Russland Die Stadt der toten Mädchen

Sie entführten junge Frauen, zwangen sie zur Prostitution und töteten sie, sobald sie sich wehrten: Eine brutale Mädchenhändlerbande hat im russischen Nischnij Tagil jahrelang Angst und Schrecken verbreitet.

Von Anna Sadovnikova


Nischnij Tagil - Olga und Irina waren 15, als sie starben. Alessia erlebte ihren 14. Geburtstag nicht mehr. Gefunden hat man sie in einem kleinen Birkenwäldchen an einer Straße in der Nähe von Nischnij Tagil. Sie und die 14 anderen toten Mädchen, die allesamt schwer misshandelt und erwürgt wurden. Seitdem nennen die Einheimischen den Ort "Friedhof der Bräute". SPIEGEL TV Magazin berichtete über die schrecklichen Verbrechen in seiner jüngsten Ausgabe.

Lange Zeit hatten die russischen Ermittler darüber gerätselt, wer die jungen Frauen - die meisten der Opfer waren zwischen 13 und 17 Jahren alt - getötet haben könnte. Die Polizei tappte im Dunklen. Doch dann packte einer der Täter aus: Eduard Chudinov, der bereits wegen Vergewaltigung im Gefängnis sitzt, gestand die Morde und offenbarte, dass er im Auftrag einer brutalen Mädchenhändlerbande gehandelt habe. Sechs Männer sollen ihr angehört haben.

Ihre Opfer fanden die Kriminellen auf den Straßen von Nischnij Tagil, 400.000 Einwohner, Zentrum der russischen Panzerproduktion. Ein freudloser Ort. Wer kann, geht weg. Und die, die doch bleiben, waren den brutalen Mädchenhändlern oftmals leichte Beute.

Die Zuhälter um Eduard Chudinov entführten die Mädchen und sperrten sie ein. Mit Gewalt zwangen sie die jungen Frauen zur Prostitution. In örtlichen Zeitungen priesen die Luden ihre Opfer dann verschlüsselt an: "Mädchen bringen Getränke rund um die Uhr", hieß es da, oder: "Ständig Mädchen zur Arbeit gesucht."

Auch Marina und ihre Zwillingsschwester gerieten eines Tages die Fänge der Mörderbande. Ein Fremder sprach die Vollwaisen auf der Straße an. Marina erinnert sich: "Der Mann sagte: 'Ohne Scherz, Mädels, ich möchte euch gerne wiedersehen.'" Meine Schwester nahm ihn nicht ernst und sagte ironisch: 'Ok, jeden Tag an dieser Stelle.' Das ging ein paar Mal so."

Nach mehreren Begegnungen erklärte sich Irina schließlich bereit, den Mann nach Hause zu begleiten. Ein tödlicher Entschluss, wie ihre Zwillingsschwester Marina heute weiß. "Sie haben meine Schwester abgeholt und noch am selben Tag getötet." Irina sollte nach Swerdlowsk gebracht werden, um dort anzuschaffen. Doch unterwegs, auf der Autobahn, geriet sie in Panik, wie Marina erzählt: "Dann haben die Typen sie einfach ermordet."

Im Laufe ihrer Ermittlungen stieß die Polizei unlängst auf ein weiteres grausiges Detail. Der Mädchenmörder Eduard Chudinov machte offenbar auch vor seinen eigenen Kindern nicht Halt. Er soll seine älteste Tochter umgebracht haben.

SPIEGEL TV Magazin ist wieder am Sonntag, 13. Mai, um 22.15 Uhr bei RTL zu sehen.



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