Säureopfer Amene Bahrami "Er hat nichts gelernt, absolut nichts"

Amene Bahrami ist blind, ihr Gesicht ist entstellt, seit Madschid Mowahedi ihr Säure ins Gesicht schüttete. Sie erstritt sich das Recht, ihm ebenfalls mit Säure das Augenlicht zu nehmen. Im Interview erklärt sie, warum sie in letzter Sekunde auf die Vollstreckung verzichtete.


Im November 2004 schüttete Madschid Mowahedi Säure ins Gesicht von Amene Bahrami. Sie hatte seinen Heiratswunsch abgelehnt. Bahrami verlor ihr Augenlicht, ihr Gesicht wurde entstellt. Sie überlebte, musste jedoch in Barcelona mehrmals operiert werden, weitere Operationen stehen ihr bevor.

Bahrami kämpfte dafür, Vergeltung zu üben. Im Jahr 2009 sprach ihr ein iranisches Scharia-Gericht das Recht zu, Mowahedi die Augen zu verbrennen. Seither verteidigte sie sich in Interviews und auch in ihrem Buch "Auge um Auge": Mowahedi müsse büßen, er müsse bestraft werden, wie er sie strafte. Am Sonntag sollte ihr jüngster Bruder das Urteil für sie in einem Teheraner Krankenhaus vollstrecken.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bahrami, Sie haben monatelang für Ihr Recht gekämpft, an Ihrem Peiniger Vergeltung zu üben und seine Augen mit Säure zu verätzen. Am Sonntag haben Sie in letzter Minute auf den Racheakt verzichtet. Warum?

Bahrami: Ich habe nie vorgehabt, das Urteil vollstrecken zu lassen. Meine zwei Ärzte in Barcelona sind Zeugen dafür. Ich bin die Erste, die das Recht auf Vergeltung bis zur letzten Sekunde durchgesetzt hat. Viele haben zwar solch ein Urteil bekommen, aber es wird nicht vollzogen. Als ich die Unterschrift erhielt, dass dieses Urteil vollstreckt wird, hatte ich erreicht, was ich wollte. Seit diesem Zeitpunkt wird jeder, der mit dem Gedanken spielt, einem anderen Menschen Säure ins Gesicht zu schütten, Angst davor haben, dass ihm Gleiches angetan wird.

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Säureopfer Bahrami: "Ich will weiter kämpfen"
SPIEGEL ONLINE: Sie haben in vielen Interviews und auch in Ihrem Buch "Auge um Auge" erklärt, warum Sie auf die Vergeltung bestehen. Sie haben also gelogen?

Bahrami: Ich habe nicht gelogen. Stellen Sie sich vor: Hätte ich irgendwann mein Recht nicht so eindeutig eingefordert, wäre ich nicht ernstgenommen worden. Dann hätte die Regierung mir das Urteil nie und nimmer zugestanden. Selbst mein Bruder wusste nicht, dass ich auf die Vollstreckung verzichten werde, als er im Operationssaal die Pipette in die Hand nahm, um Madschid die Säure in die Augen zu träufeln.

SPIEGEL ONLINE: Menschenrechtsorganisationen haben versucht, Sie von Ihrem Plan abzubringen. Hat Sie das beeinflusst?

Bahrami: Nein. Es war meine Entscheidung, ich habe es allein mit mir selbst ausgemacht. Ich wollte zeigen, dass die Menschheit das Gute nicht vergessen darf. Wir bekommen genug schlechte Nachrichten, jeden Tag. Ich wollte mit meiner Entscheidung den Leuten eine Hoffnung geben. Wenn jemand die Macht hat und dennoch verzeiht, ist das doch sehr hoch einzuschätzen. Ich will den Leuten sagen: Wenn ihr an die Menschenrechte glaubt, dann fangt bei euch selbst an. Nach den Grundsätzen von Zarathustra: "Gut handeln, gut denken, gut sprechen". Seit Sonntag haben mich viele Menschen angerufen und mir gesagt, ich hätte ihnen ein neues Lebensgefühl geschenkt.

SPIEGEL ONLINE: So unfassbar Ihr Leiden ist, so unverständlich scheint es, ein mittelalterliches Recht als Abschreckung und als Mittel zu nutzen, eine gute Botschaft zu verbreiten.

Bahrami: Es ist doch ganz einfach: Wenn jemand einem anderen keine Säure ins Gesicht gießt, wird er damit auch nicht konfrontiert werden. Sehen Sie: Wir haben in Iran dieses mittelalterliche Rechtssystem. Daran werde ich nichts ändern können. Also muss ich es für meine Zwecke einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Manche haben vermutet, das Regime könne auf Sie eingewirkt haben.

Bahrami: Das stimmt nicht. An diesem Dienstagmorgen allerdings kamen zwei Vertreter von Mahmud Ahmadinedschad zu mir nach Hause. Sie haben gesagt, dass sich meine Haut sehr gut entwickelt habe, es sei wie ein Wunder. Sie wollten wissen, ob ich die noch anstehenden Operationen in Iran vornehmen lassen wolle, wenn der Präsident die Kosten übernimmt. Ich fragte, ob er auch die Kosten in Barcelona übernehmen würde, denn dort bin ich seit sieben Jahren in Behandlung und sehr zufrieden mit den Ärzten. Ja, haben sie geantwortet, aber es werde lange dauern, bis das Geld da ist.

SPIEGEL ONLINE: Wieso kamen die Vertreter des Staatspräsidenten zu Ihnen?

Bahrami: Es gibt heute im iranischen Fernsehen zum Beginn des Ramadan um 19 Uhr eine sehr beliebte Sendung. Ich werde zu Gast sein. Deswegen kamen die Vertreter des Präsidenten: Während der Sendung wollen sie anrufen und sagen, dass der Präsident mir helfen will. Sie kamen zu mir, um diese Aktion vorzubereiten.

SPIEGEL ONLINE: Was versprechen sie sich davon?

Bahrami: Ich habe immer wieder gesagt, der Präsident wolle mir nicht helfen. Seine Vertreter sagten zu mir, das stimme nicht. Er habe von meinen Anfragen in seinem Büro und beim Konsulat in Barcelona nichts erfahren. Ahmadinedschad steht in der Öffentlichkeit nicht gut da.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah am Sonntagmorgen im Operationssaal, als Sie die Vollstreckung stoppten?

Bahrami: Madschid hat wahnsinnig geweint. Er warf sich mir zu Füßen und küsste sie. Sein Vater und seine Mutter taten es ihm gleich. Sie konnten es erst nicht glauben. Madschid sagte zu mir, ich hätte ihm ein zweites Leben geschenkt. "Komm und heirate mich, ich möchte dein Diener sein", sagte er zu mir. Ich habe ihm geantwortet, er solle jetzt keine Komödie daraus machen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das für Sie nicht ein unglaublicher Hohn? Er hatte Ihnen die Säure ins Gesicht geschüttet, weil Sie einen ersten Heiratswunsch abgelehnt hatten.

Bahrami: Er hat aus dieser Geschichte nichts gelernt, absolut nichts.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nun für Sie weiter?

Bahrami: Ich bin am Sonntagmittag zum Justizministerium gegangen. Dort hat man mir gesagt, dass ich eine Entschädigung von 100 Millionen Toman (umgerechnet rund 130.000 Euro) bekommen werde. Eigentlich stehen mir 200 Millionen zu. Man sagte mir, eine Frau bekomme nur die Hälfte. Das sei ein islamisches Gesetz. Im Koran steht aber, die Frau sei die andere Hälfte des Mannes, sie ergänzen sich; Frau und Mann sind gleich. Ich habe die halbe Entschädigung also nicht akzeptiert. Im Ministerium sagte man mir dann, ich müsse meine Beschwerde vor dem Parlament vorbringen. Ich werde diesen nächsten Schritt gehen, ich werde weiter kämpfen für die Gleichheit von Mann und Frau.

Das Interview führte Birger Menke

insgesamt 106 Beiträge
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Transmitter, 02.08.2011
1. Für mich eine Heilige!
Für mich ist Amene Bahrami ein Heilige. Sie hat in dieser furchtbaren Zeit seit dem Anschlag mehr gelernt, grössere Fortschritte in ihrere seelischen und intellektuellen Entwicklung gemacht, als hundert katholische "Kirchenheilige" zusammengenommen. Für mich ist sie Gott ganz nah. So nah, wie Jesus Christus. Als Muslimin!
regensommer 02.08.2011
2. Eine Heilige?
Dass sie eine Heilige ist, ist wohl etwas übertrieben. Sie macht etwas, was in unserem Kulturkreis längst üblich ist, sie verzichtet auf Blutrache. Nicht mehr und nicht weniger. Ansonsten würden hier überall Heilige herumlaufen. Auge um Auge, so wörtlich wird das in Teilen der islamischen Rechtsprechung gehandhabt, mit Einschränkungen. Ansonsten bedeutet das meist einen angemessenen Ausgleich.
mortyrium, 02.08.2011
3. .
Das zeugt auch von Größe, dass sie sich leztendlich nicht auf das Scharia-Niveau herab begeben hat. Schließlich wollte sie laut Interview nur zeigen, dass sie ihr Recht duchzusetzen vermag, zur Warnung an Ewiggestrige, die kein NEIN akzeptieren können. Jeder Mann, auch ich, hat schon viele Körbe bekommen. Manchmal tut es weh, manchmal zuckt man bloß mit den Schultern, aber manchmal ist man auch sauer: Aber dann lässt man die Sache eben ruhen, da draußen sind 3 Mrd. Weibchen! :)
Peter Freiburg, 02.08.2011
4. heilig?
Zitat von TransmitterFür mich ist Amene Bahrami ein Heilige. Sie hat in dieser furchtbaren Zeit seit dem Anschlag mehr gelernt, grössere Fortschritte in ihrere seelischen und intellektuellen Entwicklung gemacht, als hundert katholische "Kirchenheilige" zusammengenommen. Für mich ist sie Gott ganz nah. So nah, wie Jesus Christus. Als Muslimin!
Sie ist für mich keine Heilige, sie ist jemand, der Menschlichkeit bzw. Gnade gezeigt hat. Warum muss man das immer, so wie sie, gleich mit Religion, "Heiligkeit" und Gott in Verbindung bringen. Und "Jesus" auch noch gleich dazu. Ist "Gnade" eine rein religiöse Handlung? Sicher nicht. Genausowenig wie Nächstenliebe. Ethische Werte werden von Gläubigen immer gerne als religiöse Werte verkauft.
p.s.eudonym 02.08.2011
5.
---Zitat--- SPIEGEL ONLINE: So unfassbar Ihr Leiden ist, so unverständlich scheint es, ein mittelalterliches Recht als Abschreckung und als Mittel zu nutzen, eine gute Botschaft zu verbreiten. Bahrami: Es ist doch ganz einfach: Wenn jemand einem anderen keine Säure ins Gesicht gießt, wird er damit auch nicht konfrontiert werden. Sehen Sie: *Wir haben im Iran dieses mittelalterliche Rechtssystem. Daran werde ich nichts ändern können. Also muss ich es für meine Zwecke einsetzen.* ---Zitatende--- Die Frau hat es verstanden (unabhängig davon, ob sie wirklich von langer Hand geplant hatte, die ganze Welt an der Nase herumzuführen oder ob ihre Ad Hoc-Entscheidung doch nur das Ergebnis von politischem Druck ist). Hoffen wir nur, dass ihr erfolgreich durchlaufener Weg durch die Rechtsinstanzen tatsächlich ein abschreckendes Beispiel für all jene ist, die meinen, ein Kanister Säure sei eine adäquate Reaktion auf einen Korb.
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