Klage gegen Versicherung Nach dem Feuer kam der Streit

Bei einem Brand in Frankfurt wird eine Wohnung verwüstet. Der Geschädigte denkt, dass die Versicherung seinen Schaden begleichen wird. Doch der juristische Kampf dauert nun schon mehr als fünf Jahre.
Samuel Lazay und Freundin in der verrußten Wohnung

Samuel Lazay und Freundin in der verrußten Wohnung

Foto: Samuel Lazay

Vor etwa einem Jahr war Samuel Lazay kurz davor aufzugeben. Er stand im Flur des Landgerichts in Frankfurt am Main und dachte darüber nach, ob er noch genug Kraft, Zeit und Geld habe, diesen zermürbenden Rechtsstreit fortzusetzen.

Viereinhalb Jahre war es an diesem Verhandlungstag im Mai 2016 her, dass ihn ein Feuer in einem Wohnhaus "fast das Leben gekostet hätte", wie er sagt. Und noch immer musste er vor Gericht endlos darüber diskutieren, welcher Arbeiter von welcher Firma damals möglicherweise seine Zigarettenkippe nicht richtig ausgedrückt haben könnte.

Lazay, 55, ein freiberufliche Werbeberater aus Hamburg, hatte Tausende Euro ausgegeben: für Gerichtskosten, Gutachtervorschüsse, Anwaltshonorar.

Der Richter im Frankfurter Landgericht machte ihm im Mai 2016 wenig Mut, das Verfahren gewinnen zu können. Trotzdem, dachte Lazay, dürfe nicht folgenlos bleiben, dass ihm ohne eigene Schuld fast das Dach über dem Kopf weggebrannt war. Bis heute kämpft er darum, für die finanziellen Folgen eines gefährlichen Brandes entschädigt zu werden.

Die Geschichte beginnt an einem Nachmittag im Oktober 2011. Lazay sitzt auf dem Balkon einer Altbauwohnung im Frankfurter Nordend. Es ist die Wohnung seiner Lebensgefährtin, die am nächsten Tag von einem Geschäftstermin nach Frankfurt kommen und das Wochenende mit ihm verbringen will.

Von der Dachterrasse über ihm rieselt Staub herunter, Arbeiter sollen dort eine undichte Stelle reparieren. Dazu setzen sie einen Gasbrenner ein, angeblich zum Trocknen von Dachpappe.

Doch bei den Arbeiten geht wohl etwas schief. Um 1.35 Uhr in der Nacht, so lässt sich später rekonstruieren, steht ein Teil des Dachstuhls in Flammen. Die Feuerwehr rückt mit drei Löschfahrzeugen an und holt Lazay aus der Wohnung. Er hatte fest geschlafen. "Ohne die Feuerwehrleute wäre ich vermutlich im Qualm erstickt", sagt Lazay.

Die Polizei geht von einem versehentlich ausgelösten Schwelbrand in Zusammenhang mit Dachdeckerarbeiten aus. Kriminelles Handeln sei nicht zu erkennen, das Ermittlungsverfahren wird eingestellt.

Verrußtes Schlafzimmer

Verrußtes Schlafzimmer

Foto: Samuel Lazay

Lazay und seine Lebensgefährtin stapfen mit Schutzoveralls und Staubmasken durch die völlig verrußte Wohnung, machen Fotos von den unbrauchbar gewordenen Möbeln und Kleidern. Sie suchen die alten Belege heraus und reichen sie bei der Versicherung der Dachdecker ein. Sie kommen auf 28.056 Euro Schaden.

Damit beginnt ein juristischer Kleinkrieg: Zunächst eineinhalb Jahre fruchtloser Schriftverkehr mit der Versicherungsfirma VHV, dann zieht Lazay vor Gericht. Die Versicherung argumentiert, der Brand könne theoretisch auch von einer nicht ordnungsgemäß gelöschten Zigarettenkippe verursacht worden sein.

Dann käme auch der Bauleiter als Verursacher infrage. Dieser sagt vor Gericht aus, dass er an dem Tag möglicherweise kurz auf der Baustelle gewesen sei. Und auch er sei ein Raucher, wie die Arbeiter der Dachdeckerfirma. Allerdings arbeitet er für eine andere Firma. Also wäre für ihn eine andere Versicherung zuständig.

Das Verfahren zieht sich einige zähe Jahre hin. Lazays Freundin hat längst entnervt aufgegeben und die Rechte an ihn abgetreten. 2014 beauftragt das Landgericht einen Sachverständigen. Lazay zahlt 2500 Euro Vorschuss für das Gutachten und wartet. Als die Expertise knapp ein Jahr später vorliegt, hilft sie nicht weiter: Mit hoher Wahrscheinlichkeit seien die Dachdeckerarbeiten die Brandursache gewesen, meint der Gutachter. Aber es könne auch eine Zigarettenkippe gewesen sein.

Das Gericht schlägt einen Vergleich vor: Lazay könnte einen Teil des Schadens erstattet bekommen. Die VHV lehnt ab. Für sie geht es inzwischen um viel mehr Geld als die Entschädigung für Lazay. Denn mittlerweile hat sich eine weitere Versicherung eingeschaltet: Die Hauseigentümer hatten von ihrem Gebäudeversicherer, der Allianz, etwa eine halbe Million Euro zur Instandsetzung des Dachstuhls bekommen. Das Geld würde sich die Allianz nun gerne von der VHV zurückholen.

Allerdings: Die Allianz klagt nicht selbst, sondern hängt sich nur als "Nebenintervenientin" an Lazays Verfahren. Alle Kosten für Gericht, Anwalt und Gutachten muss der Hamburger Werber allein stemmen. "Trittbrettfahrer", schimpft Lazay.

Rußspuren

Rußspuren

Foto: Samuel Lazay

Im Juni 2016 wird seine Klage in erster Instanz vom Frankfurter Landgericht abgewiesen. Er habe nicht mit letzter Sicherheit beweisen können, dass die Dachdeckerfirma das Feuer ausgelöst habe und nicht doch eine Zigarettenkippe des Bauleiters.

Lazay rechnet zusammen: Inklusive Brandschaden und Gerichtskosten hat die Sache ihn mittlerweile annähernd 40.000 Euro gekostet. Er geht in Berufung.

Die Berufungsverhandlung vor dem Frankfurter Oberlandesgericht verläuft dann allerdings ganz anders als die in der Vorinstanz. Der Richter teilt der Versicherungsanwältin seine "vorläufige Rechtsmeinung" mit: Es könne nicht sein, dass ein Geschädigter auf seinen Kosten sitzen bleibe, nur weil die vage Möglichkeit eines anderen Verursachers bestehe, meint er.

Das Urteil will der Berufungsrichter am Freitag verkünden. Lazay ist optimistisch, dass es endlich gut für ihn ausgeht. Und wenn nicht?

Im Streit mit Versicherungen, hat er gelernt, helfen Zähigkeit und Sarkasmus: Er sei nun schon bald fünfeinhalb Jahre mit Schadensregulierung beschäftigt, sagt er. Bei einer Lebenserwartung von 75 Jahren blieben ihm also noch etwa zwei Jahrzehnte, um das Verfahren zu einem Abschluss zu bringen.

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