Jugendprojekt in Rumänien unter Verdacht Geschlagen, gedemütigt, ausgebeutet

In einem Sozialprojekt in Rumänien sollen jahrelang deutsche Jugendliche misshandelt worden sein. Die Bedingungen für die Betroffenen seien katastrophal gewesen, sagt ein Bewohner aus Oberwischau.


Das Projekt verspricht Jugendlichen aus schwierigsten Verhältnissen eine "neue Chance in Rumänien" und ein "neues Leben". Ob psychisch kranke, drogenabhängige oder straffällige Minderjährige - alle würden mit Achtung und Respekt behandelt, die Einrichtung sei eine "gute Alternative zur Unterbringung in einer geschlossenen Jugendhilfeeinrichtung". Am Ende würden fast alle Jugendlichen "Perspektiven für das eigene Leben" finden.

So lautet die Eigenwerbung des deutschen "Projektes Maramures". Das betreibt im nordrumänischen Oberwischau (Viseu de Sus) im Kreis Maramures eine Hilfseinrichtung für Jugendliche mit sozialen und emotionalen Entwicklungsstörungen. Doch für diejenigen, die dort auf Vermittlung deutscher Jugendämter hinkamen, sah die Wirklichkeit offenbar anders aus als die Versprechen.

Am Dienstag rückten Polizisten und Staatsanwälte der "Abteilung für die Untersuchung von organisierter Kriminalität und Terrorismus" (DIICOT) in das entlegene rumänische Dorf ein, sie nahmen mehrere Projektmitarbeiter fest, durchsuchten Häuser und führten insgesamt acht Personen zu Vernehmungen ab, darunter auch den deutschen Projektleiter Bert S. und seine ebenfalls deutsche Frau Babett S.

Die Vorwürfe sind schwerwiegend: Jugendliche sollen über Jahre hinweg systematisch ausgebeutet und misshandelt worden sein, außerdem habe die Projektleitung systematisch Geld veruntreut.

"Nahrungs- und Freiheitsentzug"

Laut einer Mitteilung vom Dienstag wirft die Staatsanwaltschaft den Beschuldigten Menschenhandel, Handel mit Minderjährigen und Freiheitsberaubung vor, zu diesem Zweck hätten sie eine "organisierte kriminelle Vereinigung" gebildet. Unter dem Deckmantel der sozialen Reintegration seien deutsche Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren ihrer Freiheit beraubt worden, hätten nicht mit der Außenwelt kommunizieren dürfen, ihre Identitätsdokumente habe man ihnen weggenommen. Sie hätten auf Höfen von Anwohnern anstrengende Arbeiten verrichten müssen, seien "gedemütigt, erniedrigt und wie Sklaven gehalten" worden, außerdem seien gegen sie "schwere Gewalttaten" verübt worden.

Die Staatsanwaltschaft spricht von "wiederholter Prügel", "Nahrungs- und Freiheitsentzug", "Arrest", "vorsätzlicher Unterbringung bei Kälte und Frost" sowie von "medizinischen Eingriffen gegen den Willen der Jugendlichen". Das Ganze sei als "Umerziehungsprogramm des deutschen Staatsbürgers konzipiert" gewesen - gemeint ist damit offenbar Bert S.

Die Projektleitung habe einen "großen Teil der Finanzmittel", die durch den deutschen Staat bereitgestellt worden seien, veruntreut. Die Vorwürfe beziehen sich auf den Zeitraum von 2014 bis August 2019.

Bert S. und die deutsche Büroleitung des "Projektes Maramures" in Potsdam waren für den SPIEGEL nicht zu erreichen. Ein rumänischer Mitarbeiter des Projektes, der seinen Namen nicht nennen wollte, bestritt auf Anfrage alle Vorwürfe. "Alle Beschuldigungen sind falsch", so der Mitarbeiter, mehr sei er nicht befugt zu sagen.

Der Bürgermeister von Oberwischau, Vasile Coman, bezeichnete die Vorwürfe in rumänischen Medien ebenfalls als falsch. Die Jugendlichen hätten es in dem Projekt "sehr gut gehabt" und unter "sehr guten Bedingungen in einem sehr schönen Ortsteil", gewohnt, wird Coman von der Agentur Mediafax zitiert. Es habe Inspektionen aus Deutschland gegeben.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte, in den vergangenen 20 Jahren seien dem Ministerium keine Probleme bekannt geworden. Konsulat und Botschaft stünden in Kontakt mit den rumänischen Behörden.

Auf der Website des Projekts heißt es, Maramures werde seit 2017 durch Professor Werner Freigang von der Hochschule Neubrandenburg evaluiert. Er habe mit mehreren Jugendlichen in Rumänien Gespräche geführt - "frei und unabhängig", sagte Freigang der "Märkischen Allgemeinen". In dem Bericht heißt es, die Evaluierung sei von "Projekt Maramures" beauftragt worden. Die Maßnahmen der Polizei findet Freigang demnach irritierend. "Ich will nichts schön reden, weil ich nicht alles weiß, aber nachdem, was ich vom Projekt gesehen habe, ist der Polizeieinsatz überzogen. Im Vergleich zu anderen Projekten im Ausland gibt sich dieses Mühe", sagt Freigang.

"Und dieser Kraft konnte sich dauerhaft noch keiner entziehen"

Ein Bewohner aus Oberwischau schilderte dem SPIEGEL andere Zustände: Die Lebens- und Arbeitsbedingungen für zahlreiche deutsche Jugendliche im Projekt seien katastrophal gewesen. Praktisch alle Bewohner in Oberwischau seien darüber seit vielen Jahren im Bilde gewesen. Hinweise an lokale Behörden oder Jugendämter hätten keine Folgen gehabt, Kontrollen deutscher oder rumänischer Behörden habe es kaum gegeben.

Viele Anwohner hätten von dem "Projekt Maramures" profitiert, denn nach einer Eingewöhnungsphase auf dem Bauernhof seien Jugendliche oft zu örtlichen Gastfamilien gekommen und hätten dort sehr schwer arbeiten müssen. Landwirte hätten die Jugendlichen ausgebeutet und teils auch misshandelt. Der Bewohner aus Oberwischau berichtete dem SPIEGEL, mehrmals hätten Jugendliche bei ihm Schutz gesucht und übernachtet. Seinen Namen will er nicht veröffentlicht sehen, er fürchtet Racheakte im Ort.

Die rumänischen Behörden stehen nach einer Reihe von ähnlichen Fällen unter Druck, besser und schneller gegen Verbrechen gegen Minderjährige vorzugehen. Im Sommer 2016 war ein Fall öffentlich geworden, in dem 40 Kinder und Jugendliche in einem südrumänischen Dorf jahrelang ungehindert unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten und zum Teil sexuell missbraucht worden waren. Vor wenigen Wochen war ein 15-jähriges Mädchen entführt, vergewaltigt und ermordet worden. Sie hatte mehrfach die zentrale Notrufnummer gewählt, die Polizei hatte jedoch erst 19 Stunden nach ihrem letzten Notruf eingegriffen.

Einen Tag nach der Durchsuchung durch die Staatsanwaltschaft wirkt die Eigenwerbung von Projekt Maramures geradezu unheimlich. "Wir verwickeln die Jugendlichen in den Zusammenhalt (Kraft) und Lebensfreude unserer Hausgemeinschaft", heißt es auf der Webseite wörtlich. "Und dieser Kraft konnte sich dauerhaft noch keiner entziehen."

Mit Material von AFP und AP



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