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Schießerei auf US-Militärbasis Der Todesschütze von Fort Hood

Er behandelte als Militärpsychiater US-Soldaten und tötete 13 von ihnen. Er wollte seinem Land dienen und fürchtete den Einsatz in Übersee. Nach der Bluttat von Fort Hood rätselt Amerika über die Motive von US-Major Nidal Malik Hasan. Wer ist dieser Mann? Eine Spurensuche.
Von Yassin Musharbash, Frank Patalong, Malte Steinhoff und Simone Utler

Hamburg - 13 Menschen hat er getötet und 30 verwundet. Dann wurde Nidal Malik Hasan mit Schüssen gestoppt, selbst schwer verletzt und verhaftet. Nach der Schießerei von Fort Hood fragt sich Amerika: Wer ist der 39-Jährige? Was trieb ihn zum Gewaltausbruch?

Der Militärpsychiater wird einerseits als hart arbeitender, respektvoller und gläubiger Mann beschrieben. Andererseits wird deutlich, dass er mit den Kriegen der USA in Afghanistan und dem Irak haderte, dass er die Armee am liebsten verlassen hätte und große Angst vor einem eigenen Einsatz im Irak hatte.

Hasans Eltern wanderten aus einer kleinen palästinensischen Stadt in der Nähe von Jerusalem in die USA ein, lebten seit den achtziger Jahren im Bundesstaat Virginia, in der Kleinstadt Vinton, und betrieben von 1987 bis 1995 eine Kneipe, eröffneten dann ein Restaurant mit mediterraner Küche und wenig Erfolg. Außerdem besaßen sie einen Gemüseladen.

An den kleinen Nidal Malik, der von vielen Michael genannt wurde und noch zwei Brüder hat, erinnern sich Nachbarn als "lernbegieriges" Kind, wie die Lokalzeitung "The Roanoke Times" berichtet. Während andere Jungen Football spielten, sei Nidal Malik nach der Schule sofort nach Hause gegangen.

Nach der Highschool zum Militär

Nach der Highschool trat Hasan ins Militär ein - gegen den Wunsch der Eltern. Er habe dem Land, in dem er geboren wurde und aufgewachsen war, dienen wollen, sagt ein Cousin von Hasan.

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Tragödie in Fort Hood: Tote, Verletzte und eine Heldin

Foto: AP

Hasan besuchte zunächst die Universität Virginia Tech und machte seinen Abschluss in Medizin an der Uni von Bethesda, Maryland. Seine Assistenzzeit absolvierte er am Armeehospital Walter Reed in Washington und arbeitete dort mindestens sechs Jahre lang, bis er 2009 nach Fort Hood versetzt wurde. Dort war es seine Aufgabe, den von ihren Einsätzen im Irak und Afghanistan gezeichneten Soldaten seelisch beizustehen - oder auch jenen, die das erst noch vor sich hatten.

Sein Cousin Nader Hasan, der als Anwalt in Virginia arbeitet, beschreibt den 39-Jährigen als einen respektvollen, hart arbeitenden Mann, der sich seinen Eltern und seiner Karriere verpflichtet fühlte.

Schwierigkeiten in der Ausbildung

Auch der Ausbildungsleiter der Walter-Reed-Klinik bezeichnet Hasan als eine eher zurückhaltende, ruhige Person. "Als ich von dem Amoklauf hörte, war ich schockiert. Es hat zu keinem Zeitpunkt Anzeichen dafür gegeben, dass Hasan so etwas tun könnte", sagte Thomas Grieger SPIEGEL ONLINE.

Allerdings räumte Grieger auch ein, dass es während Hasans Ausbildung "Schwierigkeiten" gegeben habe. Er habe eine Beratung und besondere Betreuung gebraucht. Die Probleme hätten mit seinem Verhalten gegenüber Patienten zu tun gehabt, Hasan sei aber "nie als aggressiv oder gewalttätig" aufgefallen, so Grieger weiter.

Was ist also geschehen?

Nach übereinstimmenden Angaben von Verwandten und Bekannten hatte Hasan zunehmend Probleme mit dem Militär und Zweifel an seinem Werdegang. Zum einen sei er seit dem 11. September 2001 von Kameraden wegen seines muslimischen Glaubens schikaniert worden, sagte seine Tante Noel Hasan der "Roanoke Times". Zum anderen sollte er Ende des Jahres selbst in den Irak geschickt werden, zu seinem ersten Übersee-Einsatz überhaupt - doch er sträubte sich.

"Die Idee, an die Front zu müssen, hat ihn entsetzlich mitgenommen", sagte Nader Hasan der "New York Times". Er kannte den Horror des Krieges nur zu gut. Schließlich behandelte er die Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung - zunächst im Walter Reed Army Medical Center und dann in Fort Hood. "Täglich erzählten ihm die Leute von dem Horror, den sie da drüben erlebten", so der Cousin. Hasan habe alles versucht, seine Entsendung zu verhindern.

Der 39-Jährige gilt als sehr gläubig

Der 39-Jährige versuchte, aus der Armee entlassen zu werden, und zog sogar einen Anwalt zu Rate. Doch offenbar ging es nicht nur um seine ganz persönliche Angst, sondern generell um die Rolle der USA in Afghanistan und dem Irak: "Wir sollten gar nicht in diesem Krieg sein", sagte er laut Oberst a. D. Terry Lee. Hasan sei nicht mit Präsident Obama und dessen Kriegspolitik einverstanden gewesen. "Er war sehr aufgebracht über Obama", so Lee, der mit Hasan zusammengearbeitet hat, im TV-Sender Fox News. Mit der Zeit sei er "immer aufgewühlter" gewesen und auch mit anderen Soldaten aneinandergeraten.

Der pensionierte Armeemediziner Lee schildert sogar , Hasan habe sich über einen Anschlag auf Soldaten "regelrecht gefreut" und die Meinung vertreten, Muslime hätten das Recht, "gegen den Aggressor" zu kämpfen. Eine reichlich verquere Perspektive für einen Armeepsychiater, der zudem noch auf die Behandlung von Traumata spezialisiert war.

Ob Hasan aus religiösen Gründen das Blutbad von Fort Hood anrichtete, lässt sich noch nicht sagen. Der 39-Jährige gilt als sehr gläubig. Er sei mindestens einmal am Tag zum Gebet gekommen, oft in seiner Uniform, sagte der ehemalige Imam der Moschee von Silver Spring. Eines Tages habe er eine ebenso religiöse Frau heiraten wollen, aber bislang keine gefunden. "Er wollte eine Frau, die fünfmal am Tag betet und ein Kopftuch trägt", sagte Faizul Khan laut "New York Times". Nach dem Tod der Eltern - der Vater starb 1998, die Mutter 2001 - soll Hasan noch gläubiger geworden sein.

Kaum Spuren im Netz

Im Internet hat Hasan kaum Spuren hinterlassen: Was angeblich von ihm bei Twitter steht, in diversen Foren an anzüglichen Statements zu lesen ist und eventuell auf der soeben reservierten Domain entstehen wird, sind Fälschungen: Meist zynische Äußerungen von Trittbrettfahrern. Selbst beim Ärztebewertungsportal Vitals  war Hasan bis circa eine Stunde nach dem Amoklauf ein völlig unbeschriebenes Blatt.

Nur beim Dokument-Hosting-Service Scribd.com gibt es eine höchstwahrscheinlich authentische Äußerung,  die es in Rückschau durchaus in sich hat. Dort reagiert Hasan in einem einzigen Blog-Kommentar auf den Aufsatz eines Muslims, der argumentiert, dass das sogenannte Märtyrertum dem Geist des Islam widerspreche, weil es den Selbstmord des Täters einschließe.

Hasan widerspricht dem mit einer seltsamen Analogie: So wie der Fall eines US-Soldaten, der sich auf eine Granate werfe, um seine Kameraden zu retten, sei auch die Tat des Selbstmordattentäters, der 100 Feindsoldaten töte. Das Ziel der Aktion sei ja nicht die Selbsttötung, sondern ein höheres Wohl: die Rettung von Kameraden, die Vernichtung von Feinden.

Das alles sei den Schriften von "Gelehrten" zu entnehmen, die sich entsprechend geäußert hätten. Hasan schrieb: "Du kannst sie verrückt nennen, wenn du willst, aber ihre Taten sind keine Selbstmorde, wie sie der Islam verabscheut."

In den dschihadistischen Internetforen ist der Anschlag nun ein großes Thema. Dort wird bereits die Frage debattiert, ob Hasan ein wahrer Muslim sei, der seine Wurzeln wiederentdeckt und entsprechend gehandelt habe - oder ein Verrückter. Ob Hasan selbst in solchen Foren aktiv war, war zunächst nicht bekannt.

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