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21. Januar 2016, 14:13 Uhr

Angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen

Wie russische Medien Angst vor Flüchtlingen schüren

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Im Netz kursieren Gerüchte, eine 13-Jährige in Berlin sei von einer Gruppe Flüchtlinge vergewaltigt worden. Die Polizei dementiert. Doch in Russland wird die Geschichte offenbar zu einer Kampagne genutzt.

Der TV-Sender Swesda wusste von einer "schockierenden Nachricht" aus Deutschland zu berichten: "Eine 13-jährige Russin wurde in Berlin Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch Flüchtlinge." Die Rede war im Beitrag von quälenden Stunden in "Sex-Gefangenschaft", gesendet wurde sogar ein angebliches Beweisvideo. Darin geben angeblich Migranten zu verstehen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt.

Ähnlich berichten seit einigen Tagen viele reichweitenstarke Medien in Russland: Im staatlichen TV-Sender Erster Kanal kam eine Tante des Mädchens zu Wort. Das Kind sei von drei Männern über Stunden vergewaltigt worden, an anderer Stelle ist von fünf Männern die Rede.

Die russischen Berichte vermitteln den Eindruck, die Stimmung in der russischsprachigen Gemeinde in Berlin sei explosiv. Der Erste Kanal zitiert einen Mann, der droht, man werde "mit Gewalt auf Gewalt antworten".

Beeinflussung des Deutschlandbilds in Russland

Vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation in Deutschland werden in sozialen Netzwerken vermehrt Gerüchte gestreut, um Menschen zu verunsichern. Dabei handelt es sich in der Regel um Falschmeldungen, in denen Flüchtlingen Straftaten vorgeworfen werden.

Der Fall des Berliner Mädchens, das aus einer russlanddeutschen Familie stammt, hat eine neue Dimension, weil er das Deutschlandbild in Russland beeinflusst und die Gemüter in der großen russlanddeutschen Community erhitzt.

Die 13-Jährige war vom 11. bis zum 12. Januar verschwunden. Nachdem sie wieder aufgetaucht war, erzählte sie offenbar zunächst von einer Gruppenvergewaltigung. Bei der Polizei verneinte sie nach Informationen von SPIEGEL ONLINE eine Vergewaltigung.

Die Polizei teilte mit, es habe weder eine Vergewaltigung noch eine Entführung gegeben. Details nenne man aus Rücksicht auf das Mädchen nicht.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft teilte mit, man prüfe "die verschiedenen teils widersprüchlichen Versionen". Ein Verfahren laufe wegen eines möglichen Missbrauchsdelikts. Gegen wen es sich richtet, sagte der Sprecher nicht. Generell ist Geschlechtsverkehr mit einer 13-Jährigen auch dann strafbar, wenn es sich nicht um eine Vergewaltigung handelt.

Im russischen Staatssender heißt es hingegen, eine Vergewaltigung werde "vertuscht, um Panik zu vermeiden". Als angeblichen Beweis sendeten mehrere Kanäle verwackelte Aufnahmen, die der Verbund "Anonymous Kollektiv" öffentlich gemacht habe. Das Video zeigt die Unterhaltungen mehrerer Männer erkennbar südländischer Herkunft, die sich mit einer Vergewaltigung brüsten. Es wurde mehr als eine Million Mal aufgerufen.

Die Aufnahme stammt bereits aus dem Jahr 2009.

"Anonymous Kollektiv" verbreitet seit Jahren rechtsextremes Gedankengut und Aufrufe zur Gewalt gegen Politiker und Journalisten. Die Gruppe ist nicht zu verwechseln mit den Hackern von Anonymous.

Die Nähe zwischen russischen Medien und rechtsextremen Aktivisten fällt im Fall der 13-Jährigen auch an anderer Stelle auf. Der Sender Ren-TV, im Besitz des Putin-Vertrauten Jurij Kowaltschuk, zeigte Bilder von einer NPD-Kundgebung in Berlin, auf der am vorigen Samstag den Behörden Vertuschung vorgeworfen wurde.

Zu Wort kommt in dem Beitrag eine junge Frau, die als Schwester der 13-Jährigen vorgestellt wird. "Sie haben sie ausgelacht, gesagt, niemand werde ihr glauben, dass sie lüge und es selbst gewollt habe", ruft die junge Frau. "Denkt selbst nach, das Mädchen ist 13 Jahre, und sie soll das selbst gewollt haben." Neben der Rednerin flattert ein Banner der rechtsextremistischen NPD.

NPD-Funktionäre bei Protestkundgebung

NPD-Anhänger waren auch bei einer weiteren Protestkundgebung in Berlin-Marzahn dabei. Dort versammelten sich am Montag 250 bis 300 russischsprachige Menschen. Die Beamten lösten die Veranstaltung auf, weil sie nicht angemeldet war. Der Polizeibericht vermerkt namentlich die Anwesenheit der NPD-Funktionäre Sebastian Schmidtke und René Uttke.

In der Flüchtlingskrise üben russische Medien massiv Kritik an der deutschen Regierung - und sympathisieren offen mit Pegida und AfD. "Deutschland ist am Ende", meldete am 12. Januar das Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda". Im Zentrum Münchens gebe es keine "bayrischen Bierstuben" mehr, sondern nur noch islamische "Halal-Läden und Kebab-Verkäufer".

Russlands Propaganda nutzt die Flüchtlingskrise, um Schreckensbilder von Europa zu verbreiten und Russland positiv abzuheben. Präsident Putin bot Russland jüngst als Zuflucht für europäische Juden an, die vor Islamisten in Deutschland und anderswo fliehen müssten. "Wir sind bereit", sagte der Präsident.

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