Prozess gegen Safia S. Ein Mädchen unter Terrorverdacht

In Hannover aufgewachsen, Klassensprecherin, nie Probleme mit dem Gesetz - mit 15 sticht sie auf einen Bundespolizisten ein: Jetzt hat der Prozess gegen Safia S. begonnen. Hat sie im Auftrag des "Islamischen Staates" gehandelt?

Polizisten am Oberlandesgericht Celle
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Polizisten am Oberlandesgericht Celle

Von , Celle


Als Terroristen das Redaktionsbüro der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris stürmten und zwölf Menschen ermordeten, war die Betroffenheit weltweit groß. Im Politikunterricht des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums in Hannover saß indes ein Mädchen, 14 Jahre alt, und hatte Verständnis für den Terrorakt. Sie sprach vom Zorn der muslimischen Welt, von der "Schmähung des Propheten".

Am Vormittag nun betrat dieses Mädchen, inzwischen 16 Jahre alt, den Saal 94 des Oberlandesgerichts Celle: Safia S., angeklagt wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Unterstützung der ausländischen terroristischen Vereinigung "Islamischer Staat" (IS).

Safia S. stieß am 26. Februar am Hannoveraner Hauptbahnhof einem Bundespolizisten ein Messer in den Hals. Nach Überzeugung des Generalbundesanwalts hatte sie den Mann und seinen Kollegen, die in schuss- und stichsicheren Schutzwesten Streife liefen, bewusst als Ziel ausgewählt. Safia S. soll geplant haben, den Beamten umzubringen, ihm seine Dienstwaffe zu entziehen und mit ihr weitere Menschen zu töten. Ihren eigenen Tod soll sie in Kauf genommen haben, es sollte ein "Märtyrertod" sein.

Im Saal nimmt ein blasses Mädchen Platz zwischen ihren beiden Verteidigern. Es trägt ein beigefarbenes Kopftuch, eine Brille, einen langen, hellgrauen Wollmantel mit Kapuze und Turnschuhe. "Wie wollen wir es mit der Anrede halten", fragt der Senatsvorsitzende. "Safia und du oder Frau S. und Sie?" Safia S. beugt sich zu dem Mikrofon vor ihr: "Safia und du reicht auch."

Sie weiß gar nicht, dass sie zwei Staatsbürgerschaften besitzt

In der letzten Reihe des Zuschauerraums sitzen drei verschleierte Frauen, teils mit Niqab und Sonnenbrille. Sie geben an, zu Safia S. zu gehören. Jenem Mädchen, das in Hannover geboren wurde und dort aufwuchs, das zur Klassensprecherin gewählt wurde, Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch spricht und strafrechtlich zuvor nicht aufgefallen war. Das eigenen Angaben zufolge fünfmal am Tag betet, die Moschee besucht, sich fest an alle muslimischen Glaubensregeln und Rituale hält. Ihr ganzer Körper verlange nach dem Gebet, sagte sie einmal; und wenn sie die Sure Al-Fath rezitiere, liefen ihr die Tränen über die Wangen. Ihr deutscher Vater konvertierte zum Islam, ihre marokkanische Mutter gilt als strenggläubig.

"Du besitzt die deutsche und die marokkanische Staatsangehörigkeit?", fragt der Senatsvorsitzende. "Nur die deutsche", antwortet Safia S. In den Akten aber stehe etwas anderes, entgegnet der Richter. Vermutlich wisse sie gar nicht, dass sie auch die marokkanische besitze. Ihr Verteidiger Mutlu Günal bestätigt das.

Der Prozess wird aufgrund des Alters der Angeklagten und zu ihrem Schutz für die gesamte Verhandlungsdauer unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Das verkündet der Senat nach einer kurzen Beratungspause.

Der Generalbundesanwalt wird in der Hauptverhandlung versuchen, der 16-Jährigen, die schon als Neunjährige mit dem bekannten Salafistenprediger Pierre Vogel öffentlich auftrat und Koranverse zitierte, nachzuweisen, dass sie den Anschlag auf den Polizeibeamten geplant hat; dass sie im Auftrag des IS handelte, geleitet von ihrer tief fundamentalistischen Einstellung zum Islam.

Er wird versuchen, das kurze Leben der Safia S. akribisch zu durchleuchten. Dabei werden auch solche Szenen wie die im Politikunterricht nach dem Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion zur Sprache kommen. Es ist nicht das einzige Ereignis in der Schule, das das Mädchen von anderen muslimischen Mädchen unterscheidet. So soll Safia S. wenige Wochen vor der Tat im Französischunterricht aufgefallen sein, als sie Texte über den islamistischen Terrorismus als Diskriminierung von Muslimen wertete und sich im Anschluss weigerte, weiterhin den Kurs zu besuchen.

Ist Safia S. eine militante Fundamentalistin? Flog sie Ende Januar, einen Monat vor der Tat, in die Türkei, um sich dem IS anzuschließen? Wurde sie in Syrien von Anhängern des IS aufgehetzt, zurück nach Deutschland zu fliegen und dort eine Gewalttat zu begehen? Ihr Anwalt Günal bestreitet einen terroristischen Hintergrund und spricht von "dilettantisch geführten Ermittlungen".

Als er neun war, flüchtete seine Mutter mit ihm in ein Frauenhaus

Auf ihrem Handy hatte Safia S. Enthauptungsszenen aus IS-Propagandavideos und andere IS-verherrlichende Filme und Fotos gespeichert. Ihrem Kumpel Mohamad K., einem 20-Jährigen aus Hannover mit deutscher und syrischer Staatsangehörigkeit, soll sie in Chats angekündigt haben, dass sie in Deutschland eine Tat als Märtyrerin verüben wolle.

Mohamad K. ist ebenfalls angeklagt, er gilt als Mitwisser. Er soll Safia S. für ihren Mut bewundert haben, sich dem IS anzuschließen und nach Syrien zu gehen. In Saal 94 erscheint ein großer, junger Mann, der im Alter von neun Jahren mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern vor einem gewalttätigen Vater in ein Frauenhaus flüchtete. Er sei noch Schüler, sagt er vor Gericht. Auch er erfährt erst am Mittwoch vom Senatsvorsitzenden, dass er auch die syrische Staatsbürgerschaft besitzt.

Mohamad K. hatte noch versucht, sich vor dem Prozess abzusetzen. Erst vor wenigen Wochen wurde er in Griechenland festgenommen. Gegen ihn wird in einem weiteren Verfahren wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung sowie der Verabredung eines Mordes und des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion ermittelt. Mohamad K. soll in den angeblichen Plan verwickelt gewesen sein, einen Anschlag auf das Fußballländerspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden zu verüben. Die Partie wurde am 17. November 2015 in Hannover kurzfristig wegen der Bedrohungslage abgesagt.

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