Mafia-Hochburg in Italien In San Luca fällt die Wahl aus

San Luca ist die Hochburg der gefürchteten 'Ndrangheta. Nun stehen in Italien Kommunalwahlen an, doch die Mafia-Hochburg macht nicht mit: Den Job als Bürgermeister will niemand haben.
San Luca

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Foto: © STRINGER Italy / Reuters/ REUTERS

Oben im Aspromonte, dem Felsmassiv im Süden von Kalabrien, hat die Mafia ihre Drogen- und Menschenverstecke. Unten am Meer baden die Touristen. Dazwischen liegt San Luca: knapp 4000 Einwohner, eine Spielhalle, eine Pizzeria, kein Kino - viel Tristesse, wenig Lebenslust. Frauen sieht man kaum auf den Straßen, allenfalls mit vollen Einkaufstaschen heimwärts eilend.

Die beiden Bars im Ort teilen sich die Rentner und die arbeitslosen jungen Männer auf. Fröhlich geht es in keiner der beiden Kneipen zu. Wie auch? Es gibt kaum Jobs, bestenfalls als "Forstarbeiter". Das ist in San Luca freilich auch nur eine politisch-gewollte Verbrämung von Arbeitslosigkeit: Man bekommt ein Mini-Gehalt vom Staat und muss kaum etwas tun.

Noch vor ein paar Jahren, vor den Sparmaßnahmen der römischen Regierung, gab es einige Hundert Forstarbeiter in San Luca. Diese Pseudo-Jobs gingen nicht selten vom Vater auf den Sohn über oder wurden von den Mafia-Clans vergeben. Auch sonst ist, wenn überhaupt, nur bei denen Geld zu verdienen.

"Die Wahl fällt aus"

Die Mafia, das ist in Kalabrien die 'Ndrangheta, die wohl mächtigste Verbrecherorganisation Europas. Wie ihr Einfluss die Demokratie zersetzt, zeigt sich in San Luca nun wieder besonders deutlich: Wenn am 11. Juni in vielen italienischen Städten Kommunalwahlen abgehalten werden, macht der Ort nicht mit. "Es gibt keinen Kandidaten für das Bürgermeisteramt, keine Partei, keine Liste mit Bürgern, die sich um einen Platz im Stadtrat bewerben, die Wahl fällt aus", sagt der Wahlbeauftragte der Kommune. Warum, was ist passiert?

"In San Luca will einfach niemand mehr Bürgermeister werden", sagt ein anderes Mitglied der Stadtverwaltung, im Vertrauen darauf, anonym zu bleiben. "Und die Bürger wollen auch gar keinen wählen. Sie wollen mit Politik nichts mehr zu tun haben. Zumal die meisten finden, der Kommissar mache das doch ganz ordentlich."

Das demokratisch fragwürdige Regiment einer kommissarischen Verwaltung, durch einen vom Präsidenten in Rom eingesetzten Stadtregenten, begann 2013. Da wurde der bislang letzte gewählte Bürgermeister San Lucas abgesetzt und verhaftet, weil er jahrelang den Mafia-Clans städtische Aufträge zugeschoben hatte. Dabei war Sebastiano Giorgi als Symbol des Kampfes gegen die 'Ndrangheta gewählt worden. Mit ihm landeten auch etliche Stadträte vor Gericht.

Nicht erst seit dieser Affäre ist die Mehrheit in San Luca desillusioniert. Da mag Gioacchino Criaco, Schriftsteller aus dem Nachbarort, noch so sehr wüten: "Ein Volk, das nicht diskutiert, sich nicht einmischt, nicht protestiert, ist kein Volk mehr."

"Wenn wir hier einen Stadtrat wählen", sagt ein alter Einwohner am Telefon, dann werde der vermutlich "in zwei Monaten wieder aufgelöst und die Hälfte der Stadträte landet im Gefängnis." Sieben Familien, sagt er, hätten einst die kleine Stadt gegründet. "Darum ist hier jeder irgendwie mit jedem verwandt, jeder hat irgendeinen vorbestraften Cousin mit Mafia-Geruch." Besser also, man halte sich aus allem raus und "lässt den fremden Herrn Kommissar regieren, was und wie er will, das ist unser Protest gegen den Staat".

Vom Staat regiert, von der Mafia beherrscht

Bei der Wahl 2015 gab es zwar einen Kandidaten. Einen! Aber den wollten die meisten Sanluchesi nicht. Die Mehrheit sparte sich daher den Urnengang, das gesetzlich vorgeschriebene Quorum wurde nicht erreicht, die Wahl für ungültig erklärt - und erneut übernahm ein Kommissar das Rathaus. Dabei wird es einstweilen wohl auch bleiben.

Ab und an marschieren Polizeieinheiten ein, durchsuchen die großen, aber nicht luxuriösen Häuser der Clans. Ab und zu finden sie in einem Bunker mit Geheimtür, hinter einem anderen Bunker mit Geheimtür, einen seit Jahren flüchtigen Mafioso, ziehen mit dem wieder ab - und das Leben geht seinen gewohnten Gang. Das kleine San Luca wird vom italienischen Staat regiert - und von der 'Ndrangheta beherrscht.

Was deren lokale Bosse hier eigentlich verdienen, was sie mit dem Geld machen, weiß außerhalb der "Familien" keiner. Hier gibt es weder den Ferrari in der Garage noch die Wellness-Oase im Keller. Dabei sind die Sanluchesi-Clans mittendrin im Weltkonzern 'Ndrangheta.

Deren Umsatz wird auf mehr als 50 Milliarden Euro im Jahr taxiert. Aber solche Schätzungen sind grob und widersprüchlich. Vermutlich kommt das meiste Geld aus dem Drogengeschäft und der grenzüberschreitenden Abfallbeseitigung. In den vergangenen Jahren stiegen die Clans auch groß ins Geschäft mit dem Transport und der Unterbringung von Flüchtlingen ein.

Dagegen ist das lokale Business in Kalabrien eigentlich nicht der Rede wert. Aber man lässt einfach kein Geschäft liegen - und sei es noch so klein. Dabei geht es um eine breite Verwicklung möglichst vieler Mitbürger, ob Amtsträger oder Hausmeister, es geht um die territoriale Kontrolle des "Heimatgebietes".

So wie in Sizilien die Cosa Nostra kann die 'Ndrangheta in Kalabrien deshalb auf viele Helfer und Unterstützer bauen. Sie ist in San Luca und Umgebung entstanden - und dort schlägt noch heute das Herz der Organisation. "Es ist wie ein Fluch", sagt der alte Sanluchese, der auch bittet: "Lass bloß meinen Namen weg!"

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