S-Bahn-Drama Brunner soll von Herzfehler nichts gewusst haben

Im Prozess um den Tod von Dominik Brunner ist die Herzkrankheit des Verstorbenen in den Fokus gerückt. Laut Staatsanwaltschaft soll dem 50-Jährigen das Risiko nicht bekannt gewesen sein. Nun wollen die Anwälte der angeklagten Schläger zwei Mediziner vor Gericht hören lassen.

ddp

München - Dominik Brunner soll nicht gewusst haben, dass sein Herzmuskel krankhaft vergrößert war. Das berichtete die "Süddeutsche Zeitung" am Dienstag. "Herr Brunner hat keine Medikamente eingenommen und, wie sein Umfeld auch, angenommen, dass er gesund ist", sagte Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger dem Blatt.

Zuvor hatte die Verteidigung kritisiert, die Staatsanwaltschaft habe Informationen zu Brunners Gesundheitszustand verschwiegen. Stockinger wies diesen Vorwurf zurück. Dass Brunner einen Herzfehler gehabt habe, stehe zwar nicht in dem neun Seiten langen öffentlich verlesenen Anklagesatz, werde aber in der 90-seitigen Anklageschrift erwähnt.

Brunner war im September 2009 Opfer einer brutalen Prügelattacke am Münchner S-Bahnhof Solln geworden. Am Wochenende wurde bekannt, dass der 50-jährige Geschäftsmann an einem extrem vergrößerten Herzen litt. Er war an Herzversagen gestorben und offenbar nicht unmittelbar an den Verletzungen infolge der Schläge und Tritte.

Derzeit müssen sich Sebastian L., 18, und Markus Sch., 19, wegen der tödlichen Auseinandersetzung vor der Jugendkammer des Münchner Landgerichts verantworten. Die Anklage lautet auf Mord aus niedrigen Beweggründen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Angeklagten aus Rache auf Brunner eindroschen, weil dieser vier minderjährige Schüler vor den Drohungen der beiden angetrunkenen jungen Männer hatte schützen wollen.

Offenbar überforderte die Erregung sein Herz

In ihrer Anklageschrift hatte die Staatsanwaltschaft vage formuliert, Brunner sei "an den Folgen des Angriffs der Angeschuldigten" verstorben. Vermutlich überforderte die Erregung wegen des Streits mit den Angeklagten und das anschließende Gewaltgeschehen sein Herz so sehr, dass es versagte.

Die Verteidigung reagierte am Dienstag auf das Bekanntwerden der neuen Details zur Todesursache. Die Anwälte von Markus Sch. und Sebastian L. beantragten zu Beginn des fünften Verhandlungstags, zwei Mediziner als Sachverständige hinzuzuziehen.

Ein Arzt soll bei der Befragung von Zeugen zu rechtsmedizinischen Details helfen. Außerdem soll nach dem Willen der Anwälte ein Facharzt für Anästhesiologie geladen werden, der im Rahmen der Ermittlungen ein Teilgutachten zur Notfallversorgung bei Brunner erstellt hatte.

Laut Verteidigung spricht der Verlauf der Notfallversorgung dafür, dass der Zusammenbruch Brunners bei der Auseinandersetzung mit den Angeklagten durch Herzschwäche ausgelöst wurde.

Klare Kausalität

Die Staatsanwaltschaft sieht die Schuld am Tod des Managers weiterhin bei den Angeklagten. Brunner sei in Folge der Schläge und Tritte daran gestorben, dass das Herz stehengeblieben sei, sagte Oberstaatsanwältin Stockinger am Samstag. Damit sei die Kausalität klar: Brunner würde nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ohne die massiven Schläge und Tritte noch leben.

Eine Zeugin sagte nun aus, einer der beiden Angeklagten habe das Opfer mit dem Tode bedroht. Mit den Worten "Ich bring dich um" soll Markus S. auf Brunner eingeschlagen haben, so die 16 Jahre alte Schülerin am Dienstag vor dem Gericht. Der Jugendliche habe auch Beschimpfungen wie "Motherfucker" gerufen und den Manager mit den Füßen traktiert.

Die mutmaßlichen Schläger vom S-Bahnhof Solln haben aus Sicht eines weiteren Zeugen Brunner jedoch nicht von sich aus angegriffen. Der 50-Jährige sei am Bahnsteig "zügig mit zwei Schritten" auf die beiden zugegangen und habe einem mit der Faust ins Gesicht geschlagen, sagte der S-Bahn-Zugführer vor Gericht.

"Die beiden Angeklagten waren äußerst überrascht - wie ich", so der 46-Jährige. Für ihn sei Brunner der Angreifer gewesen - er habe nichts von der vorangegangenen Auseinandersetzung mitbekommen. "Er hätte einfach nur gehen müssen, der Herr Brunner. Es war aus meiner Sicht genug Zeit, um zu gehen", sagte der Bahnbedienstete.

siu/jdl/ddp/dpa



insgesamt 183 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gawagei 20.07.2010
1. Herzfehler?
Nun ja, wenn die Verteidigung an dieser Entscheidung vorbei kommt...;-) http://www.hrr-strafrecht.de/hrr/4/07/4-453-07.php?view=print
Subtuppel 20.07.2010
2. re
Ja, die beiden Herrschaften haben sicherlich nur so dosiert feste zugetreten und geschlagen, dass sie sicher sein konnten, dass ein herzgesundes Opfer dies würde überleben können. Was für eine Unverschämtheit überhaupt seitens des Opfers ohne ausführliche medizinische Unterlagen zu seiner Zusammenschlagung zu erscheinen. Korrekterweise müsste die Täter nun Schadensersatz bekommen, weil das Opfer sie mindestens grob fahrlässig über seinen körperlichen Zustand getäuscht hat und ihnen damit ratz-fatz gegen ihren Willen ein Tötungsdelikt angehängt hat.
mats123 20.07.2010
3. Strafverschärfung
Wer auf einen 50jährigen derart brutal eintritt wie die beiden Schläger von Solln, der muss erst recht mit dem Tod des Opfers rechnen, denn jedes Kind weiß, dass ältere Menschen schwächer sind und oft auch Vorerkrankungen haben. Daher kann man den beiden Schlägern sogar besondere Niedertracht und Mordlust unterstellen. Sie haben kein bisschen Rücksicht genommen, weder auf das Alter der von Brunner beschützten Kinder, noch auf das hohe Alter des Beschützers. Sie suchen sich gezielt schwächere als Opfer, Kinder und ältere Leute, und nehmen deren Tod leichtfertig in Kauf.
mats123 20.07.2010
4. Wie bitte?
Meinen Sie das wirklich ernst? Brunner habe den Angriff begonnen und sei nur vor Aufregung gestorben? Die Fakten sind andere!
wasissn, 20.07.2010
5. arme Schläger, böser Brunner
Wenn man insgesamt die Presse zu dem Fall verfolgt, so gewinne ich persönlich den Eindruck, dass die Medien nach jedem Strohhalm zur Entlastung und Beschönigung der vorbestraften Gewalttäter greifen. Die Täter werden tendenziell verharmlost, Brunners Leumund beschädigt. Aber vielleicht empfinde ich das alles nur falsch. Ausnahmsweise hoffe ich sogar darauf; denn sonst kann einem Angst und Bange über die Kultur in D werden; nicht nur wegen der Zensur zu diesem Fall.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.