Mutmaßliche Misshandlungen Deutscher Leiter von Sozialprojekt in Rumänien verhaftet

Sie sollen Jugendliche "in Bedingungen wahrhafter Sklaverei" ausgebeutet haben: Fünf Personen sitzen in Rumänien in Untersuchungshaft, darunter der deutsche Leiter der Einrichtung.


Im Zusammenhang mit mutmaßlichen Misshandlungen in einem Sozialprojekt in Rumänien sind fünf Personen verhaftet worden. Das teilte die auf organisiertes Verbrechen spezialisierte Einheit der Staatsanwaltschaft (DIICOT) in Bukarest mit.

Bei den Verhafteten handelt es sich um den deutschen Leiter der Einrichtung, der als Hauptverdächtiger gilt, und vier Rumänen. Sie sollen in dem aus deutschen Staatsmitteln mitfinanzierten Heim im nordrumänischen Oberwischau (Viseu de Sus) Jugendliche "in Bedingungen wahrhafter Sklaverei" ausgebeutet haben, schrieben die Ermittler.

Das Projekt verspricht die "Rehabilitierung" von sozial auffälligen, schwierigen oder straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen mithilfe von Aktivitäten und psychologischer Unterstützung.

"Barbarische Methoden"

Dem Leiter des Projekts "Maramures" werde unter anderem Freiheitsberaubung und Menschenhandel vorgeworfen, sagte dessen Anwalt Ioan Sas der Nachrichtenagentur AFP.

Die Vorwürfe gegen die Beschuldigten sind weitreichend: Die Jugendlichen seien auf den Bauernhöfen, auf denen sie arbeiten mussten, "mit barbarischen Methoden" behandelt worden. Sie seien geschlagen und zusammen mit Tieren vor Wagen gespannt worden. Ungehorsam sei mit Nahrungsentzug und einer Art Isolationshaft bestraft worden, die mehrere Wochen dauern konnte. Medikamente sowie den Kontakt zur Außenwelt habe man ihnen vorenthalten, ebenso den Schulbesuch. Oft habe man sie dazu gezwungen, in der Eiseskälte auszuharren.

Wie viele Teenager insgesamt betroffen waren, wurde bislang nicht mitgeteilt. Laut dem rumänischen Jugendamt befanden sich während einer Durchsuchung in dieser Woche 20 Kinder und Jugendliche in der Einrichtung, einem abgelegenen Bauernhof. Vier von ihnen wurden aber inzwischen in die Obhut des rumänischen Kinderschutzamts überstellt.

Angaben des Anwalts zufolge sind die übrigen Kinder und Jugendlichen weiterhin in der Einrichtung untergebracht: "Es funktioniert normal weiter", sagte Sas. Ein rumänischer Mitarbeiter des Projektes hatte auf Anfrage alle Vorwürfe bestritten.

Auswärtiges Amt betreut Verhafteten konsularisch

Der verhaftete Deutsche habe "aufgrund persönlicher pädagogischer Überzeugungen" gehandelt, schrieb die Staatsanwaltschaft. Zudem bestehe der Verdacht, dass die Betreiber dieses Heims Gelder regelwidrig genutzt hätten. Bei zwei Hausdurchsuchungen seien insgesamt mehr als 145.000 Euro gefunden worden, deren Herkunft die Verdächtigen nicht hätten erklären können.

Der Fall ist dem Auswärtigen Amt bekannt. Das Deutsche Konsulat im westrumänischen Temeswar (Timisoara) betreue den Verhafteten konsularisch, hieß es in Berlin auf Anfrage.

Laut der Lokalzeitung "Banatul Azi" kam es zu den Ermittlungen, nachdem einer der Jugendlichen aus dem Heim geflohen sei und die Behörden alarmiert habe. Die Misshandlungen haben sich nach Darstellung der Ermittler im Zeitraum 2014 bis August 2019 zugetragen.

bbr/dpa/AFP



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