Attendorn im Sauerland Jugendamt hatte Hinweise auf jahrelang gefangen gehaltenes Mädchen

Ein achtjähriges Kind soll fast sein ganzes Leben von Mutter und Großeltern in einem Haus gefangen gehalten worden sein. Das Jugendamt bekam mehrfach Hinweise, dass das Mädchen dort lebte.
Kirche in Attendorn: Mutter und Großeltern ließen das Kind nicht aus dem Haus – nicht in die Kita, Schule oder auf den Spielplatz

Kirche in Attendorn: Mutter und Großeltern ließen das Kind nicht aus dem Haus – nicht in die Kita, Schule oder auf den Spielplatz

Foto: Franz-Peter Tschauner / dpa

Möglicherweise verlängerte Behördenversagen das Martyrium eines achtjährigen Mädchens, das fast sein gesamtes Leben lang in einem Haus im Sauerland festgehalten worden sein soll. Denn das Jugendamt hatte bereits mehrfach anonyme Hinweise erhalten. Vor zwei Jahren und vor einem Jahr seien zwei Hinweise eingegangen, sagte Fachbereichsleiter Michael Färber am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. »Wir sind dem sofort nachgegangen, aber es gab keine stichhaltigen Hinweise oder konkreten Anhaltspunkte, dass sich das Mädchen dort aufhielt.« Man habe daher keine rechtliche Möglichkeit gehabt, das Haus zu betreten – das sei auch die damalige Einschätzung der Polizei gewesen. Auch der WDR hatte über Hinweise an das Jugendamt berichtet .

Gegen die Mutter des Kindes und die Großeltern ermittelt die Staatsanwaltschaft in Siegen. Sie geht davon aus, dass diese dem Mädchen nicht ermöglicht hätten, »am Leben teilzunehmen« – nicht an Kita, Schule oder am Spiel mit anderen Kindern. Die Mutter hielt das Kind demnach im Haus der Großeltern in Attendorn fest.

Mutter gab an, das Kind lebe in Italien

Die Mutter hatte sich im Sommer 2015 aus Attendorn abgemeldet und als neuen Wohnort für sie und ihre Tochter eine Adresse in Italien angegeben, schilderte der Fachbereichsleiter im Kreis Olpe. Offenbar habe die Mutter vermeiden wollen, dass ihre Tochter Umgang mit ihrem – getrennt von den beiden lebenden – Vater habe. Dieser wandte sich Färber zufolge ans Familiengericht, das 2016 das Sorgerecht für beide Elternteile bekräftigte.

Erst als sich im Juni 2022 ein Ehepaar ans Jugendamt wandte und angab, das Mädchen gesehen zu haben, habe man mithilfe von Bundesjustizministerium und italienischen Behörden herausgefunden, dass Mutter und Tochter nie in Italien gelebt hatten. Bei einer Hausdurchsuchung am 23. September stieß man dann dort auf das Kind.

Das Mädchen lebt nun in einer Pflegefamilie. Hinweise auf eine körperliche Misshandlung oder Unterernährung gebe es nicht. Allerdings habe das Mädchen die Außenwelt wohl nie gesehen. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, teilte die Polizei mit.

Kinderschützer befürworten begleiteten Umgang mit Mutter und Großeltern

Für das Mädchen ist nach Einschätzung des Kinderschutzbundes eine behutsame Begleitung jetzt von zentraler Bedeutung. »Für das Kind steht jetzt die Welt Kopf. Es wird sich fühlen wie auf einem anderen Planeten«, sagte Nicole Vergin vom Kinderschutzbund NRW der Deutschen Presse-Agentur.

Essenzielle Grundbedürfnisse des Mädchens seien offenbar ebenso missachtet worden wie grundlegende Kinderrechte auf Bildung, Spielen oder soziale Kontakte, schilderte Vergin. Das alles werde Auswirkungen auf die mentale, psychische oder auch motorische Entwicklung des Kindes haben - auch wenn eine genaue Diagnose aus der Ferne nicht möglich sei.

Es gehe nicht darum, dass das Kind nun rasch Defizite aufhole, sondern es müsse zuallererst seelisch stabilisiert werden, betonte Sozialpädagogin Sabine Müller-Kolodziej vom Kinderschutzbund. Auch wenn die drei Erwachsenen rechtlich zur Verantwortung gezogen werden müssten, solle dem Kind ein begleiteter Umgang mit ihnen ermöglicht werden, um es nicht zu entwurzeln.

has/dpa
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