ausbildung nehme ich mal stark an. ;-) Also woher kam das Knowhow ? Wie sah die Technische Umsetzung dafür aus ? Da steckt doch noch mindestens eine Person außerhalb von NotW mit drinn. Jemand aus dem Telekommunikationsbereich ? Wen hat NotW noch alles geschmiert ?
Steff-for 18.07.2011
5. Filz
Ist doch wieder ein schönes Beispiel für den Machtfilz. Wie dreckig doch die Wäsche der feinen Herrn im edlen Zwirn ist! Machtmissbrauch wohin man schaut. Und das nich nur in England. Es bestätigt doch sehr klar, dass wir den sogenannten Eliten nicht mehr trauen dürfen.
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